Kategorie
Autor:innen
Jahr

Im Ehelabor

Die Kellerbühne St.Gallen bringt als Schweizer Erstaufführung das Dreiecksstück «Der Andere» des Franzosen Florian Zeller auf die Bühne. Theatralische Eheprobleme gibt es auch in der Lokremise.
Von  Peter Surber

Mann und Frau, dazwischen «der Andere»: ein Herr in seriösem Anzug, halb Versicherungsvertreter, halb Zeremonienmeister. Was harmlos anfängt, beinah nach Ziviltrauung aussieht, spitzt sich grotesk zu, der «Andere» postiert die beiden, Mann und Frau vorn am Bühnenrand in passender Distanz – Schussdistanz, wie sich gleich herausstellt. Er drückt dem Mann eine Pistole in die Hand, die Frau soll ihre eigene Ermordung unterschreiben. Die klassische Dreieckskonstellation wird zum Alptraum.

Es ist die zweitletzte Szene im Stück Der Andere, die an diesem Morgen in der Kellerbühne geprobt wird. Oliver Kühn spielt den titelgebenden «Anderen», Simone Stahlecker und Alexandre Pelichet sind Mann und Frau. Regisseur Matthias Peter gibt Anweisungen, präzisiert die Positionen, die «Mechanik» der Figurenkonstellation muss stimmen in einem Stück, dem der Regisseur «Qualität und Makellosigkeit» attestiert.

Regeln gegen Ehe-Schäden

Autor Florian Zeller ist hierzulande weniger bekannt, in seiner Heimat Frankreich aber zum Star geworden mit einer Reihe von Gesellschaftskomödien, die dem unerschöpflichen Thema der Beziehungen zwischen Mann und Frau nachgehen und zum gehobenen Boulevard zählen. Anders sein Erstling Der Andere: Zeller hat ihn mit 23 Jahren geschrieben, die Uraufführung 2004 wurde ein Überraschungserfolg, und was ihn von den späteren geradliniger konstruierten Stücken unterscheide, seien die traumhaften und phantastischen Elemente, sagt Matthias Peter.

Das Stück beginnt scheinbar platt – mit einem Seitensprung. Ein Liebespaar verabschiedet sich im nächtlichen Halbdunkel, «der Andere» und «sie». Er hat Schuldgefühle, sie wehrt sich dagegen: «Niemand ist für irgendetwas verantwortlich.» Doch könnte sich das Ganze auch nur im Kopf des eifersüchtigen Ehemannes der Frau abgespielt haben. In einer Art Rückblende folgen dann Szenen einer Ehe, deren künftiger «Hässlichkeit» das Paar durch ein absurdes Regelwerk von Alltags-Distanzierungen entgehen will. Es gipfelt im Satz: «Um für immer zusammenzuleben: nie zusammenleben». Halb effektvoller Kalauer, halb tiefe Beziehungswahrheit – solche Sätze sind typisch für einen Autor, der mit sprachlicher Leichtigkeit und dramaturgischer Virtuosität über die Abgründe zeitgenössischer Liebesverirrungen balanciert.

kellerbuehne4

Szenen einer missglückten Ehe: Oliver Kühn, Simone Stahlecker und Alexandre Pelichet (von links). (Bilder: Timon Furrer)

Der Andere: Wahrscheinlich hast du Recht. Anscheinend liebe ich dich nicht.

Mehr noch, ich hasse dich.

Sie: Genau. Du hasst mich und ich liebe dich.

Der Andere: Nein, nein, nein… Es gibt keinen Grund, dass du besser wegkommst.

In Wahrheit hasst auch du mich.

Sie: Jetzt verwechselst du was. Ich liebe dich. Und du beschimpfst

mich als Schlampe!

Der Andere: Du liebst mich? Und warum hast du mich gerade als Scheisskerl

beschimpft?

Sie: Weil du mich als Schlampe beschimpft hast.

Der Andere: Und warum habe ich dich als Schlampe beschimpft?

Sie: Weil du mich liebst.

Der Andere: Nein, ich hasse dich.

Sie: Das ist das Gleiche.

 

Drei weisse Ebenen und ein weisser Kühlschrank im Zentrum der Bühne: Das sind in der Kellerbühne die äusseren Elemente dieses kühlen (oder auch coolen) Zeller’schen Beziehungslabors. Ein Kühlschrank? Das sei einerseits das alltäglichste Haushaltsding der Welt – werde hier aber zum Behälter für allerhand befremdliche Dinge, verspricht Matthias Peter. Im Kühlschrank wie im Stück überlagern sich Alltag und Traumsphäre. Auch «der Andere» nimmt immer neue Charakterzüge an: Jugendfreund, Geliebter, Psychologe, Standesbeamter, Tod. Eugène Ionesco, der Grossmeister des grotesken Theaters und Landsmann von Zeller, lässt grüssen.

Florian Zeller: Der Andere, 2. bis 13. März, werktags 20 Uhr, sonntags 17 Uhr, Kellerbühne St.Gallen

kellerbuehne.ch

Iwan Wyrypajew: Illusionen, letzte Vorstellungen am 2., 3. und 6. März, Lokremise St.Gallen

theatersg.ch

Mit dem Anderen führt Matthias Peter seine Pflege des zeitgenössischen Kammerspiels weiter. Wie in früheren Produktionen, zuletzt der Brokatstadt nach Viktor Hardung, trägt Stefan Suntinger die Musik bei. Und mit Oliver Kühn als  «der Andere» wirkt einer mit, der sonst in der freien Theaterszene aktiv ist mit dem von ihm gegründeten Ensemble «Theater Jetzt». Hier könne er für einmal «einfach» der Schauspieler sein, freut sich Kühn. Und dies in einem Stück, das Zeller selber als Hommage an die Kunst der Schauspielerei bezeichnet hat.

Und ums Eck in der Lok: Viereck statt Dreieck

Eine vergleichbare Beziehungsmechanik, aber hier als Ehe im Viereck, lässt sich übrigens parallel in der Lokremise studieren. Dort hat Stephan Roppel für das Theater St.Gallen das Stück Illusionen des russischen Autors Iwan Wyrypajew inszeniert. Auch hier ist die Liebe das grosse Rätsel, auch hier geht es um Ehemenschen und ihre angeblich besten Freunde und Freundinnen; man liebt über Kreuz oder glaubt es zumindest, und am Ende erweist sich die Liebe als die tödlichste Sache der Welt. Mehr darüber hier.

Der Beitrag erschien im März-Heft von Saiten.

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595