Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Wir verkaufen Journalismus»

Wie finanziert man heute unabhängigen Journalismus? Die Wiener Wochenzeitung «Falter» hat einen Weg gefunden. Teil 2 des Interviews mit Falter-Chefredaktor Florian Klenk. Von Michael Lünstroth
Von  Gastbeitrag , 
«Es wäre ein Fehler, immer zu glauben, dass eine journalistische Enthüllung eine unmittelbare Wirkung hat», Florian Klenk, Chefredakteur des Wiener Magazins «Falter». (Bild: Doron Rabinovici)

Herr Klenk, in der Medienbranche sucht man seit Jahren fieberhaft nach einem neuen Geschäftsmodell für Journalismus. Haben Sie da eine gute Idee?

Wir haben uns eigentlich auf ein altes Geschäftsmodell konzentriert: Wir verkaufen Journalismus, wir schenken nichts her. Dieses Bekenntnis ist sehr lange verlacht worden in der Branche. Ich muss selber gestehen, dass ich intern ein Kritiker dieser Policy war und gemeint habe, wir müssen mehr öffnen, wir müssen mehr gratis zugänglich machen, wir müssen das Netz mehr fluten mit unseren Produkten. Armin Thurnherr und Siegmar Schlager, unser Herausgeber und unser Geschäftsführer, haben das immer bekämpft und gesagt: Wenn wir mal anfangen unser Produkt zu verschenken, dann will es niemand mehr kaufen. Und sie haben Recht gehabt wider den Zeitgeist vor 10, 15 Jahren.

Trotzdem ist der «Falter» heute sehr präsent in den Sozialen Medien.

Das stimmt. Wir haben eine doppelte Strategie, wir schenken unser Zeug in den Sozialen Medien nicht her, aber wir nutzen die Sozialen Medien, um die Marke des Falter dort ständig zu platzieren.

Der Erfolg gibt Ihnen Recht, ihre Auflage ist stabil bei 46’000 Exemplaren, die Reichweite ist deutlich gestiegen in den vergangenen Jahren. Was können andere Redaktionen vom «Falter» lernen?

Was man lernen kann von uns, ist, dass man sich auf das Handwerk des Journalismus konzentriert, dass man Texte nicht als Grauwerte sieht, die mit Weissraum behübscht werden müssen. Was man lernen kann, ist, dass man sein Produkt selbstbewusst verkauft, dass man die Sozialen Medien verstehen lernen muss – als Werbeplattform, aber sie auch als Interaktionsplattform mit Leserinnen und Lesern wahrnehmen muss. Was man zudem lernen muss, ist, dass man journalistische Produkte in verschiedenen Kanälen verarbeitet – in Podcasts, in Veranstaltungen und anderen Formaten. Wir machen zum Beispiel auch sehr schräge Veranstaltungen: Wir bringen die Reden von europäischen Rechtspopulisten am Burgtheater dar, wir machen in einem Kellertheater ein Puppentheater mit den Facebook-Posts von Heinz-Christian Strache oder wir machen eine Ausstellung im Wienmuseum zu 40 Jahre «Falter».

Müssen sich Medien besser vermarkten?

Ja, auch das muss eine Zeitung machen – seine Geschichten vermarkten, seine Redakteurinnen und Redakteure auf Veranstaltungen schicken, zu Diskussionen schicken, rausschicken, nicht nur die Sozialen Medien als Diskussionsraum entdecken, sondern tatsächlich die Theater, die Clubs, die Salons, die Kellerbühnen zu bespielen und mit den Leuten in Kontakt treten.

Folgt man Ihnen und dem «Falter» in den Sozialen Medien, fällt auf, wie aktiv Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen dort sind. Wie lange kann man ein solches Tempo halten?

Wenn Sie mich fragen wollen, ob ich noch zu anderen Dingen komme, dann kann ich Ihnen sagen: Ja. Ich habe einen kleinen Garten, den ich bestelle und zwei Kinder. Klar, wir machen viel. Aber ich glaube nicht, dass wir mehr Stress haben als Unfallchirugen, Rettungsfahrer oder Kinderkrankenschwestern. Das sieht von aussen vielleicht nach viel aus, aber in Wirklichkeit kommuniziere ich halt einfach. Und wenn man das mit ein bisschen Kreativität und Schmäh unter die Leute bringt, dann funktioniert das. Ich glaube aber, das ist etwas, was jeder Zeitungsredaktion gelingen könnte. Wenn man so überlegt, was man den ganzen Tag erlebt, wo man hingeht, was man für Veranstaltungen besucht, was in der Redaktion los ist, was die Kollegen recherchieren, kann jeder jeden Tag interessante Postings fertigen und darüber informieren, was seine Zeitung unternimmt. Wir müssen als Journalisten nicht nur eine Zeitung produzieren, sondern auch zeigen, was wir sonst noch tun.

Hinter dem Falter stehen zwei Stiftungen. Ist stiftungsfinanzierter Journalismus ein Modell für die Zukunft?

Die Stiftungen sind eine handlungsrechtliche Organisationsform, aber sie haben keinen steuerrechtlichen Vorteil. Die Stiftungen sind eigene Rechtspersonen. Der «Falter» ist, wenn Sie so wollen, eine Verlegerzeitung. Wir gehören zu keinem Konzern, keiner Bank, keiner Kirche, sondern dahinter stehen zwei Verleger, die hier immer wieder ihr eigenes Geld aufs Spiel setzen, die auch in der Geschichte des «Falters» oft existenzielle Sorgen hatten. Die beiden Verleger sind in ihrem Umgang mit Geld sehr sorgsam, deshalb unterscheiden wir uns auch von anderen Zeitungen, wo das Management nicht das eigene Geld, sondern das Geld von Konzernen verantwortet. Umgekehrt haben die Eigentümer des «Falter» auch immer wieder auf diese verflucht hohen Renditen verzichtet, die andere Verlage kaputt gemacht haben.

Wenn jemand heute ein Magazin wie den «Falter» in einer anderen Stadt, einem andern Land, gründen wollte – was würden Sie raten?

Das Erfolgsrezept wäre für mich eine nicht spassbefreite Ernsthaftigkeit im Journalismus. Nicht zu ernst, aber auch nicht zu verblödelt. Nicht nur zeitgeistig, aber trotzdem modern zu sein. Nicht modisch, sondern modern im besten Sinne: Aufklärerisch, eine Bühne bieten, vor Ort zu sein, Orte schaffen, an denen sich die Leute treffen können, eine Community aufzubauen, die das Produkt gerne unter dem Arm trägt, auch als Bekenntnis zu einer allgemeinen Debattierfreundlichkeit. Unterm Strich: Ich würde zu einer gesunden Mischung raten aus hartem Journalismus und umfassendem, unabhängigem Service über das kulturelle Angebot einer Stadt.

Hier gehts zum Teil 1 des Interview mit «Falter»-Chefredakteur Florian Klenk über Politik, Populismus und die Schwächen des Journalismus.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf thurgaukultur.ch.

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
DSC9907 HDR WEB

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights