Anfang Januar 2017 ist das ehemalige italienische Konsulat an der Frongartenstrasse 9 in St.Gallen als «Kulturkonsulat» eröffnet worden. Möglich gemacht hat die Zwischennutzung die AHV-Ausgleichskasse Medisuisse. Sie plant an der Stelle einen Neubau – bis es soweit ist, sind im Haus rund dreissig Kulturschaffende, der Projektraum Nextex und das Kulturmagazin Saiten am Arbeiten.
Ein Jahr später haben wir fünf Kulturschaffende gefragt:
Was ist das Konsulat für dich/für euch?Was funktioniert, was sollte anders sein?Und was kommt für dich/euch danach?
Mehr Impulse!
Niklaus Reichle, 1986, ist angestellt als Verwalter des Konsulats.
Arbeiten und kreatives Schaffen sind nie frei von Zwang, jedoch fallen im Konsulat zumindest ökonomische Gesichtspunkte weg bzw. verlieren an Relevanz. Das ist vor allem für Dinge wichtig, die im Entstehen begriffen sind. Sprich gerade für junge Kulturschaffende, die noch nicht etabliert sind und auf Austausch aus sind, wäre das Konsulat ein wichtiger Raum. Leider waren eben diese jüngeren Generationen bisher im Haus meines Erachtens eher untervertreten. Hier wünsche ich mir in nächster Zeit eine Veränderung.
Die Zwischennutzung im Konsulat funktioniert sehr gut. Sämtliche Räume sind derzeit besetzt und werden auf sehr unterschiedliche Weise genutzt. Zugleich haben wir ein sehr angenehmes Klima und pflegen einen freundschaftlichen Umgang miteinander.
Über die letzten Monate zeichneten sich überdies auch vermehrt Synergien zwischen den einzelnen Nutzern ab. Wir haben hier im Haus spannende Ausstellungen, ein wunderbares Magazin und viele interessante Kulturschaffende. Auf der anderen Seite ist das Konsulat in gewissen Belangen meiner Meinung nach eine etwas kantenlose Zwischennutzung, die wenig auffällt durch Unkonventionelles. Damit meine ichnicht Lärm und plakative Provokation.
Zum Teil wünschte ich mir einfach, dass von hier aus mehr Impulse in die Stadt und in die restliche Schweiz ausgehen würden. Die Frage des Danach steht für mich nicht im Vordergrund. Vielmehr interessiert mich, ob in Zukunft auch an anderen Orten informelle Formen von Zwischennutzungen in St.Gallen möglich sind, ohne eine breite Allianz von Institutionen.Das Konsulat zeigt, dass Zwischennutzungen problemlos möglich wären. Dies wäre nicht zuletzt für junge Kulturschaffende interessant, die sich oftmals Räume in zentraler Lage nicht leisten können und für die Austausch von grosser Wichtigkeit ist.
Türe auf, Stadt rein
Anna Beck-Wörner für die visarte.ost/den Projektraum Nextex.
Angela Kuratli für die visarte.ost/den Projektraum Nextex.
Im ehemaligen Ladenlokal des Ex Libris wurde der Projektraum Nextex (damals exex) gegründet und formiert sich seither ständig neu. Nach Umzügen an die Schmiedgasse, an den Blumenbergplatz, ins Haus Pelikan, zurück an den Blumenbergplatz sind wir seit einem Jahr an der Frongartenstrasse zu finden. Obwohl und vielleicht auch weil wir immer wieder die Räumlichkeiten gewechselt haben und die Bananenschachteln auch jetzt in Reichweite stehen, sind wir kein Zwischenprojekt;der Projektraum Nextex wird im 2018 bereits 15 Jahre alt.
Es braucht Ausstellungsräume für die Ostschweizer Kunstschaffenden, und diese Räume sollten so mittendrin sein wie möglich. Für uns und für die Kunstschaffenden, die ihre Arbeiten im Nextex oft direkt in den Räumen entwickeln, heisst die Verortung auf Zeit: dehnbar zu bleiben und mit der Ungewissheit zu arbeiten.
Das Konsulat ist für uns ein Glücksfall: zentral gelegene Ausstellungsräume im Erdgeschoss, Türe auf und Stadt rein, BesucherInnen rein, Austausch willkommen. Die Nachbarschaften unter Gleich- und eben auch nicht Gleichgesinnten schätzen und suchen wir.
