«Das Internet» ist leider nicht die grossartige Befreiungsmaschine, die wir uns anfangs ausgemalt haben. Spätestens seit dem NSA-Skandal wissen das auch jene, die nicht IT- oder datenschutzaffin sind. Edward Snowden hat eindrücklich beweisen, was viele schon lange befürchtet hatten: Die Geheimdienste spionieren uns permanent aus, sie durchwühlen unseren digitalen Wäscheschrank grundlos und ohne demokratische Legitimation.
Vor gut einem Jahr ist Edward Snowdens Autobiografie Permanent Record erschienen. Darin beschriebt er seinen Werdegang und auch seine Entscheidungsfindung, zum Whistleblower zu werden und sein bisheriges Leben zu riskieren. Vieles davon wurde schon erzählt, unter anderem in Laura Poitras’ oscarprämiertem Dokumentarfilm Citizenfour oder in Glenn Greenwalds Bestseller Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen.
Lindsay Mills ist das Sprachrohr
Pierre Massaux, Reggisseur und Dramaturg aus Speicher, hat aus diesem Stoff nun ein Solo-Bühnenstück gemacht, mit Alexandra Kraft in der Hautrolle, die die Geschichte aus der Warte von Snowdens Partnerin Lindsay Mills erzählt. Als Grundlage diente ihm Snowdens Biografie, allerdings durfte er aus rechtlichen Gründen nicht direkt aus dem Buch zitieren, darum behalf er sich mit Zeitungsartikeln.
Snowden habe heldenhaft die Wahrheit über das globale Überwachungssystem publik gemacht, sagt Massaux bei seiner Einführung an der Vorstellung am Freitag im Theater 111. Es sei erstaunlich, dass ein solcher Mensch nirgends auf der Welt willkommen sei; dass kein Land ihm Asyl geben wolle, abgesehen von Russland. Und überhaupt: «Wer überwacht eigentlich die Überwacher?»
Massaux sieht Parallelen zwischen Snowden und König Artus, der in der Sage mit seinem Schwert in das Auge des Riesen Rhitta Gawr sticht und ihn so tötet. Der Legende nach sollen Artus und seine Ritter der Tafelrunde den Riesen anschliessend unter dem Berg «Snaw Dun» begraben haben, was auch Snowden in seinem Buch beschreibt. Massaux’ Dramaturgie ist inspiriert von dieser Legende.
Snowden – Die Wahrheit: 4., 9., 10., 11., 15. und 16. Oktober, Theater 111, St. Gallen
theater111.ch
Passt zum Einstieg ins Stück: Sakrale Chöre, Schummerlicht, leere Holzbühne. Erwartet uns ein Heldenepos? Der Gedanke wird jäh unterbrochen, als Alexandra Kraft mit Sonnenhut, heller Bluse und Flipflops daher hüpft, einen Zauberwürfel in der Hand. Dieser war quasi Snowdens Schwert, um in der Artus-Analogie zu bleiben; mithilfe des Würfels hat er damals die Daten aus dem Hochsicherheitsgebäude geschmuggelt. Er hat sie unter den farbigen Aufklebern versteckt, wie er in seiner Biografie verrät.
Das Stück ist wie der Würfel ein Zusammenspiel vieler einzelner Teile und Komponenten, Kraft muss in ihrem rund 70-minütigen Monolog diverse Facetten spielen. Sie ist das Sprachrohr Snowdens, die besorgte, aber ahnungslose Partnerin, die Chronistin eines globalen Skandals, und sie zitiert aus der Artus-Saga, griechischen Mythen und aus Schriften der Weissen Rose – eine weitere Parallele.
«Das Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf»
Die heutige totale Überwachung und die Fichierung und Verfolgung der Juden im Dritten Reich seien vergleichbar, sagt er. «Warum verhält sich das Volk angesichts all dieser scheusslichsten, menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch? Kaum irgendjemand macht sich Gedanken darüber und wieder schläft das Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf weiter und gibt diesen faschistischen Verbrechern Mut und Gelegenheit, weiter zu töten – und diese tun es», zitiert Kraft im Stück ein Flugblatt von Sophie Scholl und der Weissen Rose.
All diese unterschiedlichen Bezüge sind nachvollziehbar, aber sie machen die Sache komplexer als sie ohnehin schon ist. Snowdens Entscheidungen, seine Intention und die Zusammenhänge und Folgen der NSA-Affäre wären Stoff genug. Das Stück bräuchte nicht auch noch den Pathos der Artus-Heldensaga, die Verknüpfung zum Kampf der Weissen Rose oder Ahriman, den Gott der Zerstörung aus der persischen Theologie, der ebenfalls erwähnt wird. Snowden ist ohne all das längst Mythos – auch wenn er das nie sein wollte.
Trotzdem lohnt sich der Besuch. Gerade in Zeiten von Corona, Klimawandel und brennenden griechischen Lagern dürfen wir die weniger virulenten Krisen der Demokratie nicht vernachlässigen. Und jene, die bereit sind, alles zu riskieren für das Gemeinwohl, wie Snowden es nach langer Überlegung getan hat. Denn die Frage betrifft uns alle: Was akzeptieren wir – und wo müssen wir anfangen Widerstand zu leisten?
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?