Rita Kesselring, Ethnologin und assoziierte Professorin für Urban Studies an der Universität St.Gallen, findet an meinem Sklavereibericht einiges zu loben, äussert aber auch dezidiert Kritik. Auf diese Kritik gäbe es einiges zu erwidern. Vieles davon dürfte aber nur Fachleute und Informierte interessieren. Ich möchte mich hier auf drei Problemfelder beschränken, die ich für allgemein relevant halte:
- Angesichts der noch immer schmalen Basis an Forschungsliteratur und greifbaren Quellen stellt Rita Kesselring an den Bericht überzogene Forderungen. Er soll leisten, was man – wenn überhaupt – erst in der Zukunft wird leisten können. Rita Kesselring beurteilt den Bericht, als wäre er eine akademische Fachpublikation. Das ist er aber nicht. Sie bemängelt, dass er «wenig neue Grundlagen oder Thesen liefert, um sich inhaltlich zu streiten». Muss er das? Und wer soll sich da streiten? Ich vermute, sie denkt da primär an den akademisch-theoretischen Diskurs über die Themen. Er ist längst ein riesiges, global vernetztes Feld für sich, mit Fachliteratur, Vorlesungen und Seminaren, Kongressen, Blogs, Websites. Das ist interessant und wichtig, gewiss, aber auch mit teilweise hohen Verständnisbarrieren und einem überschaubaren Kreis von Interessierten – zumindest in St.Gallen. Diesem Diskurs einen eigenen, angemessenen Platz im Bericht einzubauen, hätte dessen Rahmen gesprengt. Gäbe es nicht Möglichkeiten, das an der Universität St.Gallen aufzugreifen? Rita Kesselring lehrt ja dort.
- Rita Kesselring bewertet diesen Bericht am «wissenschaftlichen und inklusiven Standard zu Kolonialismus und Sklaverei». Offen bleibt, was sie genau darunter versteht. Offen bleibt ebenso, wie weit dieser Standard im vorliegenden Fall zwingend, sinnvoll und realisierbar ist. Aus meiner Sicht zentral: Dieser Sklavereibericht ist bestrebt, auch interessierte und engagierte Laien anzusprechen. Er ist immerhin ein offizieller Auftrag der Stadt und behandelt wichtige Kapitel der St.Galler Stadtgeschichte, die für möglichst viele Menschen in St.Gallen und darüber hinaus offen sein soll, greifbar, verstehbar und erzählbar. Er will einen Überblick bieten, aber auch für das Thema sensibilisieren, Materialien für die weitere Beschäftigung damit liefern. Der Bericht deklariert das in der Einleitung klar und zieht es dann durch – von der gewählten Sprache über die inhaltlichen Schwerpunkte bis zum ausführlichen Bildteil. Rita Kesselring hält das für gescheitert, äussert aber keinen einzigen Vorschlag, wie man es in diesem Bereich hätte besser machen können. Das ist nicht gerade konstruktiv. Akademische Wissenschaft allein reicht auf jeden Fall nicht. Die St.Galler Stadtgeschichte kann nicht auf einen wissenschaftlichen Diskurs reduziert werden.
- Rita Kesselring kritisiert, dass es für diesen Bericht eigentlich ein ganzes Team gebraucht hätte. Mit seinem Budget von 15’000 Franken und einem einzigen Historiker sei der Bericht «von Anfang an ein Ding der Unmöglichkeit gewesen». Wirklich? Wir sind hier in St.Gallen, wo Budgets für solche Projekte seit je knapp sind und in Zukunft wohl noch knapper werden. Hätte man also besser auf diesen Bericht verzichtet? Trotz dieser knappen Rahmenbedingungen leistet der vorliegende Bericht viel – das zeigen die Rückmeldungen, die er schon erhalten hat. Auch die von Rita Kesselring als «anekdotisch» kritisierten Teile sind wichtig: Der Bericht bringt diese Bibliotheks- und Archivquellen überhaupt erst ans Tageslicht. Da öffnen sich Fenster in die Stadtgeschichte, die es sonst nirgends gibt. Hier zeigt sich ein allgemeines Problem. Die Knappheit der Ressourcen und die Überschaubarkeit des Publikums in St.Gallen führen dazu, dass es für vieles nur eine realisierbare Lösung gibt – ein Buch, eine Ausstellung, einen Vortrag – und das führt leicht zur Schlagseite: Man ist diesen zu anspruchsvoll oder zu populär, jenen zu speziell oder zu allgemein. Als Lösung drängt sich die Mischung auf, der Balance-Akt. Und auch das klappt längst nicht immer. Mit Sicherheit fallen da jedem und jeder Beispiele ein. Mir übrigens auch. Ist es im vorliegenden Fall gelungen? Das kann ich nicht sagen, Rita Kesselring aber auch nicht. Das wird sich zeigen.