Kategorie
Autor:innen
Jahr

Rote Welle? Ja klar!

In einer Zeit, in der Achtklässler «Pornos auf ihren Kindertelefonen anschauen können», ist eines noch immer Tabu: die Menstruation. Schluss damit, finden zwei junge Frauen und gewinnen mit ihrem informativen und wunderbar gestalteten Buch «Ebbe und Blut» den Deutschen Design Award 2018.
Von  Veronika Fischer , 
Die Autorinnen. (Bild: Katharina Pflug)

Von Zeit zu Zeit gelangt es in die Öffentlichkeit und sorgt für Wirbel: Menstruationsblut. Beispielsweise durch die Aktion von Aktivistinnen in Zürich, die einen Brunnen rot färbten, um auf die hohen Kosten von Hygieneprodukten aufmerksam zu machen oder den aktuellen Beitrag der Fotografin Jade Bell zum Thema Bodyshaming.

Und hier ist er auch schon, der Begriff, unter dem das monatliche Bluten sonst verhandelt wird: Bodyshaming. Tja, wir leben im 21. Jahrhundert, jede von uns tut es von Zeit zu Zeit und doch ist es noch immer peinlich: der Besuch von Tante Rosa, die Erdbeerwoche oder auf der roten Welle zu reiten. Und diese Scham führt nicht nur dazu, dass wir Frauen penibel darauf achten, nicht als menstruierend wahrgenommen zu werden, sondern noch viel Schlimmer – das gesellschaftliche Tabu führt dazu, dass kaum eine(r) weiss, was es eigentlich mit diesem Phänomen auf sich hat.

Mythos Menstruation

Die Menstruation ist – welch Wunder – so alt wie die Menschheit selbst und hat im Laufe der Geschichte zu wilden Missverständnissen geführt. Ein wirklich lohnenswerter Artikel zur Kulturgeschichte der Menstruation zeigt, dass es aufgrund dieser biologischen Notwendigkeit zu allerhand absurden Theorien kam.

In der Antike beispielsweise war man (in diesem Fall Pythagoras) der Ansicht, dass die jeden Monat (lat. «mensis») auftretende Blutung der Reinigung gilt, um den Frauenkörper von zu viel Blut und Nährstoffen zu befreien. Hippokrates sah die Frau als ein weniger verdichtetes Wesen als den Mann an, und so mussten die überschüssigen Lebenssäfte logischerweise regelmässig abfliessen.

Der sonst so schlaue Aristoteles verfolgte ebenfalls die Theorie, dass überschüssiges Blut im Menschen abgesondert werden müsse. Da er den Mann als wärmer ansah als die Frau, schrieb er diesem die Eigenschaft zu, sein Blut zu kochen und in komprimierter und klarer Form abzuspritzen, während aus der Frau, dem niederen Wesen, der trübe Saft unkontrolliert herausläuft. Immerhin erkannte Aristoteles den Zusammenhang zwischen weiblichem Monatsblut und der Geburt, womit er den Frauen eine Verwandtschaft zu ihren Kindern zugestand, was ansonsten als reine Vatersache gesehen wurde. Meine Herren!

Grundsätzlich herrschte bis lang übers Mittelalter hinaus der Volksglaube, dass die Blutung giftig, unrein sowie unnütz sei, und die angebliche Minderwertigkeit der Frau an sich wurde unter anderem damit begründet. Gleichzeitig wurden dem Blut aber auch immer magische Kräfte zugesprochen und es war die Zutat vieler Zaubermittelchen und magischer Rituale.

Um mit diesem Humbug aufzuräumen, musste erst eine weise Frau kommen: Hildegard von Bingen erkannte den Zusammenhang von Menstruation und Fruchtbarkeit, wenn auch immer noch im Kontext von Sünde. Auch in der Aufklärung mühten sich einige grosse Denker weiter an der Natürlichkeit der Frauenkörper ab. Rousseau betrachtete die Blutung als Folge von Überfressenheit, Unbeweglichkeit und mangelndem Sex.