Mehr Überraschungen!
Philip Stuber, 1974, ist Teil des Saiten-Kollektivs und sitzt für Saiten im Vorstand des Kulturkonsulats.
Primär ein wunderbarer Arbeitsplatz, der den Austausch mit verschiedenen Leuten aus dem Kulturbereich ermöglicht – mehr als anderswo. Davon profitiere nicht nur ich persönlich, sondern das ganze Saitenteam. Grundsätzlich läuft vieles im Haus sehr gut.
Aus meiner Sicht ist es manchmal fast etwas zu ruhig, sprich es könnte noch mehr passieren bzw. ermöglicht werden. So gesehen freut es mich sehr, dass neu auch der Kunstkiosk vertreten ist im Kulturkonsulat. Diese Leute sind noch jung und weniger etabliert als andere im Haus. Das bringt frischen Wind, noch mehr Leben und hoffentlich auch einige Überraschungen!
Für Saiten erhoffe ich mir eine neue Zwischennutzung. Als Kleinunternehmen kann man es sich leisten, unterwegs zu sein, und von dieser Freiheit wollen wir auch weiterhin profitieren. Ausser einem Drucker, einigen Tischen und Ordnern haben wir ja nicht viel, das man zügeln muss. Am schönsten wäre es, wenn auch am neuen Ort wieder viele Kulturschaffende beteiligt wären.
Vorzeigecharakter
Stefan Späti, 1975, ist Mitarbeiter der städtischen Fachstelle Kultur und im Vorstand des Kulturkonsulats.
Das Konsulat ist vom zwischenzeitlichen Geisterhaus in kürzester Zeit zu einem absolut belebten Ort voller kreativer Menschen geworden. Jedes Mal, wenn ich im Konsulat bin, läuft wieder eine andere Aktion, treffe ich neue Gesichter an. Man knüpft neue Kontakte und tauscht sich aus.
Aus meiner Perspektive als Vorstandsmitglied kann ich sagen, dass die Organisation untereinander äusserst gut funktioniert. Und das trotz der unterschiedlichen Anspruchsgruppen. Die Zusammenarbeit erfolgte bisher stets reibungslos, Das Konsulat hat Vorzeigecharakter, und ich hoffe, dass es weitere Zwischennutzungs-Projekte inspiriert.
Diese stehen und fallen natürlich auch mit Privatpersonen oder Institutionen, die gewillt sind, geeignete Liegenschaften zu Verfügung zu stellen, aber ich denke, in St.Gallen haben wir beste Voraussetzungen dafür, da es in der Stadt reichlich Zwischennutzungs-Potenzial gibt.
Konsulat Hausfest 26. Januar, ab 17 Uhr, Frongartenstrasse 9, St.Gallen
Das Programm, u.a.:– Bar im Nextex und im 1. Stock mit Bier, Wein und Suppe– Vernissage im Nextex: AUS DEN HÄNDEN mit Karin Keller, Timo Müller (im Erdgeschoss) und Thomas Stüssi (im Projektraum)– Vernissage vom Kunstkiosk: MACH MIR DIE WÄNDE (im 1. Stock und im Keller)– Analog Woofes, Sounds and Noises by Linus, Carlo Onda, DiEule– Zeichnen mit Hapiradi Wild– Flaggen von Herbert Weber und Dario Forlin– Ingresso: Eingangsgestaltung von Barbara Nimke und Gabriela Falkner
Ans Konsulatfest laden ein:Michael Bolliger, Ann Katrin Cooper, Gabriela Falkner, Marcio Ferreia dos Santos, Michael Finger, Dario Forlin, Rumi Fukumoto, Simon Gehrig, Angie Hauer, Barbara Nimke, Miranda Outhon, Deborah Müller, Asel Altahan, Niklaus Reichle, Sara Rossi, Johanna Brandstetter, Patricia Roth, Carmen Pistek, Thomas Schmid, Martina Seitz, Tobias Spori, Andy Storchenegger, Claudia Wälchli, Herbert Weber, Stefanie Zellweger und die Teams von Kunstkiosk, Nextex und Saiten.
Dieser Text erschien im Januarheft von Saiten.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
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Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache