Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zwickers Universum

Ein Film, eine Ausstellung, ein Konzert: Der St.Galler Komponist Alfons Karl Zwicker gibt im Zeughaus Teufen Einblick in seine Klang- und Bildwelten, die sich obsessiv um Gewalt- und Folterthemen drehen. Von Barbara Camenzind
Von  Gastbeitrag , 
Eine von Alfons Karl Zwickers Partituren in der Ausstellung in Teufen. (Bilder: Barbara Camenzind)

Alfons Karl Zwickers künstlerisches Schaffen ist ein weites Land, eines mit farbigen, aber erbarmungslosen Gegenden, radikal, revolutionär und dann auch wieder unendlich still. Einen tiefen Einblick in dieses Land hat erhalten, wer letzte Woche im Kinok die Vorpremiere des Dokumentarfilms von Carolina Astudilla Muñoz Das Gedächtnis des Klangs mit anschliessender Podiumsdiskussion besuchen konnte.

Der Film dokumentiert, beziehungsweise er spielt den zehnjährigen Schaffensprozess von Zwickers Oper Der Tod und das Mädchen in die Gegenwart zurück und verbindet diese radikale musikalische Untersuchung von Folter, Gewalt und Erinnerungs(un)kultur mit den Erlebnissen in den Folterkellern der chilenischen Diktatur der Schauspielerinnen Gloria Laso und Coca Rudolphy.

Komponist Zwicker im Film.

Deren akribische Berichte machen fassungslos und eröffnen in der Vernetzung mit der kompositorischen Arbeit noch tiefere Dimensionen dieser Klanganatomie. Wie gut, dass im Film immer wieder Alfons Karls stiller Rückzugsort, das Bergell gezeigt wurde, sonst wäre es einem fast zu viel geworden.

Uraufführung zu Gedichten aus dem Verlies

Wie vernetzt der Komponist fühlt, denkt und arbeitet, zeigt sich auch in seiner Auseinandersetzung mit dem uruguayischen Dichter Mauricio Rosencof, der in seinem Heimatland 13 Jahre in Einzelhaft sass. Er erinnere ihn an seinen Vater, sagt Zwicker, die Kamera auf ihn gerichtet. Er, der im Kinderheim aufwuchs, war da einen Moment lang von Gefühlen übermannt, wo er sonst als Person eher die freundliche, reduzierte Gebärde pflegt – einer der stärksten, nahbarsten Momente im Film. Schade, dass Das Gedächtnis des Klangs wohl erst Ende nächstes Jahr in den Kinos gezeigt werden kann.

Nahbar, erkennbar sein, scheint dem Komponisten in diesen Tagen wichtig zu sein. Wie im Film zeigt auch seine Ausstellung im Zeughaus Teufen unter dem Titel «Anatomie des Klangs» die vielschichtige Arbeitsweise, das Zusammenfügen, Gestalten, wie dies der lateinische Begriff «componere» meint.

Konzert: AKZ 70, mit Alicia Martinez, Alejandro Sung hyun Cho, Robert Koller, Claudia Buder, Vincent Daoud, Maximilen Dazas, Pierre-Alain Monot (Dirigent): 28. Oktober, 20 Uhr, Zeughaus Teufen

Ausstellung «Anatomie des Klangs»: bis 6. November

zeughausteufen.ch

Zwicker ist nicht unbedingt ein Vertreter der absoluten Musik. Seine intensive Auseinandersetzung mit Texten, Themen, Menschen und deren Abgründen, sowie seine frühe Begeisterung für die Oper, diesen grossen Gesang als Siedekessel für Revolutionäres, aber auch als akustisches Spiegelkabinett für Gefühle, ist am kommenden Freitag im Konzert zu hören, das contrapunkt-new art music als Hommage an Zwicker veranstaltet. Zu hören sind Ein Stern über mir nach Texten von Else Lasker-Schüler (2008)  und Erinnerungen aus dem Verlies (2015-2018) nach Texten von Mauricio Rosencof.

Klänge lesen: Zwickers Bildpartituren

Alfons Karl Zwickers Klanguntersuchungen, die Tonschichten, die er baut und seine Kunst, ganz grosse Themen aus dem Würgegriff der Direktheit auf eine musikalisch-künstlerische Meta-Ebene zu transportieren, zeugt auch von Handwerkskunst. Diese kann übrigens auch besichtigt werden. Wenn Zwicker komponiert, schreibt er erst einmal, zeichnet, macht sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild von den Tönen.

Zu dem sich in Arbeit befindenden Stück Eine Scheidelinie wird ausgezogen hat er eine grosse Farbkomposition gestaltet, das entfernt etwas an ein mittelalterliches Lektionar mit Neumen erinnert, mit einer Art Farbcode. Dann kommt das Millimeterpapier zum Einsatz, auf dem der zeitliche Ablauf skizziert wird, aus dem heraus mit akkurater Bleistiftlinie die Partitur entwickelt wird. Die Partiturskizzen sind ausgestellt, eine faszinierende Bildwelt.

Komponieren, Klänge in Symbolbilder umzuwandeln, ist eine der ältesten Formen der Virtualisierung. Auch die anderen Bilder gehören zu Zwickers musikalischem Gestaltungsprozess. Feinste Strukturen in Graphit dokumentieren Klangereignisse, ein riesiger Himmel über den Bergeller Bergen gehört zum Werk für Blasorchester Lichtblicke. Alfons Karl Zwicker, der Klanganatom, ist nicht einfach «unser St. Galler Komponist» – er und sein Schaffen sind ein kleines Universum.

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Sands Murray Wassink 1996

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights