Martin Luther hat dem Volk aufs Maul geschaut – und es dazu gebracht, im Gottesdienst den Mund aufzutun, als singende Gemeinde. Kein Wunder, dass das Reformationsjubiläum Kirchenmusiker himmelhochjauchzend stimmt: Allein der Blick auf das schier grenzenlose Repertoire an geistlicher Vokalmusik, das sich in fünf Jahrhunderten nach Luther angesammelt hat, ist Grund genug zum Jubilieren.
Keine Flucht in die Vergangenheit
Umso schwieriger die Auswahl aus der Fülle an Meisterwerken von den Passionsvertonungen bis hin zu Kleinformen, zu Psalmen, Motetten und Choralsätzen. Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy haben die Schatzkammer reich gefüllt. Doch nicht nur sie. Viel Vergessenes ist in den vergangenen fünfzig Jahren wiederentdeckt worden. Und abgerissen ist die Verbindung zu Luther und den Quellen, aus denen er selbst schöpfte, bis heute nicht.
«Jauchzet dem Herrn» steht als klingender Titel über dem ersten der diesjährigen Laurenzen-Konzerte. Bernhard Ruchti, Organist und künstlerischer Leiter, wollte zum Auftakt der Reihe ein abendfüllendes, jedoch nicht abendsprengendes Chorkonzert mit repräsentativen Werken der reformierten Kirchenmusik aus den vergangenen fünfhundert Jahren zusammenstellen – und gleichzeitig einen klaren Akzent auf Musik der Gegenwart, des 20. und 21. Jahrhunderts setzen. Bei allem Geschichtsbewusstsein: Bernhard Ruchti liegt die Zukunft mindestens so nahe. «Ein Jubiläum birgt die Gefahr, sich in vergangene Zeiten zu flüchten. Stattdessen sollten wir dringend überlegen, was wir tun können, damit es auch noch ein 600-Jahr-Jubiläum der reformierten Kirche geben wird», sagt er.
«Verstöre mich!»
Er selbst hat seinen Teil dazu beigetragen und ein gut zehnminütiges Werk für gemischten Chor, Soli und Instrumentalensemble komponiert, das der Konzertchor St. Gallen am Freitag im Rahmen der Laurenzen Konzerte unter der Leitung von Bernhard Bichler uraufführen wird. Die Kantonalkirche, der neue klassische Kirchenmusik ein Anliegen ist, unterstützt das Konzert finanziell; als Solisten wirken Ursina Leuenberger (Sopran), Maja Hermann (Alt), Jens Weber (Tenor) und Bernhard Bichler (Bass) mit.
In Anlehnung an den vielfach vertonten Psalm 130 «De profundis» («Aus der Tiefe») trägt Ruchtis Komposition den Titel Auf die Tiefe: ein irdisch‘ Fahrtenlied. Den Text, eine Neudichtung des Busspsalms, hat er bei einem deutschen Schriftsteller und Lyriker in Auftrag gegeben: Bernd Marcel Gonner. Ruchti schätzt dessen kernige, leidenschaftliche Sprache. «Sie bot mir einen Steilpass für farbige Musik», sagt er. Zugänglich sollte sie sein und für gute Laienchöre nicht zu schwierig.
Laurenzen-Konzerte: 7.9., 14.9., 21.9., jeweils 19.30 Uhr, Kirche St. Laurenzen St.Gallen
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«Aus der Tiefe rufe ich, Herr, / verstöre mich! / Spül meine Ohren mit Salz / und netze meine Augen mit Glut / – aber betöre mich!» So hebt Gonners Gegenwartspsalm an: aus der Tiefe – aber nicht in gebeugter Büsserhaltung. Sondern herausfordernd auf Augenhöhe mit Gott, dem «Herrn» im Dialog. «Mit dieser Anrufung habe ich sonst eher Schwierigkeiten», gesteht Bernhard Ruchti. Als zu eingeschränkt, als Ausdruck patriarchaler Strukuren empfindet er die Vorstellung eines männlichen Gottes. «Ich bin relativ ‚gender‘», sagt er. Bernd Marcel Gonners Text aber lädt das Gespräch mit Gott geradezu leidenschaftlich und sinnlich auf. In der Partitur wechseln kleines und grosses Vokalensemble; Geige und Perkussion haben tragende Aufgaben. Was sehr leise und fragil beginnt, ballt sich im Mittelteil zu sehr energetischer, expressiver Musik.
Eingebettet ist die Uraufführung in ein Programm mit Werken von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Heinrich Kaminski, Willy Burkhard, David Lang und Ola Gjeilo.
Violinsolo und Klaviertrio
Am darauffolgenden Freitag ist mit der Geigerin Michelle Makarski eine herausragende Künstlerin aus den USA zu Gast. Sie wurde bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit dem Pianisten Keith Jarrett. Michelle Makarski spielt Barockmusik von Bach und Tartini für Violine solo, ausserdem die Chaconne aus Max Regers Sonate a-Moll und George Rochbergs Caprice Variations: feine, filigrane, hochvirtuose Musik, die den Kirchenraum zum Klingen bringen wird.
Das letzte der drei Konzerte am 21. September entschleunigt ein Meisterwerk der Kammermusik: Corinna Canzian, Esther Saladin und Bernhard Ruchti werden Beethovens Klaviertrio c-Moll in historischen Tempi interpretieren, ausgehend von neuen Forschungen. Kein Ton soll da in allzu hastigem Prestissimo verloren gehen. Stattdessen Beethovens musikalischer Geist auf unerhörte Weise erlebbar werden: Aus der Tiefe.
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