Luisa Stömer, Eva Wünsch: Ebbe & Blut – Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus. Gräfe und Unzer, 2017

Man muss sich also nicht fragen, wo das heutige Anspruchsdenken an die Weiblichkeit seinen Ursprung hat… Im 19. und 20. Jahrhundert wurde so nach und nach der Zusammenhang mit der Fortpflanzung erkannt, allerdings mit dem Irrglauben, dass der Eisprung während der Menstruation stattfinde, ähnlich wie bei der Brunft vieler Säugetiere. Manche Ärzte sahen auch eine unerfüllte Schwangerschaft in der Blutung, und da die Mutterschaft als Daseinszweck der Frau galt, hielten sie es für erstrebenswert, dass diese zwischen erster und letzter Blutung ständig schwanger sein solle, um das Auftreten der Menstruation im gesamten Frauenleben zu verhindern.

Erst 1958 wurde dann bewiesen, dass das Blut nicht giftig ist, etwa zeitgleich kam der erste Tampon auf den Markt. Noch immer ist die Thematik aber mit Scham besetzt und wird nicht nur in der Werbung für Hygieneartikel verfälscht dargestellt. Dort tropft eine blaue Flüssigkeit auf den Tampon, während die Frau in einer weissen Hose joggen geht. Realität? Hallo?

Ebbe und Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus

Luisa Stömer und Eva Wünsch sind zwei Grafikerinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit einem Buch ehrliche Aufklärungsarbeit zu leisten. In einem Zeitalter der in die «Daumenhaut verpflanzten Mikrochips, mag das auf den ersten Blick überflüssig wirken», schreiben sie im Vorwort zu Ebbe und Blut, aber auch wenn «Achtklässler mit Fahrradhelmen Pornos auf ihren Kindertelefonen anschauen können» und man sich eine Vagina mittels Webcam von innen anschauen kann, hat niemand wirklich eine Ahnung, wenn es um die essentiellen Fragen rund um den Uterus geht, aus dem wir schliesslich alle kommen.

Die Mitte des weiblichen Körpers – der Ursprung allen Lebens. «Trotz Google, gutefrage.net und Mädchenabenden ist grundlegendes Wissen an uns vorbeigegangen», schreiben sie weiter. Doch damit ist jetzt Schluss: In 14 Kapiteln plus kleiner Enzyklopädie und Quellenverzeichnis erklären die Autorinnen alles rund um den Zyklus. Zwischendrin schöne Zitate, zum Beispiel: «Von all den unglaublichen Heldentaten des weiblichen Organismus spüren wir herzlich wenig. Völlig unbeeindruckt braten wir Pfannkuchen, schrauben Regale an die Wände oder schlafen, während der Ursprung eines neuen Lebens im Bauch herum schwimmt…

Aufgemacht ist das Buch ein bisschen wie ein Poesiealbum: quadratisch mit viel Zartrosa und wundervollen Grafiken. Diese sind zumeist Collagen aus Retro-Fotografien, mit Blumen und Pflanzenornamenten, viel Schwarzweiss, schlicht und doch verspielt. Sehr passend zum sprachlichen Stil des Ratgebers, der sich klar an ein junges Zielpublikum wendet und in einem frechen und witzigen Ton sehr ansprechend einen Überblick über biologische Fakten, hygienische Massnahmen (vom Tampon bis zum Mooncup oder der freien Mens), Verhütungsmethoden und natürlichen Kräutern zur Linderung des Leidens schafft.

Dabei zeigt sich der Band in einer Vollständigkeit, wie es sich für ein gutes Aufklärungsbuch gehört, und birgt darüber hinaus ab und an kleine Details, die überraschen. Vorwiegend im Kapitel «Bloody Details» wo es um Marihuanazäpfchen, Astronautinnen und die Comenstruation von Freundinnen geht.

Ein Buch also für alle, die sich ein wenig Zeit nehmen wollen, um diese der Betrachtung des eigenen Uterus zu widmen. Dafür sollte schon ab und zu mal ein Moment drin sein, immerhin verbringen wir durchschnittlich 2300 Tage blutend in unserem Frauenleben. Und auch die Herren der Schöpfung sollten einen Blick in das Werk werfen, wenn sie sich nicht ganz zum Aristoteles machen wollen!

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max