Kategorie
Autor:innen
Jahr

Hodenkrampf und scharfe Rosetten

Endlich ist es da, das neuste Ostschweizer Album über allerlei Körpersäfte und Wixxers. Acht Gründe, warum man sich Hey Wichsers von Knöppel geben sollte.
Von  Corinne Riedener
Jack Stoikers nicht so gepflegt gekleideter Zwilling: der Frontmann von Knöppel. (Bilder: Mario Baronchelli, schattenwerk.ch)

Am Freitagabend hat die St.Galler Band Knöppel am Kulturfestival St.Gallen ihr erstes Album Hey Wichsers getauft. 18 Songs hat die Scheibe und in jedem kommt das Wort Wichser vor.

Da die Erinnerung an diesen Abend leicht getrübt ist aufgrund des flotten Alkoholkonsums (und weil auch Saiten auf Listicles steht), hier acht durchaus subjektive Argumente, ein bisschen Zeit mit Knöppel zu verbringen:

Erstens: Knöppels Vorband.

Die Albumtaufe wurde nämlich nicht von irgendwem eröffnet, sondern von Jack Stoiker himself, begleitet von Marc Jenny am Kontrabass. Vorletztes Jahr auch am Openair zu sehen, sofern man denn pünktlich im Tobel war.

Für alle, die notorious Stoiker nicht kennen; das ist dieser Mann rechts, Knöppels geschniegelter Zwilling:

kulturfestival_2016_schattenwerk-6608

(Klick zum Vergrössern)

Zweitens: Stoiker ist Feminist. Vielleicht.

Er singt: «I ha di immerno gärn, au wenn du Periode häsch. Au wenn du s’ganzi Bett vesausch. I ha di immerno gern. Egal, öbd Binde oder Tampons traisch.»

Die Menstruation beziehungsweise das, was «Tante Rosi» so alles mit sich bringt, ist eindeutig ein unterdiskutiertes Thema in unserer Gesellschaft. Unter anderem daran zu sehen, dass die Trolle im Netz wie auf Kommando Amok laufen, wenn mal eine Kunst macht mit Menstruationsblut. Oder einen Marathon läuft ohne Tampons.

Darum ist es absolut wichtig und richtig, dass ein erfahrener Mann wie Jack Stoiker dieses Thema aufnimmt und seinem Publikum so vielleicht etwas die Angst nimmt, auch zuhause über dieses existenzielle Thema zu reden.

Drittens: Knöppels Freunde.

Nach Stoiker heizten die Jungs von Tüchel (St.Gallen, since 1993!) dem Publikum im Museumsinnenhof ein. Ihr Auftritt war wie erwartet schmissig und musikalisch vermutlich das Highlight des Abends, sofern man Wert auf das Kriterium Perfektion legt.

kulturfestival_2016_schattenwerk-6704

Tüchel samt Fanbase

Besonders passend nach Stoikers menstruellem Intermezzo zuvor: Tüchel-Frontmann Matthias Howald punkrockte die Kulturfestival-Bühne in einer original Thurgauer-Tracht – die weibliche Version. Er jammerte zwar nach jeder Nummer, wie unbequem der lange Rock und das enge Korsett seien, hielt aber tapfer durch bis zum Schluss.

So gesehen könnte man durchaus auch Tüchel als feministisch bezeichnen, erinnerten sie uns doch wiedermal an gewisse kleidungstechnische Unbequemlichekeiten, denen sich frau (früher wie heute) aussetzt, um ihre Weiblichkeit zu betonen (und später am Abend allenfalls in Kontakt zu treten mit gewissen Körpersäften).

kulturfestival_2016_schattenwerk-6628

Die Alphorn-Crew zum Auftakt von Tüchel haben wir leider verpasst. Schuld daran war das äusserst gelungene Schnitzelbrot aus der Kulutufestival-Küche. Tschuldigung.

Viertens: Der Knöppel-Sound.

Wo Stoiker noch aufs Amateurhafte und auf die Parodie setzt, klingt Knöppel bereits etwas routinierter, wohl auch dank Marc Jenny am Bass und René Zosso alias Zössi an den Drumms. Der Sound erinnert ein bisschen an eine etablierte Guggenmusik: Was bei Stoiker noch schräg und kakophon klingt, ist bei Knöppel wesentlich ausgefeilter – der punkrockige Sound kommt um einiges professioneller daher. Knöppel klingt nach einer Mischung aus Stoiker und Tüchel; weniger Chanson, dafür mehr mutig-simpler Punk.

Und das ist gut so, denn schief ist es immer noch, aber satter und mit ordentlich garagigen Zwischentönen. Erfrischend unperfekt, heute, wo alles nur noch zielgruppig-gewinnorientiert zurechtgestylt ist. Schade nur, waren die Texte auf der Kulturfestivalbühne, anders als bei Stoiker zuvor, nicht mehr ganz so verständlich.

Fünftens: Knöppels Vielseitigkeit.

Auf Hey Wichsers gibt es neben Dreck und gradlinigen Riffs auch ein Acapella-Gedicht. Hodenkrampf heisst der Bonustrack und handelt, wie der Name schon sagt, von einem «Spasmus Testikulus», erlitten blöderweise beim feierabendlichen Bierkauf:

«Wie Feuer brennt’s im Hosenstall / von der Stirne heiss rinnen tat der Schweiss / wie ein wilder Wasserfall / und mit lautem Donnnerknall / schlägt sein Unterkiefer auf den harten Schiefer / zu Superbock, dem Biere, schlich er noch / den Krampfe im Gehänge / und weiter wuchs der Schmerzen Wellenlänge / und am Boden fand er sich / und vor Schmerzen wand er sich / die Hände fest im Schritt verkrallt / im Palettenmarkt sein Schreien hallt.»

Sechstens: Die Klassiker.

Knöppel hat nicht nur neues auf Lager, sondern holt sein Publikum auch mit Altbekanntem ab. Abseits (du Wichser) beispielsweise ist einer der Tracks, auf den wir bereits beim Auftritt von Stoiker hofften, der aber bei Knöppel um einiges gyler tönt dank fiesen Drums und Marcs gradlinigem Bass – nicht dem Kontrabass.

 

Siebtens: Knöppel ist alte Schule.

Ja, ernsthaft. Wer Knöppel jetzt schon hören will, muss das entweder live tun oder sich, wenn man unter 40 ist, erstmal im Brocki nach einem Kassettenrecorder umschauen, denn Hey Wichsers ist vorläufig nur auf Kassette erhältlich. Auch das; sympatico. Schliesslich versucht die Musikindustrie alles möglichst breit und medienkonvergent zu veröffentlichen – da ist es richtig wohltuend, dass mal jemand zur Abwechslung ein paar Hürden zu seinem Sound einbaut.

Das Kassettlli sei ein Kompromis, sagen die Knöppels. Weil man im Hochsommer keine Plattentaufe mache. Im Herbst sei der offizielle Erscheinungstermin und das Album auch auf CD, LP und als Download erhältlich. Unter christian@cgkmusic.ch kann man es vorbestellen.

Achtens: Die Drinks zur Taufe.

Das nennen wir ganzheitliches Denken! Nebst allerhand Merchandise-Artikeln gab es am Freitagabend auch die passenden Drinks zum ersten Knöppel-Album: die «scharfe Rosette» (Whiskey, Ingwer, Tabasco und Minze, glaub ich) und «Hey Wichsers» (Tequila, Milch und noch eine andere, leider vergessene unsägliche Zutat). Ersterer hat, nach allem, was wir gehört haben, tatsächlich zweimal gebrannt.

Die Bilanz:

Knöppel & Friends konnten dem erfreulich gemischen Kulturfestival-Publikum am Freitag einen doch etwas anderen Abend bescheren. Beim zweiten Knöppel-Song, Hüt wert onaniert, gab es zwar noch ein paar irritierte Gesichter, doch auch die sind relativ rasch verflogen. Am Ende sangen fast alle mit. Und dafür ist der Museumsinnenhof am KUFE schliesslich da.

Knöppel: Hey Wichsers, erschient irgendwann im Herbst auf CGK-Music. cgkmusic.ch

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Presse-Archiv – Knöppel ehr Wichser!,  

… Saiten Ostschweizer Kulturmagazin, 10.07.2026 …

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49