Kategorie
Autor:innen
Jahr

Unperfekt, als Mutter und Geliebte

Ida Panahandehs Spielfilm «Nahid» erzählt die Geschichte einer iranischen Mutter, die für ihre Freiheiten kämpft – und eine grosse Entscheidung trifft.
Von  Sarah Schmalz , 
Sareh Bayat spielt Nahid (Bild: pd)

Grau. Alles ist in diesem Film ist grau. Das Wetter ein Mix aus Nieseln und Starkregen, das Meer in trübem Aufruhr. Zentrum der Handlung: ein vom Salz angefressener Wohnblock, hinter einem schmutzigen Strand. Es ist die deprimierende Kulisse eines Liebesfilms, den Regisseurin Ida Panahandeh entlang der Bruchlinien iranischer Moderne erzählt.

In Cannes wurde ihr Kinodebüt mit dem Spezialpreis der Sektion «Un certain regard» ausgezeichnet. Keine Frage: Die junge Regisseurin reiht sich mit ein in die Garde einer iranischen Filmer-Generation, die mit ihrem aufregend hyperrealistischen Kino international für Furore sorgt.

Panahandeh lässt ihre Geschichte nicht in der Hauptstadt Teheran spielen, sondern in einer Kleinstadt am kaspischen Meer – Flitterwochen-Destination für iranische Grossstadtpaare, beklemmend enge Heimatstadt der geschiedenen Mutter Nahid. Mit ihrem zehnjährigen Sohn Amir Reza lebt sie in einer schäbigen Wohnung. Einziges Prunkstück: ein im Übermut angeschafftes rotes Sofa.

Die junge Frau hat sich ihre Freiheit teuer erkauft. Sie verzichtet auf Unterhaltszahlungen ihres Ex-Mannes, der ihr dafür das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn überlassen hat – unter einer weiteren Bedingung: Nahid darf nicht wieder heiraten.

Verstörende Vielschichtigkeit

Meist trifft sie Massoud am Strand. In manchen Szenen schlendert ein Hund an den Küsten entlang. Fast immer hebt ein rauher Wind die Mäntel des Liebespaares an. Oft betrachtet der Filmzuschauer die Szenen als heimlicher Voyeur, auf dem Monitor einer Überwachungskamera. Massoud besitzt ein Hotel, steht selbst oft vor den Monitoren der auf den Strand gerichteten Überwachungskameras und beobachtet Nahids einsame Spaziergänge. Seine Heiratsanträge wehrt die Geschiedene anfangs vehement ab. Als sie sich schliesslich für die neue Liebe entscheidet, gerät das Leben immer weiter in Schieflage.

Premiere im Kinok St.Gallen: 16. Juni, 19 Uhr
Infos: kinok.ch

Sie habe keinen politischen Film gedreht, sagt Ida Panahandeh in Cannes. Sondern lediglich die persönliche Geschichte einer iranischen Frau erzählen wollen. Unmöglich aber, was aus dem Iran kommt, ohne Kontext zu betrachten. Wie der erfolgreiche iranische Kinofilm Nader und Simin – eine Trennung von Asghar Farhadi thematisiert auch Nahid die politische Unterdrückung iranischer Frauen, die bei einer Scheidung von Gesetzes wegen das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren. Doch Ida Panahandehs Film ist roher als sein stiller, einfühlsamer Vorgänger.

Schnauben und Schwitzen

Stellenweise erinnert er eher an den nur schwer zu ertragenden Film Parviz des iranischen Regisseurs Majid Barzegar. Das Drama erzählt die Geschichte eines 50-Jährigen, der sein gesamtes bisheriges Leben zuhause gelebt hat – bis ihn sein Vater wegen seiner neuen Frau auf die Strasse stellt. Für Familie und Nachbarn war Parviz ein gutmütiger, dicklicher Gehilfe. Die Verbannung in eine Wohnung fernab des eigenen Stadtviertels weckt Rachsucht; die Geschichte endet in einem grausamen Verbrechen.

Majid Barzegar verfolgt das Schnauben und Schwitzen seines Protagonisten mit der Kamera so eng, dass es kaum auszuhalten ist. Verstörend ist der Film vor allem deshalb, weil einen als Zuschauer das Mitleid mit dem Protagonisten nie ganz loslässt – was der Regisseur mit anstrengender Vielschichtigkeit erreicht. Nicht die Geschichten der beiden Filme ähneln sich, sondern ihre Erzählweisen: Auch Ida Panahandeh schont ihre Zuschauer nicht.

Rohe Gewalt

Ihre Protagonistin zeichnet die Regisseurin nicht als unstreitbares Opfer. Nahid gerät von der Situation zunehmend unter Druck. Nur schwer zuzuschauen ist dem zunehmend schwierigen Verhältnis zu ihrem heranwachsenden Sohn, der oft zum Opfer von emotionalen Entgleisungen wird. Schmerzhaft etwa die Szene, in der das Kind blutüberströmt von einem brutalen Angriff nachhause torkelt – und bei der überforderten Mutter auf Ablehnung stösst. «Du bist wie dein fürchterlicher Vater.»

Überhaupt: Gewalt bricht mit verstörender Nebensächlichkeit in die Leben der Protagonisten ein. Etwa, wenn Nahids Ex-Mann, ein ehemaliger Junkie, von Geldeintreibern in die Toilette gezerrt und brutal zusammengeschlagen wird. Auch er ein Abbild der iranischen Gesellschaft – in der niemand abgesichert wird, der die gesellschaftlichen Normen verletzt.

Nahid bleibt als Mutter und Geliebte unperfekt, und vielleicht liegt gerade darin die Stärke dieses Filmes über eine Frau, die mutig für ihre gesellschaftlichen Freiheiten kämpft. Und am Ende eine Entscheidung trifft.

 

Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter