Mann und Frau, dazwischen «der Andere»: ein Herr in seriösem Anzug, halb Versicherungsvertreter, halb Zeremonienmeister. Was harmlos anfängt, beinah nach Ziviltrauung aussieht, spitzt sich grotesk zu, der «Andere» postiert die beiden, Mann und Frau vorn am Bühnenrand in passender Distanz – Schussdistanz, wie sich gleich herausstellt. Er drückt dem Mann eine Pistole in die Hand, die Frau soll ihre eigene Ermordung unterschreiben. Die klassische Dreieckskonstellation wird zum Alptraum.
Es ist die zweitletzte Szene im Stück Der Andere, die an diesem Morgen in der Kellerbühne geprobt wird. Oliver Kühn spielt den titelgebenden «Anderen», Simone Stahlecker und Alexandre Pelichet sind Mann und Frau. Regisseur Matthias Peter gibt Anweisungen, präzisiert die Positionen, die «Mechanik» der Figurenkonstellation muss stimmen in einem Stück, dem der Regisseur «Qualität und Makellosigkeit» attestiert.
Regeln gegen Ehe-Schäden
Autor Florian Zeller ist hierzulande weniger bekannt, in seiner Heimat Frankreich aber zum Star geworden mit einer Reihe von Gesellschaftskomödien, die dem unerschöpflichen Thema der Beziehungen zwischen Mann und Frau nachgehen und zum gehobenen Boulevard zählen. Anders sein Erstling Der Andere: Zeller hat ihn mit 23 Jahren geschrieben, die Uraufführung 2004 wurde ein Überraschungserfolg, und was ihn von den späteren geradliniger konstruierten Stücken unterscheide, seien die traumhaften und phantastischen Elemente, sagt Matthias Peter.
Das Stück beginnt scheinbar platt – mit einem Seitensprung. Ein Liebespaar verabschiedet sich im nächtlichen Halbdunkel, «der Andere» und «sie». Er hat Schuldgefühle, sie wehrt sich dagegen: «Niemand ist für irgendetwas verantwortlich.» Doch könnte sich das Ganze auch nur im Kopf des eifersüchtigen Ehemannes der Frau abgespielt haben. In einer Art Rückblende folgen dann Szenen einer Ehe, deren künftiger «Hässlichkeit» das Paar durch ein absurdes Regelwerk von Alltags-Distanzierungen entgehen will. Es gipfelt im Satz: «Um für immer zusammenzuleben: nie zusammenleben». Halb effektvoller Kalauer, halb tiefe Beziehungswahrheit – solche Sätze sind typisch für einen Autor, der mit sprachlicher Leichtigkeit und dramaturgischer Virtuosität über die Abgründe zeitgenössischer Liebesverirrungen balanciert.
Szenen einer missglückten Ehe: Oliver Kühn, Simone Stahlecker und Alexandre Pelichet (von links). (Bilder: Timon Furrer)
Der Andere: Wahrscheinlich hast du Recht. Anscheinend liebe ich dich nicht.
Mehr noch, ich hasse dich.
Sie: Genau. Du hasst mich und ich liebe dich.
Der Andere: Nein, nein, nein… Es gibt keinen Grund, dass du besser wegkommst.
In Wahrheit hasst auch du mich.
Sie: Jetzt verwechselst du was. Ich liebe dich. Und du beschimpfst
mich als Schlampe!
Der Andere: Du liebst mich? Und warum hast du mich gerade als Scheisskerl
beschimpft?
Sie: Weil du mich als Schlampe beschimpft hast.
Der Andere: Und warum habe ich dich als Schlampe beschimpft?
Sie: Weil du mich liebst.
Der Andere: Nein, ich hasse dich.
Sie: Das ist das Gleiche.
Drei weisse Ebenen und ein weisser Kühlschrank im Zentrum der Bühne: Das sind in der Kellerbühne die äusseren Elemente dieses kühlen (oder auch coolen) Zeller’schen Beziehungslabors. Ein Kühlschrank? Das sei einerseits das alltäglichste Haushaltsding der Welt – werde hier aber zum Behälter für allerhand befremdliche Dinge, verspricht Matthias Peter. Im Kühlschrank wie im Stück überlagern sich Alltag und Traumsphäre. Auch «der Andere» nimmt immer neue Charakterzüge an: Jugendfreund, Geliebter, Psychologe, Standesbeamter, Tod. Eugène Ionesco, der Grossmeister des grotesken Theaters und Landsmann von Zeller, lässt grüssen.
Florian Zeller: Der Andere, 2. bis 13. März, werktags 20 Uhr, sonntags 17 Uhr, Kellerbühne St.Gallen
kellerbuehne.ch
Iwan Wyrypajew: Illusionen, letzte Vorstellungen am 2., 3. und 6. März, Lokremise St.Gallen
theatersg.ch
Mit dem Anderen führt Matthias Peter seine Pflege des zeitgenössischen Kammerspiels weiter. Wie in früheren Produktionen, zuletzt der Brokatstadt nach Viktor Hardung, trägt Stefan Suntinger die Musik bei. Und mit Oliver Kühn als «der Andere» wirkt einer mit, der sonst in der freien Theaterszene aktiv ist mit dem von ihm gegründeten Ensemble «Theater Jetzt». Hier könne er für einmal «einfach» der Schauspieler sein, freut sich Kühn. Und dies in einem Stück, das Zeller selber als Hommage an die Kunst der Schauspielerei bezeichnet hat.
Und ums Eck in der Lok: Viereck statt Dreieck
Eine vergleichbare Beziehungsmechanik, aber hier als Ehe im Viereck, lässt sich übrigens parallel in der Lokremise studieren. Dort hat Stephan Roppel für das Theater St.Gallen das Stück Illusionen des russischen Autors Iwan Wyrypajew inszeniert. Auch hier ist die Liebe das grosse Rätsel, auch hier geht es um Ehemenschen und ihre angeblich besten Freunde und Freundinnen; man liebt über Kreuz oder glaubt es zumindest, und am Ende erweist sich die Liebe als die tödlichste Sache der Welt. Mehr darüber hier.
Der Beitrag erschien im März-Heft von Saiten.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.