Abgründe der Ricola-Schweiz

Die Schweizermacher hat das Publikum schon als Film zum lachen und nachdenken gleichermassen gebracht. Dasselbe gelingt dem See-Burgtheaters in Kreuzlingen, das den Schweizer Filmklassiker von 1978 als Musical adaptiert hat. Von Franziska Spanner
Von  Gastbeitrag
Das See-Burgtheater Kreuzlingen inszeniert Die Schweizermacher als Musical. (Bilder: pd)

Schweizer:in werden ist nicht schwer! Wer das denkt, hat – zumindest wenn es nach Fremdenpolizist Max Bodmer (Christoph Wettstein) geht – weit gefehlt. «In oiserem Land isch jede willkchome, sig’s als Turischt, als Arbaiter. […] Öppis anders isch es, wänn er in oiserem Land bliibe wott», verkündet er gleich zum Auftakt von Leopold Hubers Inszenierung der legendären Schweizermacher (Rolf Lyssy, Peter Steinmann) im Kreuzlinger See-Burgtheater.

Das Musical mit Musik von Markus Schönholzer beginnt wie eine Wanderung durchs Appenzeller Land: idyllisch mit Vogelzwitschern, Kuhglocken und zufrieden muhenden Kühen. Schweizer:in müsste man sein! Dann wäre man Teil dieses wunderschönen Erdfleckens mit Wiesen, die nach Ricola duften.

Unterwerfung unter die Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft

Tickets gibt es noch für die Vorstellungen am Sa 24.7. / Di 27.7. / Mi 28.7. / Do 29.7. / Fr 30.7. / Sa 31.7. / Di 3.8. / Mi 4.8. / Do 5.8. / Fr 6.8. / Sa 7.8. / Di 10.8. / Mi 11.8.

see-burgtheater.ch

Schweizer:innen werden, das wollen auch das Ehepaar Gertrud und Dr. Helmut Starke (Johanna Köster und Rüdiger Hauffe) aus Deutschland, Francesco Grimolli mit Frau (Giuseppe Spina und Maria Rebecca Sautter) und Kindern (Tim Hunziker und Lucca Kleimann) und aus Italien, Frau Smirnov (Moira Albertalli) aus Russland und Milena Vakulic (Marisa Jüni), eine in der Schweiz geborene und aufgewachsene junge Frau mit jugoslawischen Wurzeln. Doch einfach ist das nicht. Sie sollen sich nämlich assimilieren und Assimilation ist jener Zustand, «bei welchem der bei uns anwesende Ausländer nicht mehr auffällt».

Da die Handlung in den 70er Jahren spielt (Kostüme, Bühne und Musik sind sorgfältig auf Retro getrimmt), könnte man meinen, das sei eben eine längst überholte Vorstellung von Integration, aber das Stück führt dem Publikum immer wieder vor Augen, wie aktuell die Forderung von Assimilation – einer restlosen Unterwerfung unter die Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft – nach wie vor ist.

Im Widerstreit zwischen Fremdenpolizeichef Bodmer und seinem Aspiranten Moritz Fischer (Adrian Burri) werden die Widersprüche zwischen demokratie- und freiheitsliebendem Schweizertum und rassistischen Vorbehalten gegenüber den Einbürgerungskandidat:innen offenbar. Fischer ist zwar noch «grün hinter den Ohren», aber seine Naivität lässt ihn die althergebrachten Rollenbilder («Führung braucht das Weib!») und Stereotype seines Vorgesetzten hinterfragen.

Als der Aspirant sich schließlich in die attraktive Tänzerin Milena verliebt, ist der Konflikt zwischen beruflichem und privatem vorprogrammiert, denn eigentlich soll er ja mit zur Aufklärung beitragen, ob Milena Schweizerin werden darf. Unterdessen bemühen sich alle anderen Einbürgerungskandidat:innen redlich um die Gunst der Fremdenpolizisten: Sei es durch die Verheimlichung von «kommunistischer» Gewerkschaftsaktivität oder eine Einladung zum Fondue-Abend.

Bünenbildnerische Meisterarbeit

Das Ganze wird komödiantisch gekonnt und musikalisch lebhaft erzählt. Die fünfköpfige «Garage-Band» sitzt in einem Container links neben der Bühne und sorgt für ordentlich Stimmung. Aber auch das gesangliche Talent der Darsteller:innen, die teilweise die Nebenrollen rasch wechseln, ist beeindruckend. Damian Hitz kreierte für die Bühne einen dreistöckigen drehbaren Kubus, der an einen Plattenbau erinnert, mit obligatorischem Stewi nebenan.

Wir finden darin beispielsweise das Büro der Fremdenpolizei, ein Tanzstudio, die Praxis von Dr. Starke und einige Räume mehr. Alle nicht zu detailverliebt, aber mit starken Akzenten eingerichtet, sodass jeder Raum symbolisch mit seinen Bewohner*innen verknüpft ist. Jede Nische wird optimal und höchst flexibel genutzt, sodass Einblicke in den Alltag aller zentralen Figuren geboten werden. Bühnenbildnerische Meisterarbeit!

Die Schweizermacher ist der erfolgreichste Schweizer Film der letzten 60 Jahre und das nicht umsonst: Nach wie vor ist die Frage, wer dazugehört und wer nicht, nicht nur in der Schweiz brisant.

Der Kreuzlinger Musical-Inszenierung gelingt es, diese ernste und umstrittene Thematik selbstironisch und schwungvoll mit einem starken Ensemble zu verpacken. Trotz einem schweren Regenguss mitten in der Vorstellung haben die Schauspieler:innen das Publikum mitgerissen. Ein Theaterabend, der zum Lachen bringt und nachdenklich macht.

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