Alfons Karl Zwickers künstlerisches Schaffen ist ein weites Land, eines mit farbigen, aber erbarmungslosen Gegenden, radikal, revolutionär und dann auch wieder unendlich still. Einen tiefen Einblick in dieses Land hat erhalten, wer letzte Woche im Kinok die Vorpremiere des Dokumentarfilms von Carolina Astudilla Muñoz Das Gedächtnis des Klangs mit anschliessender Podiumsdiskussion besuchen konnte.
Der Film dokumentiert, beziehungsweise er spielt den zehnjährigen Schaffensprozess von Zwickers Oper Der Tod und das Mädchen in die Gegenwart zurück und verbindet diese radikale musikalische Untersuchung von Folter, Gewalt und Erinnerungs(un)kultur mit den Erlebnissen in den Folterkellern der chilenischen Diktatur der Schauspielerinnen Gloria Laso und Coca Rudolphy.
Komponist Zwicker im Film.
Deren akribische Berichte machen fassungslos und eröffnen in der Vernetzung mit der kompositorischen Arbeit noch tiefere Dimensionen dieser Klanganatomie. Wie gut, dass im Film immer wieder Alfons Karls stiller Rückzugsort, das Bergell gezeigt wurde, sonst wäre es einem fast zu viel geworden.
Uraufführung zu Gedichten aus dem Verlies
Wie vernetzt der Komponist fühlt, denkt und arbeitet, zeigt sich auch in seiner Auseinandersetzung mit dem uruguayischen Dichter Mauricio Rosencof, der in seinem Heimatland 13 Jahre in Einzelhaft sass. Er erinnere ihn an seinen Vater, sagt Zwicker, die Kamera auf ihn gerichtet. Er, der im Kinderheim aufwuchs, war da einen Moment lang von Gefühlen übermannt, wo er sonst als Person eher die freundliche, reduzierte Gebärde pflegt – einer der stärksten, nahbarsten Momente im Film. Schade, dass Das Gedächtnis des Klangs wohl erst Ende nächstes Jahr in den Kinos gezeigt werden kann.
Nahbar, erkennbar sein, scheint dem Komponisten in diesen Tagen wichtig zu sein. Wie im Film zeigt auch seine Ausstellung im Zeughaus Teufen unter dem Titel «Anatomie des Klangs» die vielschichtige Arbeitsweise, das Zusammenfügen, Gestalten, wie dies der lateinische Begriff «componere» meint.
Konzert: AKZ 70, mit Alicia Martinez, Alejandro Sung hyun Cho, Robert Koller, Claudia Buder, Vincent Daoud, Maximilen Dazas, Pierre-Alain Monot (Dirigent): 28. Oktober, 20 Uhr, Zeughaus Teufen
Ausstellung «Anatomie des Klangs»: bis 6. November
zeughausteufen.ch
Zwicker ist nicht unbedingt ein Vertreter der absoluten Musik. Seine intensive Auseinandersetzung mit Texten, Themen, Menschen und deren Abgründen, sowie seine frühe Begeisterung für die Oper, diesen grossen Gesang als Siedekessel für Revolutionäres, aber auch als akustisches Spiegelkabinett für Gefühle, ist am kommenden Freitag im Konzert zu hören, das contrapunkt-new art music als Hommage an Zwicker veranstaltet. Zu hören sind Ein Stern über mir nach Texten von Else Lasker-Schüler (2008) und Erinnerungen aus dem Verlies (2015-2018) nach Texten von Mauricio Rosencof.
Klänge lesen: Zwickers Bildpartituren
Alfons Karl Zwickers Klanguntersuchungen, die Tonschichten, die er baut und seine Kunst, ganz grosse Themen aus dem Würgegriff der Direktheit auf eine musikalisch-künstlerische Meta-Ebene zu transportieren, zeugt auch von Handwerkskunst. Diese kann übrigens auch besichtigt werden. Wenn Zwicker komponiert, schreibt er erst einmal, zeichnet, macht sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von den Tönen.
Zu dem sich in Arbeit befindenden Stück Eine Scheidelinie wird ausgezogen hat er eine grosse Farbkomposition gestaltet, das entfernt etwas an ein mittelalterliches Lektionar mit Neumen erinnert, mit einer Art Farbcode. Dann kommt das Millimeterpapier zum Einsatz, auf dem der zeitliche Ablauf skizziert wird, aus dem heraus mit akkurater Bleistiftlinie die Partitur entwickelt wird. Die Partiturskizzen sind ausgestellt, eine faszinierende Bildwelt.
Komponieren, Klänge in Symbolbilder umzuwandeln, ist eine der ältesten Formen der Virtualisierung. Auch die anderen Bilder gehören zu Zwickers musikalischem Gestaltungsprozess. Feinste Strukturen in Graphit dokumentieren Klangereignisse, ein riesiger Himmel über den Bergeller Bergen gehört zum Werk für Blasorchester Lichtblicke. Alfons Karl Zwicker, der Klanganatom, ist nicht einfach «unser St. Galler Komponist» – er und sein Schaffen sind ein kleines Universum.
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