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Tell im öffentlichen Raum

Auf dem Münsterplatz in Konstanz inszeniert Johanna Wehner Schillers «Wilhelm Tell» mit politischem Ernst, aber auch einiger Ironie. Ein Schuss ins Schwarze – nicht (nur) auf den Apfel, schreibt Brigitte Elsner-Heller.
Von  Gastbeitrag
Bilder: Ilja Mess, Theater Konstanz

Regieanweisung: «Hohes Felsenufer des Vierwaldstätter Sees, Schwyz gegenüber». Dann Sonnenschein. Harmonisches Geläut der Herdenglocken ist zu vernehmen, wenn zum Kuhreigen angestimmt wird: «Es lächelt der See, er ladet zum Bade». So wirft Friedrich Schiller in Wilhelm Tell die Naturidylle hin, die zum Ausgangs- und Referenzpunkt wird für den Freiheitskampf der Schweizer Urkantone und damit den Bund für die Alte Eidgenossenschaft. Ein deutscher Dichter, ein Thema, das Schweizer Gründungsmythos ist, sich nie überlebt hat und heute wieder aktueller denn je erscheint: Was könnte sich als Stoff besser für eine Bühnenarbeit des Konstanzer Stadttheaters eignen, das die benachbarte Schweiz immer mit im Blick hat?

Auch Dagmar Schlingmann, als Intendantin Vorgängerin von Christoph Nix, hatte das Potenzial erkannt und Wilhelm Tell 2003 in einer ehemaligen Industriehalle denkwürdig auf schiefer Ebene spielen lassen. Heute nun unter der Regie von Oberspielleiterin Johanna Wehner: eine Freilichtaufführung vor der Kulisse des Konstanzer Münsters, das als Bühnenprospekt erstaunlich wenig in die Inszenierung einbezogen wird – oder einbezogen werden kann? Freiheitsbewegungen und Monumente mittelalterlicher Glaubensherrschaft lassen sich vermutlich nicht leicht in einem Atemzug nennen.

Johanna Wehner hat sich dazu entschieden, aus der Alpenidylle einen öffentlichen Raum zu machen, der für alle zugängig ist. Merke: Die Fragen, die gestellt werden sollen, betreffen uns alle, ungeachtet unserer Herkunft und unseres Status‘. Aus schmucklosen Bänken hat Bühnenbildnerin Elisabeth Vogetseder eine Berglandschaft aufgetürmt, auf der ein ständiges Auf und Ab leicht zu visualisieren ist. Was auch als Metapher für Tells Monolog verstanden werden könnte, in dem er die Rechtfertigung für den geplanten Mord an Landvogt Gessler sucht: «Auf diese(r) Bank von Stein will ich mich setzen, dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet – denn hier ist keine Heimat – jeder treibt sich an dem anderen rasch und fremd vorüber und fraget nicht nach seinem Schmerz.» Heimat setzt Freiheit voraus, das Miteinander konstituiert den Handlungsraum.

Tell, der Lonesome Cowboy

Aber noch ist die Zeit des Fischerknaben und seiner Verse «Es lächelt der See, er ladet zum Bade». Auf der Bühne, die reichlich Raum bietet, übernimmt ein kleines Mädchen diese ersten Worte – als ginge es um die Zerbrechlichkeit der heilen Welt. Doch das Wetter und mit ihm die Stimmung schlägt um. Auf Fischer, Jäger und Senner trifft ein Mensch auf der Flucht: Baumgarten (Georg Melich) hat, um seine Frau zu schützen, den Burgvogt erschlagen und wird verfolgt.

Während der Fischer noch zögert, den Flüchtigen über den See zu setzen, tritt Wilhelm Tell (Thomas Fritz Jung) auf. Einer, der frohen Mutes ist und zupackt, ohne dabei eigentlich ein politisch Handelnder zu sein. Während die Abgesandten der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden sich schon zusammenschliessen, um Widerstand gegen die Herrschaft der Habsburger zu leisten, ist Tell ein Einzelner, der erst durch den Willkürakt, auf seinen eigenen Sohn schiessen zu müssen, zum «Staatsfeind» wird.

