Kategorie
Autor:innen
Jahr

Aus den Händen, in den Raum

Wasser in allen Formen, Schränke in Bewegung: Im Nextex im St.Galler Kulturkonsulat zeigen Katrin Keller, Timo Müller und Thomas Stüssi mit Humor und Tiefgang eine visuell stimmige Ausstellung über zwei Stockwerke. von Anna Vetsch
Von  Gastbeitrag

Mitten im Ausstellungsraum im Nextex steht eine auf Holzbalken schwebende Installation. Eine abgeschrägte Holzlatte, die sich um eine Säule windet, trägt weisse, kegelartige Gebilde. Es sind in Gips getränkte Tücher, die zum Trocknen gerade so weit in die Höhe emporgehoben wurden, dass sie nach dem Trocknungsvorgang eigenständig stehen können. Katrin Keller (*1985) und Timo Müller (*1980) evozieren mit der Arbeit A new mountain might once be found Assoziationen an Eisberge oder an eine in den Raum geschwemmte Eisscholle.

Im Zentrum: die Tuchskulpturen von Keller/Müller. (Bilder: Nextex)

Absurdes und Poetisches zum Wasser

Dem Medium Wasser in all seinen Formen – inklusive Abwesenheit – begegnet man im Ausstellungsraum immer wieder. Da ist die Videoarbeit The heat inside – Eisschmelze, die während 14 Minuten und 21 Sekunden aufzeigt, wie die Künstlerin selbst eine 1 cm dicke Eisplatte mit ihrem Atem zum Schmelzen bringt. Die Entscheidung, das Video auf einem Bildschirm, der sich leicht von der Wand abhebt, zu präsentieren, überzeugt formalästhetisch und lässt die Eisplatte spürbar in den Raum vorstossen.

Oder die Vierkanal-Videoinstallation Pool Entleerungen: Sie zeigt zusammengesuchte Youtube-Videos. Wer will, findet auf Youtube einige der Trouvaillen wieder. Wobei die nachgefügte Betitelung der Videos sogleich deren «Sinn» offenbart: den Swimmingpool so schnell als möglich zu entleeren. Diesem Vorhaben, bei welchem die Protagonisten auch mal zum Gewehr greifen, um den Plastik zu durchlöchern, setzen Keller und Müller lakonisch Videos von dümmlichen Unfällen entgegen, bei denen Personen scheinbar zufällig den Pool zerstören.

Müller kontrastiert diese Absurditäten mit einer poetischen Alltagsbeobachtung: Exakt ausgebreitet und ebenso feinsäuberlich platziert, liegen zwei Putzlappen über zwei sich räumlich gegenüberliegenden Heizkörpern. Zu genau das Arrangement, als dass es zufällig entstanden ist. Die Verdoppelung dieser Handlung lässt auch den kleinsten Zweifel daran ersticken. Müller kokettiert mit den Pool-Entleerungen und bringt damit Poesie in den Raum. Das wachsame Auge entdeckt die leichten, wellenartigen Bewegungen, die der trockene Putzlappen über dem Heizkörper vollzieht, und wird von diesen in den Bann gezogen.

Aus den Händen:

bis 15. Februar, Nextex St.Gallen
1. Februar, ab 19 Uhr Barbetrieb
2. Februar, 11-15 Uhr, die Ausstellung ist offen
8. Februar, ab 19 Uhr, Barbetrieb mit Katrin Keller, Timo Müller und Thomas Stüssi
9. Februar, 11-15 Uhr, die Ausstellung ist offen, ab 18 Uhr Freitagsküche mit Katrin Keller, Timo Müller und Thomas Stüssi (um Anmeldung wird gebeten)
15. Februar, ab 19 Uhr Finissage und Barbetrieb

nextex.ch

Wasser als Thema: Das ist kein Zufall. Katrin Keller war von Juli bis November 2017 als Stipendiatin des Artist in Residence-Stipendiums von Appenzell Ausserrhoden in Island. Timo Müller besuchte sie dort. Beide interessieren sich für unterschiedliche Materialien und für die Wahrnehmung verschiedener Aggregatzustände. Vor allem aber ist es das Faszinosum Natur und die in ihr verborgenen Kräfte, die die beiden Kunstschaffenden gemeinsam wie auch unabhängig voneinander beschäftigen. Feine Berührungspunkte in den ausgestellten Arbeiten formen ein interessantes Bezugsnetz zwischen Natur und menschlichem Umgang.

Die Geister des Archivs

Einer Installation von Thomas Stüssi (*1978), die Raum und Zeit auf eindrückliche Weise erfahrbar macht, begegnet man im Projektraum einen Stock höher. Zu Zeiten, als an der Frongartenstrasse 9 noch das Italienische Konsulat residierte, wurde dieser Projektraum als Archivraum genutzt. Mit 10,93 m2 nehmen die vier Archivschränke, die beim Auszug des Konsulates stehen geblieben sind, einen Drittel der Fläche ein und fordern geradezu zur Interaktion auf.

Es erstaunt nicht, dass Stüssi, der gern ortsspezifisch und skulptural agiert, die Archivschränke selbst in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt.

 

Autonom, geradezu geisterhaft fahren die vier Archivschränke auf ihren Schienen hin und her, prallen aufeinander, stossen aneinander ab oder verharren an einem Ende der Schienen, bis sie sich wieder aus sich selbst befreien können und zu rollen beginnen. Wer im Raum ist, wird gezwungen, sich entlang der Wände zu bewegen. Die starke Präsenz von Running Archive konfrontiert einen nicht nur mit sich selbst, sondern erinnert auch daran, wie man vor dem Zeitalter der Digitalisierung mit Informationen umging. Die vier fahrenden Archivschränke laden zur Auseinandersetzung mit dem Raum in dessen Geschichte und Gegenwart ein und werfen Fragen auf, wie künftig mit persönlichen Daten umzugehen ist, wo doch alle bereits gesammelt werden.

«Aus den Händen» ist eine gelungene Ausstellung, die den thematischen Bogen in verschiedene Richtungen spannt, das Publikum zum Nachdenken auffordert, es aber nicht überfordert, sondern auf eine poetisch spielerische Reise mitnimmt.

Kulturschaffende können sich unabhängig von den laufenden Ausstellungen im Nextex für den Projektraum bewerben.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8