Mitten im Ausstellungsraum im Nextex steht eine auf Holzbalken schwebende Installation. Eine abgeschrägte Holzlatte, die sich um eine Säule windet, trägt weisse, kegelartige Gebilde. Es sind in Gips getränkte Tücher, die zum Trocknen gerade so weit in die Höhe emporgehoben wurden, dass sie nach dem Trocknungsvorgang eigenständig stehen können. Katrin Keller (*1985) und Timo Müller (*1980) evozieren mit der Arbeit A new mountain might once be found Assoziationen an Eisberge oder an eine in den Raum geschwemmte Eisscholle.
Im Zentrum: die Tuchskulpturen von Keller/Müller. (Bilder: Nextex)
Absurdes und Poetisches zum Wasser
Dem Medium Wasser in all seinen Formen – inklusive Abwesenheit – begegnet man im Ausstellungsraum immer wieder. Da ist die Videoarbeit The heat inside – Eisschmelze, die während 14 Minuten und 21 Sekunden aufzeigt, wie die Künstlerin selbst eine 1 cm dicke Eisplatte mit ihrem Atem zum Schmelzen bringt. Die Entscheidung, das Video auf einem Bildschirm, der sich leicht von der Wand abhebt, zu präsentieren, überzeugt formalästhetisch und lässt die Eisplatte spürbar in den Raum vorstossen.
Oder die Vierkanal-Videoinstallation Pool Entleerungen: Sie zeigt zusammengesuchte Youtube-Videos. Wer will, findet auf Youtube einige der Trouvaillen wieder. Wobei die nachgefügte Betitelung der Videos sogleich deren «Sinn» offenbart: den Swimmingpool so schnell als möglich zu entleeren. Diesem Vorhaben, bei welchem die Protagonisten auch mal zum Gewehr greifen, um den Plastik zu durchlöchern, setzen Keller und Müller lakonisch Videos von dümmlichen Unfällen entgegen, bei denen Personen scheinbar zufällig den Pool zerstören.
Müller kontrastiert diese Absurditäten mit einer poetischen Alltagsbeobachtung: Exakt ausgebreitet und ebenso feinsäuberlich platziert, liegen zwei Putzlappen über zwei sich räumlich gegenüberliegenden Heizkörpern. Zu genau das Arrangement, als dass es zufällig entstanden ist. Die Verdoppelung dieser Handlung lässt auch den kleinsten Zweifel daran ersticken. Müller kokettiert mit den Pool-Entleerungen und bringt damit Poesie in den Raum. Das wachsame Auge entdeckt die leichten, wellenartigen Bewegungen, die der trockene Putzlappen über dem Heizkörper vollzieht, und wird von diesen in den Bann gezogen.
Aus den Händen:
bis 15. Februar, Nextex St.Gallen 1. Februar, ab 19 Uhr Barbetrieb 2. Februar, 11-15 Uhr, die Ausstellung ist offen 8. Februar, ab 19 Uhr, Barbetrieb mit Katrin Keller, Timo Müller und Thomas Stüssi 9. Februar, 11-15 Uhr, die Ausstellung ist offen, ab 18 Uhr Freitagsküche mit Katrin Keller, Timo Müller und Thomas Stüssi (um Anmeldung wird gebeten) 15. Februar, ab 19 Uhr Finissage und Barbetrieb
nextex.ch
Wasser als Thema: Das ist kein Zufall. Katrin Keller war von Juli bis November 2017 als Stipendiatin des Artist in Residence-Stipendiums von Appenzell Ausserrhoden in Island. Timo Müller besuchte sie dort. Beide interessieren sich für unterschiedliche Materialien und für die Wahrnehmung verschiedener Aggregatzustände. Vor allem aber ist es das Faszinosum Natur und die in ihr verborgenen Kräfte, die die beiden Kunstschaffenden gemeinsam wie auch unabhängig voneinander beschäftigen. Feine Berührungspunkte in den ausgestellten Arbeiten formen ein interessantes Bezugsnetz zwischen Natur und menschlichem Umgang.
Die Geister des Archivs
Einer Installation von Thomas Stüssi (*1978), die Raum und Zeit auf eindrückliche Weise erfahrbar macht, begegnet man im Projektraum einen Stock höher. Zu Zeiten, als an der Frongartenstrasse 9 noch das Italienische Konsulat residierte, wurde dieser Projektraum als Archivraum genutzt. Mit 10,93 m2 nehmen die vier Archivschränke, die beim Auszug des Konsulates stehen geblieben sind, einen Drittel der Fläche ein und fordern geradezu zur Interaktion auf.
Es erstaunt nicht, dass Stüssi, der gern ortsspezifisch und skulptural agiert, die Archivschränke selbst in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt.
Autonom, geradezu geisterhaft fahren die vier Archivschränke auf ihren Schienen hin und her, prallen aufeinander, stossen aneinander ab oder verharren an einem Ende der Schienen, bis sie sich wieder aus sich selbst befreien können und zu rollen beginnen. Wer im Raum ist, wird gezwungen, sich entlang der Wände zu bewegen. Die starke Präsenz von Running Archive konfrontiert einen nicht nur mit sich selbst, sondern erinnert auch daran, wie man vor dem Zeitalter der Digitalisierung mit Informationen umging. Die vier fahrenden Archivschränke laden zur Auseinandersetzung mit dem Raum in dessen Geschichte und Gegenwart ein und werfen Fragen auf, wie künftig mit persönlichen Daten umzugehen ist, wo doch alle bereits gesammelt werden.
«Aus den Händen» ist eine gelungene Ausstellung, die den thematischen Bogen in verschiedene Richtungen spannt, das Publikum zum Nachdenken auffordert, es aber nicht überfordert, sondern auf eine poetisch spielerische Reise mitnimmt.
Kulturschaffende können sich unabhängig von den laufenden Ausstellungen im Nextex für den Projektraum bewerben.
Eklig oder Kunst? Güsel oder genial? Im Nextex haben fünf junge Künstlerinnen und Künstler eine carte blanche erhalten. Sie verstehen ihre Arbeiten als Reflexionsangebote.
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