Uschi Haug (Kostüme) hat diesen Tell folgerichtig als Lonesome Cowboy ausstaffiert, und auch den übrigen Kostümen ist eine kreative Note zu eigen, die Frische suggeriert und Dynamik. In schwarz und damit als lebende Tote werden später dagegen der Landvogt Gessler und seine Schergen auftreten. Im Blick auf die Zukunft ist Gegenwart schon zur Vergangenheit geworden.

Erstaunlicherweise schafft es Johanna Wehner in ihrer Inszenierung, auch ohne überbordenden Einsatz von theatralen Mitteln den Raum vor der Münsterkulisse stimmig zu bespielen (die wunderbare Klangkulisse von Antonio Vecchio passt sich hier ein). Jedes Ensemblemitglied hat seine präzise ausgearbeitete Rolle und wird so zu einer prägnanten Figur im Spiel, ohne in der Fülle der Akteure unterzugehen.

Das liegt auch daran, dass die zahlreichen Statisten gut geführt sind. Besonders gilt dies für die Kinder und Jugendlichen, die wie selbstverständlich auf der Bühne stehen (Julian Griener spielt bei der Premiere mit spürbar coolem Vergnügen Tells Sohn, der es mit dem Apfel zu tun bekommt). «Viel hilft viel» – das ist dabei nicht die Sache von Johanna Wehner, die das Theater Konstanz mit dieser Inszenierung als Oberspielleiterin verlässt. Wollte sie noch einmal ein Statement setzen wider blinden Aktionismus?

Die Frauen haben ihren eigenen Kopf

Schiller hat in Wilhelm Tell die Kraft aufgerufen, die im Volk steckt, wenn es aufbegehrt – in diversen Varianten ist dies natürlich heute sehr aktuell. Wie wichtig es ist, dass Widerstand vom Volk getragen wird, packt Johanna Wehner in ein starkes Bild: Baumgarten (Georg Melich) wird vom Volk aufgefangen, als er sich in die Tiefe stürzt. Und so wichtig es ist, dass sich Männer zum politischen Bund vereinigen, so bedeutsam sind auch die Frauen, die nicht nur die Familie als kleinste soziale Einheit mit konstituieren, sondern wichtige Ratgeberinnen sind.

Wilhelm Tell: diverse Termine bis 27. Juli, Münsterplatz Konstanz

Tickets (übrigens auch Familienkarten mit Rabatt!) und Infos: theaterkonstanz.de

Heiter mit anzusehen, wie Bettina Riebesel als Gertrud ihren leicht phlegmatischen Gatten Werner Stauffacher (Jörg Dathe) zum Aufbruch drängt, nur um dann in Ruhe weiter zu gärtnern (soviel Ironie muss auch in Zeiten von Gender-Korrektheit sein dürfen). Dann Julian Härtner als Adelsspross Ulrich von Rudenz, der sich am Kaiserhof dienstbar macht, nur um das edle Fräulein Bertha (Laura Lippmann) zu beeindrucken – die aber wiederum eine recht freiheitliche Gesinnung zeigt und den Jüngling auf seinem Weg zum Widerständler unterstützt.

Das dritte Paar: Tell und seine Frau Hedwig (Natalie Hünig). Die ist nicht unbedingt stolz auf die Tat ihres Mannes, sondern nachhaltig erschüttert darüber, dass ihr Wilhelm den Pfeil auf den eigenen Sohn gerichtet hat. Auch Tell selbst ist am Ende nicht der strahlende Held, der sich der gemeinsamen Sache angedient hat. Während das Volk sich im Glück sieht, ist Wilhelm Tell ein Mann, der mit seiner Schuld leben muss.

Und der Rütli-Schwur? Und Tells Geschoss? Ganz starke Szenen hat sich die Regisseurin dafür einfallen lassen. Der Schwur wird fast «vergessen», dann aber noch eben an alle (sprich: auch das Publikum) gerichtet. Wie Johanna Wehner die Sache mit dem Apfel umgesetzt hat, soll jedoch nicht verraten werden.

Die zehnte Produktion im Rahmen der sommerlichen Freilichtaufführungen des Konstanzer Theaters ist unbedingt sehens- oder mehr noch: erlebenswert. Eine gelungene Melange aus Unterhaltung und Sinnproduktion.

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