Kategorie
Autor:innen
Jahr

Kehraus in der Wucherhalle

Am 28. Oktober ist Saisonschluss unter dem Titel «Only just starting»; dann beginnt die Winterpause im Lattich, dem temporären Quartierprojekt am Güterbahnhof St.Gallen. Zuvor aber wuchert die Kultur nochmal in der Halle. Über ihre Erfahrungen erzählen die Halle-Kuratoren diesen Donnerstag im Konsulat.
Von  Peter Surber
Hochfliegende Projekte füllen die Halle – hier ein Probenbild. (Bilder: Tobias Spori)

«Halle» heisst sie simpel, und diese Einfachheit ist denn auch ihre Qualität: ein roher Bau, brauchbar für vieles, offen in alle möglichen künstlerischen und sozialen Richtungen. Für 2017, das zweite Lattichjahr nach dem Start 2016, konnte sich die Halle vergrössern, sie bietet jetzt mehreren hundert Personen Platz, hat eine Publikumstribüne und einfache technische Infrastruktur erhalten, und das Programm wurde kuratiert. Ann Katrin Cooper und Tobias Spori, die Kuratoren, ziehen auf Anfrage ein erstes Fazit: «Es hat funktioniert.»

Funktioniert habe die Halle als Produktions- wie als Aufführungsort. Sie stellte genau das zur Verfügung, was ein rares Gut für die «reproduzierenden Künste», für Tanz und Theatertruppen ist: Zeit und Platz. Ein Stück wie Transit nach Anna Seghers konnte hier über mehrere Tage entwickelt und geprobt werden. Oder Creature: Das Projekt mit Tanz und Bungeeseilen war im Sommer und im Herbst hier zu sehen und dazwischen am Fringe Festival Edinburgh zu Gast. Statt in kleinen Räumen und abgeschottet zu proben, biete die Halle Platz im Massstab 1:1 und Austausch mit anderen Kunstschaffenden. «So können künstlerisch ganz andere Dinge passieren», sagt Ann Katrin Cooper.

Ebenso fanden Gastspiele statt, etwa des Aktionstheaters Ensemble aus Wien, die ohne die Halle den Weg nach St.Gallen kaum gefunden hätten. Sie fülle damit eine Lücke, die weder die Lokremise mit ihren wenigen freien Terminen noch die Grabenhalle mit ihrem Schwerpunkt als Konzertlokal schliessen könnten. St.Gallen als Tourstop – der Traum ist alt, die Klage ebenso, dass mangels Raum viele spannende Tanz- oder Theater-Produktionen nicht hierherkommen. Und dass dadurch auch für die hiesigen Kompagnien der Austausch und die Vernetzung mit auswärtigen Ensembles zu kurz kommt.

«Pronto»: Der Saiten-Schalter im Oktober mit Ann-Katrin Cooper und Tobias Spori: 5. Oktober, 19 Uhr, im Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9, St.Gallen
lattich.ch

Eine weitere Programmvariante haben Spori und Cooper programmatisch mit «Freiraum» betitelt: fünf Tage, an denen junge Kunstschaffende ein Projekt realisieren können. Diese «carte blanche» sei mit überbordender Kreativität genutzt worden. «Und auch das Publikum ist gekommen.» Die Frage, ob der Lattich andere Veranstalter konkurrenziere, sei ihnen zwar häufig gestellt worden, sagen die beiden. Aber stattgefunden hätten mehrheitlich Dinge, die es sonst in der Stadt nicht gegeben hätte. So wie den vorerst letzten «Freiraum»: Ihn nutzt vom 17. bis 20. Oktober ein Kollektiv von rund zwei Dutzend Künstlerinnen und Künstlern aus Film, Architektur, Performance und anderen Sparten. Thema soll der Bahnhof als Bild für die «Reise der Gedanken» sein – «Dearrival» heisst das Projekt.

All das geht nicht ohne Aufwand und Geld. «Wir haben sehr viel reingesteckt», sagt das Kuratorenduo. In erster Linie Zeit – der Job war zwar teilweise honoriert, aber als Teil eines Gesamtbudgets, das für das ganze intensive Programm reichen musste. Stadt und Kanton trugen einen Anteil am laufenden Betrieb, die Regio-Organisation übernahm die Miete der Halle im Besitz der SBB, und via Crowdfunding kam zusätzlich Geld zusammen. Tribüne und weitere Infrastruktur konnte das Duo auf eigene Kosten beschaffen. Was damit geschieht, sei offen.

Die Schattenseite des kulturellen Wucherkrauts? Es blüht fürs erste zwar 2018 weiter, ein längerfristiger Mietvertrag für die Halle war von den SBB aber nicht zu bekommen; für die Planung und allfällige Investitionen keine gute Aussicht. Ann Katrin Cooper und Tobias Spori machen deshalb nicht weiter. Aber sie sagen: «Es ist gelungen zu zeigen, was an Vielfalt hier möglich ist.»

Darüber soll weiter diskutiert werden: Diesen Donnerstag im Kulturkonsulat, dem anderen aktuellen St.Galler Zwischennutzungs-Ort – wo Cooper und Spori auch ihr Büro haben.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4