Ungewohnte Klänge dürften diesen Freitagabend durch die Hauptgasse in Lichtensteig schwingen. Wenn sich im «Rathaus für Kultur» sonst Acts wie Skiclub Toggenburg oder Tanya Barany treffen, wird nun mit Ulrich Gassers Komposition Schaulager erstmals auch Neue Musik zu hören sein.
Ulrich Gasser. (Bilder: Sascha Erni)
Gasser, 1950 in Frauenfeld geboren, hatte das Stück für sprechendes und singendes Vokalquartett als Auftragswerk für das Kunstprojekt «Haus zur Glocke» in Steckborn geschrieben. Das Thurgauer Projekt ist im Januar mit der Gruppenausstellung «Rivapiana» in Lichtensteig zu Gast – es lag also nahe, dass Gassers Werk den Rahmen für die Finissage vom 24. Januar stellen sollte. Die Finissagen-Aufführung ist erst die zweite überhaupt, nur zwei weitere, in Ennenda (GL) und Basel sind geplant.
Aufwendig und anspruchsvoll
Ulrich Gasser macht es seinen Interpretinnen und Interpreten nicht einfach. Deshalb hat er sein Quartett mit ausgesprochenen Spezialisten für zeitgenössische Musik besetzt. Catriona Bühler (Sopran), Ulrike Andersen (Alt), Daniel Bentz (Tenor) und Niklaus Kost (Bass) konnten bereits an der Uraufführung vom 19. Oktober 2019 in Steckborn überzeugen. Man darf gespannt sein, wie sie sich mit den Begebenheiten im Lichtensteiger Rathaus für Kultur schlagen.
Schaulager von Ulrich Gasser: 24. Januar, 17 Uhr, Rathaus für Kultur, Lichtensteig.
dogoresidenz.ch rathausfuerkultur.ch
Die Sängerinnen und Sänger verteilen sich auf vier Räume im denkmalgeschützten Rathaus, aus denen sie im Kanon, im Chor oder in Duetten mit- oder gegeneinander sprechen und singen. Das stattliche Lichtensteiger Gebäude mit dem weiten, zentralen Treppenhaus wird so zu einem einzigen Klangraum werden, freut sich Judit Villiger vom Haus zur Glocke im Vorgespräch.
«Das Libretto, an dem vor allem Eva Tobler gearbeitet hat, besteht aus vier gleich aufgebauten Texten, die teils synchron, teils zeitversetzt gesprochen oder gesungen werden», erklärt Villiger. Das Klangbild mäandriere dabei zwischen Kakophonie und Harmonie.
Judit Villiger (rechts) und Othmar Eder vom Haus zur Glocke kuratierten die Gruppenausstellung «Rivapiana» als Kollaboration mit dem Kunstprojekt «Dogo – Residenz für Neue Kunst» in Lichtensteig.
Zur visuellen Integration des Werks in die nun schliessende Ausstellung hängen an den vier Standorten der Singenden Textbahnen. Auf ihnen kann das Publikum nachlesen, was zu hören sein wird: Es reicht von banalen Aufzählungen, Sprichwörtern, Liedern bis zu wissenschaftlichen Texten oder Bibelzitaten und verkörpert so die Idee des Ansammelns, des Sammelns und Lagerns. «Daher der Titel Schaulager», so Villiger.
Erfolgreiche erste Kollaboration
Wenn am Freitagabend die letzten Töne von «Schaulager» verklingen werden, endet auch die erste Kollaboration des Toggenburger Kulturprojekts «Dogo – Residenz für Neue Kunst»: die Gruppenausstellung «Rivapiana – The Motel (1972-2018). Eine Hommage», die Dogo zusammen mit dem Haus zur Glocke seit dem 11. Januar in Lichtensteig zeigte.
Dreizehn Kulturschaffende aus halb Europa waren eingeladen, ihre ganz eigene Sicht auf das ehemalige Garni-Hotel Rivapiana in Minusio (TI) vorzustellen. Viele der Künstlerinnen und Künstler kannten sich vor der Gruppenausstellung nicht – gemeinsam war ihnen nur, dass sie alle bei der Tessiner Kulturplattform «OnArte» ausgestellt und deshalb im Hotel Rivapiana gewohnt hatten.
«Rivapiana» war die erste, überaus erfolgreiche Kollaboration des Lichtensteiger Projekts «Dogo – Residenz für Neue Kunst».
Entstanden ist eine gelungene Kombination aus Fotografien, Skulpturen, Zeichnungen, Gemälden sowie Video- und Toninstallationen, das einem Zerrspiegel gleich die ehemalige Künstler-Wohnstätte aus dem Tessin ins Toggenburg projiziert.
Dogo bietet selbst Aufenthalte für internationale Jungkünstler an. Das alte Motel quasi in dessen Räumlichkeiten zu verschieben, eröffnete dem Publikum also eine neue Sicht auf Fragen wie: Was ist Kunst genau? Wer darf sich alles Künstlerin nennen? Und welche Rolle spielen Raum und Zeit für die Kunst-Produktion und -Rezeption? Entsprechend hätte die Gruppenausstellung kaum einen passenderen Abschluss finden können, als Gassers räumlich-sammlerisches «Schaulager». Ein Besuch sei empfohlen.
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