Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zauberpilze im Appenzellerland

Im Herbst ist Pilzsaison – auch für psychoaktive Pilze. Auf der Suche nach «magic mushrooms» mit einer Konsumentin und einem Pilzgift-Experten.
Von  Urs-Peter Zwingli
Ein Fliegenpilz auf dem Gäbris. Auch der Fliegenpilz wird ab und zu wegen seiner bewusstseinserweiternden Wirkung konsumiert. (Bild: upz)

Ein früher Herbstabend am Gäbris. Es ist kühl und neblig auf dem Hügel bei Gais, der ohne die Wanderer und Biker vom Wochenende einsam und mystisch wirkt. «Ein guter Tag und Ort, um Pilze zu suchen», sagt die 27-jährige Sandra*. Sie hält aber nicht Ausschau nach Steinpilzen, sondern nach psychoaktiven Pilzen, auch im deutschen Sprachraum weitherum als «magic mushrooms» bekannt.

Wir streifen über verlassene Weiden am Waldrand entlang, die Blicke auf den Boden gerichtet, während die Sonne bereits tief steht. «Praktisch jedes Dorf im Appenzellerland hat ein Plätzchen, von dem ein paar Eingeweihte wissen, dass dort psychoaktive Pilze wachsen», sagt Sandra. Der Konsum der Pilze – und damit ihres halluzinogenen Wirkstoffs Psilocybin – sei entsprechend verbreitet. Vor allem «Hippies jeden Alters, Goa-Szenies aber auch einfach Leute, die etwas ausprobieren wollen», seien auf der Suche nach einem Pilz-Trip.

Von den weltweit über hundert bekannten Arten psychoaktiver Pilze sind vier bis fünf in der Schweiz heimisch. Am häufigsten kommt – wie in ganz Mitteleuropa – der Spitzkegelige Kahlkopf vor. Dieser Pilz wächst gerne auf extensiv bewirtschafteten Schaf- oder Kuhweiden mit nördlicher Hanglage: Der Gäbris mit seinen weitläufigen Wiesen und vereinzelten Bauernhöfen ist also ein perfekter Jagdgrund.

«Den ersten Pilz, den man findet, muss man essen», sagt Sandra. Danach sei die Chance grösser, dass man noch mehr «Psilos» findet. «Wenn man bewusst nach Psilos sucht, findet man garantiert nichts. Streift man hingegen absichtslos durch den Wald, kann man plötzlich auf einen ganzen Haufen stossen».

Euphorie bis tiefste Depression

Das bestätigt der Arzt und Giftpilz-Experte René Flammer. «Wo man den Spitzkegligen Kahlkopf findet, ist reiner Zufall. Ich bin schon unvermittelt auf richtige Felder mit 100 bis 200 Exemplaren gestossen.» Auch Flammer geht von einer «relativ hohen Dunkelziffer» von Konsumenten aus.

Der pensionierte Arzt aus Wittenbach gilt in der Schweiz als Koryphäe im Bereich von Giftpilzen und den damit verbundenen Vergiftungen. Um eine solche handelt es sich auch, wenn jemand psilocybinhaltige Pilze verspeist. «Nur suchen die Konsumenten diese Vergiftung ja bewusst. Darum tauchen nur wenige bei einem Arzt auf: Jene nämlich, denen der Trip nicht gut bekommt», sagt Flammer.

Der 82-jährige Flammer hat als Lebenswerk das Buch Giftpilze verfasst: Ein detailliertes Nachschlagewerk für Ärzte, Apotheker und Pilzinteressierte, inklusive Erste-Hilfe-Anleitungen. Für seine Recherchen ist Flammer jahrzehntelang selber schweizweit im Feld unterwegs gewesen. «Ich sah dabei regelmässig Menschen, die sich über Alpweiden beugten und dabei ganz sicher keine Speisepilze suchten», sagt Flammer.

Er kenne auch viele Menschen, die mit den Psilos «gereist» seien: «Das Spektrum ihrer Erlebnisse reicht dabei von euphorisierter Heiterkeit bis tiefsten Depressionen», sagt Flammer.

Wundermittel Psilocybin?

Psilocybin wird seit Jahrzehnten immer wieder auch in psychologischen Studien untersucht. Forscher fanden unter anderem heraus, dass Psilocybin die Aktivität des Gehirnbereichs unterdrückt, der im Normalzustand ungewohnte Reize herausfiltert. Das heisst, die Sinne und Gedanken werden offen für Dinge, die ansonsten kaum bis zum Bewusstsein vordringen. Die Forschung setzt auch handfeste Hoffnungen in die «Zauberpilze»: Ein Team der Universität Zürich fand heraus, dass Psilocybin die negativ verzerrte Verarbeitung von Emotionen hemmen und so künftig allenfalls Depressionen vorbeugen könnte.

Flammer schätzt das Risiko von bleibenden psychischen Schäden «bei massvollem und bewusstem Genuss» als gering ein. Dennoch steht er Psilos kritisch gegenüber: «Es bleibt eine Droge, bei der manche irgendwann keine Grenzen mehr sehen, sich darin verlieren. Auch der Kult, der um psychoaktive Pilze teilweise betrieben wird, ist mir suspekt.» Er selber habe nie den Drang verspürt, solche Pilze auszuprobieren.

«Nicht unbedingt partytauglich»

Tatsächlich werden mit dem Psilocybin-Rausch auffallend häufig spirituelle, ja religiöse Vorstellungen verknüpft. Wer sich durch Erfahrungsberichte in Online-Drogenforen liest, stösst immer wieder auf Begriffe wie «Transzendenz», «Erleuchtung», «grosse Reise». Und da sind natürlich die unzählige Belege dafür, dass psychoaktive Pilze seit Jahrtausenden bei Naturvölkern von Schamanen verwendet werden.

Doch zurück an den Gäbris. Auch Sandra nutzt psychoaktiven Pilze vor allem für «spirituelle Trips, am liebsten in der Natur». In den letzten Jahren sei ihr aufgefallen, dass Psilos in der Goa-Szene vermehrt als Partydroge konsumiert worden. «Das ist etwas, das ich nicht verstehe. Wenn man auf Pilzen ist, öffnet man sich völlig. Alles kommt ungefiltert auf einen zu, man kann sich kaum wehren, hat kein dickes Fell mehr. Nicht unbedingt partytauglich, finde ich.»

Sie habe einige grossartige Trips gehabt in ihrem Leben, meist allein oder mit Freunden irgendwo in der Natur. «Im Idealfall hat man das Gefühl, mit der Natur zu verschmelzen, eins zu sein mit der Welt.» Nach schlechten Trips, die es durchaus gab, hat sie auch schon jahrelang die Finger von Pilzen gelassen. «Ich  kenne durchaus auch ein paar Leute, die auf Pilzen hängen geblieben sind», sagt Sandra. Das Spektrum reiche von Psychosen bis zum permanent exzentrischen Auftreten. «Manche kommen einfach nicht mehr auf den Boden zurück.» Es brauche Respekt vor den Zauberpilzen.

Die Suche auf dem Gäbris läuft unterdessen harzig: Wir finden zwar einen schönen, grossen Fliegenpilz (dessen Gift auch halluzinogen wirken kann) und unglaublich viele verschiedene, uns unbekannte Pilze, aber keine Spitzkegligen Kahlköpfe. Auch den zaubermächtigen Fliegenpilz lassen wir stehen. «Nichts für mich», sagt Sandra.

Weil die Suche in der Natur zeitaufwändig ist und nicht immer zum Erfolg führt, greifen mittlerweile viele magic mushroom-Freunde auf gezüchtete Exemplare zurück: Homegrow-Sets kann man sich einfach Online in Holland bestellen – auch in die Schweiz, wo Anbau und Besitz von halluzinogenen Pilzen laut Betäubungsmittelgesetz illegal ist.

Auch auf Sandras Fenstersims steht ein Plastikkistchen mit Hawaiianischen Zauberpilzen. «Davon kann ich 10 bis 15 Mal ernten», sagt sie.

pilzli gaebris

Sandras Zuchtbox mit hawaiianischen Zauberpilzen. (Bild: upz)

Falscher Pilz: Niere verloren

Wer trotzdem in die freie Natur sammeln geht, sollte das nur mit jemandem tun, der bereits etwas über die Zauberpilze weiss: Das betonen Sandra und Flammer eindringlich. Denn das Risiko von Verwechslungen besteht und es ist je nachdem ziemlich heftig: Flammer beschreibt in seinem Buch den Fall eines jungen Mannes, der einen Spitzgebuckelten Raukopf verzehrt, den er für einen Spitzkegligen Kahlkopf hielt. «Er bezahlte diesen unvorstellbaren Leichtsinn mit dem Verlust seiner Nieren», heisst es im Buch.

Am Gäbris besteht an diesem Herbstabend, der langsam zur Nacht wird, aber kein Risiko: Wir finden keine Zauberpilze. «Wahrscheinlich liegts daran, dass du die Pilze nicht hättest essen wollen. Die haben das gespürt und sich darum nicht gezeigt», sagt Sandra. Mit dem allerletzten Tageslicht steigen wir durch düstere, vernebelte Wälder und Schluchten gen Trogen ins Tal zurück.

 

*Name geändert

 

Flammer, René: Giftpilze. Nachschlagewerk für Ärzte, Apotheker, Biologen, Mykologen, Pilzexperten und Pilzsammler. AT Verlag 2014.

Jetzt mitreden: 6 Kommentare
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Momo,  

Dass Pilze nicht tauglich für Parties seien ist subjektiv. Wie das Leben so spielt haben wir als HPP eben dort am Gäbris im Herbst 96 eine Goa Party veranstaltet. Dort habe ich auch selber Psylos gefunden und gegessen. Psylos werden nicht erst in letzter Zeit auf Goa Parties konsumiert, sondern schon Jahrzehnte! Meist geraucht mit Gras und Hasch gemischt! Vorzugsweise früh morgens!

Thguy,  

Folge der Telegramgruppe Hericulum Erinaceus

Thguy,  

Trete der Telegramm Gruppe mit dem Namen Hericulum Erinaceus bei. Falls du Interesse am züchten hast.

Amim,  

Ich will probieren

King Arthur,  

Wer sich Zuchtboxen in Holland bestellt kann richtig auf die Nase fallen. Mir passiert, das sich nach mehrmaligem Nachfragen in Holland, weil die Boxen nicht in der Post waren. Ich einen Brief der Kripo erhielt und mich mit denen Treffen musste, zwecks meiner Bestellung von verbotenen Substanzen und einer Busse von CHF 1'000.00. Also Vorsicht walten lassen.

Bonsai Kai,  

wo hast du die Zucht box her? Klingt sehr interessant und sieht echt sicher aus als selber zu sammeln als Anfänger ;)

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49