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Wer überwacht die Überwacher?

Das Theater 111 in St.Gallen zeigt das Stück «Snowden – Die Wahrheit». Und zieht Parallelen zur Artus-Saga und der Weissen Rose.
Von  Corinne Riedener
Alexandra Kraft als Lindsay Mills, Snowdens Sprachrohr. (Bild: André Brugger)

«Das Internet» ist leider nicht die grossartige Befreiungsmaschine, die wir uns anfangs ausgemalt haben. Spätestens seit dem NSA-Skandal wissen das auch jene, die nicht IT- oder datenschutzaffin sind. Edward Snowden hat eindrücklich beweisen, was viele schon lange befürchtet hatten: Die Geheimdienste spionieren uns permanent aus, sie durchwühlen unseren digitalen Wäscheschrank grundlos und ohne demokratische Legitimation.

Vor gut einem Jahr ist Edward Snowdens Autobiografie Permanent Record erschienen. Darin beschriebt er seinen Werdegang und auch seine Entscheidungsfindung, zum Whistleblower zu werden und sein bisheriges Leben zu riskieren. Vieles davon wurde schon erzählt, unter anderem in Laura Poitras’ oscarprämiertem Dokumentarfilm Citizenfour oder in Glenn Greenwalds Bestseller Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen.

Lindsay Mills ist das Sprachrohr

Pierre Massaux, Reggisseur und Dramaturg aus Speicher, hat aus diesem Stoff nun ein Solo-Bühnenstück gemacht, mit Alexandra Kraft in der Hautrolle, die die Geschichte aus der Warte von Snowdens Partnerin Lindsay Mills erzählt. Als Grundlage diente ihm Snowdens Biografie, allerdings durfte er aus rechtlichen Gründen nicht direkt aus dem Buch zitieren, darum behalf er sich mit Zeitungsartikeln.

Snowden habe heldenhaft die Wahrheit über das globale Überwachungssystem publik gemacht, sagt Massaux bei seiner Einführung an der Vorstellung am Freitag im Theater 111. Es sei erstaunlich, dass ein solcher Mensch nirgends auf der Welt willkommen sei; dass kein Land ihm Asyl geben wolle, abgesehen von Russland. Und überhaupt: «Wer überwacht eigentlich die Überwacher?»

Massaux sieht Parallelen zwischen Snowden und König Artus, der in der Sage mit seinem Schwert in das Auge des Riesen Rhitta Gawr sticht und ihn so tötet. Der Legende nach sollen Artus und seine Ritter der Tafelrunde den Riesen anschliessend unter dem Berg «Snaw Dun» begraben haben, was auch Snowden in seinem Buch beschreibt. Massaux’ Dramaturgie ist inspiriert von dieser Legende.

Snowden – Die Wahrheit:
4., 9., 10., 11., 15. und 16. Oktober, Theater 111, St. Gallen

theater111.ch

Passt zum Einstieg ins Stück: Sakrale Chöre, Schummerlicht, leere Holzbühne. Erwartet uns ein Heldenepos? Der Gedanke wird jäh unterbrochen, als Alexandra Kraft mit Sonnenhut, heller Bluse und Flipflops daher hüpft, einen Zauberwürfel in der Hand. Dieser war quasi Snowdens Schwert, um in der Artus-Analogie zu bleiben; mithilfe des Würfels hat er damals die Daten aus dem Hochsicherheitsgebäude geschmuggelt. Er hat sie unter den farbigen Aufklebern versteckt, wie er in seiner Biografie verrät.

Das Stück ist wie der Würfel ein Zusammenspiel vieler einzelner Teile und Komponenten, Kraft muss in ihrem rund 70-minütigen Monolog diverse Facetten spielen. Sie ist das Sprachrohr Snowdens, die besorgte, aber ahnungslose Partnerin, die Chronistin eines globalen Skandals, und sie zitiert aus der Artus-Saga, griechischen Mythen und aus Schriften der Weissen Rose – eine weitere Parallele.

«Das Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf»

Die heutige totale Überwachung und die Fichierung und Verfolgung der Juden im Dritten Reich seien vergleichbar, sagt er. «Warum verhält sich das Volk angesichts all dieser scheusslichsten, menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch? Kaum irgendjemand macht sich Gedanken darüber und wieder schläft das Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf weiter und gibt diesen faschistischen Verbrechern Mut und Gelegenheit, weiter zu töten – und diese tun es», zitiert Kraft im Stück ein Flugblatt von Sophie Scholl und der Weissen Rose.

All diese unterschiedlichen Bezüge sind nachvollziehbar, aber sie machen die Sache komplexer als sie ohnehin schon ist. Snowdens Entscheidungen, seine Intention und die Zusammenhänge und Folgen der NSA-Affäre wären Stoff genug. Das Stück bräuchte nicht auch noch den Pathos der Artus-Heldensaga, die Verknüpfung zum Kampf der Weissen Rose oder Ahriman, den Gott der Zerstörung aus der persischen Theologie, der ebenfalls erwähnt wird. Snowden ist ohne all das längst Mythos – auch wenn er das nie sein wollte.

Trotzdem lohnt sich der Besuch. Gerade in Zeiten von Corona, Klimawandel und brennenden griechischen Lagern dürfen wir die weniger virulenten Krisen der Demokratie nicht vernachlässigen. Und jene, die bereit sind, alles zu riskieren für das Gemeinwohl, wie Snowden es nach langer Überlegung getan hat. Denn die Frage betrifft uns alle: Was akzeptieren wir – und wo müssen wir anfangen Widerstand zu leisten?

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