«Halle» heisst sie simpel, und diese Einfachheit ist denn auch ihre Qualität: ein roher Bau, brauchbar für vieles, offen in alle möglichen künstlerischen und sozialen Richtungen. Für 2017, das zweite Lattichjahr nach dem Start 2016, konnte sich die Halle vergrössern, sie bietet jetzt mehreren hundert Personen Platz, hat eine Publikumstribüne und einfache technische Infrastruktur erhalten, und das Programm wurde kuratiert. Ann Katrin Cooper und Tobias Spori, die Kuratoren, ziehen auf Anfrage ein erstes Fazit: «Es hat funktioniert.»
Funktioniert habe die Halle als Produktions- wie als Aufführungsort. Sie stellte genau das zur Verfügung, was ein rares Gut für die «reproduzierenden Künste», für Tanz und Theatertruppen ist: Zeit und Platz. Ein Stück wie Transit nach Anna Seghers konnte hier über mehrere Tage entwickelt und geprobt werden. Oder Creature: Das Projekt mit Tanz und Bungeeseilen war im Sommer und im Herbst hier zu sehen und dazwischen am Fringe Festival Edinburgh zu Gast. Statt in kleinen Räumen und abgeschottet zu proben, biete die Halle Platz im Massstab 1:1 und Austausch mit anderen Kunstschaffenden. «So können künstlerisch ganz andere Dinge passieren», sagt Ann Katrin Cooper.
Ebenso fanden Gastspiele statt, etwa des Aktionstheaters Ensemble aus Wien, die ohne die Halle den Weg nach St.Gallen kaum gefunden hätten. Sie fülle damit eine Lücke, die weder die Lokremise mit ihren wenigen freien Terminen noch die Grabenhalle mit ihrem Schwerpunkt als Konzertlokal schliessen könnten. St.Gallen als Tourstop – der Traum ist alt, die Klage ebenso, dass mangels Raum viele spannende Tanz- oder Theater-Produktionen nicht hierherkommen. Und dass dadurch auch für die hiesigen Kompagnien der Austausch und die Vernetzung mit auswärtigen Ensembles zu kurz kommt.
«Pronto»: Der Saiten-Schalter im Oktober mit Ann-Katrin Cooper und Tobias Spori: 5. Oktober, 19 Uhr, im Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9, St.Gallen lattich.ch
Eine weitere Programmvariante haben Spori und Cooper programmatisch mit «Freiraum» betitelt: fünf Tage, an denen junge Kunstschaffende ein Projekt realisieren können. Diese «carte blanche» sei mit überbordender Kreativität genutzt worden. «Und auch das Publikum ist gekommen.» Die Frage, ob der Lattich andere Veranstalter konkurrenziere, sei ihnen zwar häufig gestellt worden, sagen die beiden. Aber stattgefunden hätten mehrheitlich Dinge, die es sonst in der Stadt nicht gegeben hätte. So wie den vorerst letzten «Freiraum»: Ihn nutzt vom 17. bis 20. Oktober ein Kollektiv von rund zwei Dutzend Künstlerinnen und Künstlern aus Film, Architektur, Performance und anderen Sparten. Thema soll der Bahnhof als Bild für die «Reise der Gedanken» sein – «Dearrival» heisst das Projekt.
All das geht nicht ohne Aufwand und Geld. «Wir haben sehr viel reingesteckt», sagt das Kuratorenduo. In erster Linie Zeit – der Job war zwar teilweise honoriert, aber als Teil eines Gesamtbudgets, das für das ganze intensive Programm reichen musste. Stadt und Kanton trugen einen Anteil am laufenden Betrieb, die Regio-Organisation übernahm die Miete der Halle im Besitz der SBB, und via Crowdfunding kam zusätzlich Geld zusammen. Tribüne und weitere Infrastruktur konnte das Duo auf eigene Kosten beschaffen. Was damit geschieht, sei offen.
Die Schattenseite des kulturellen Wucherkrauts? Es blüht fürs erste zwar 2018 weiter, ein längerfristiger Mietvertrag für die Halle war von den SBB aber nicht zu bekommen; für die Planung und allfällige Investitionen keine gute Aussicht. Ann Katrin Cooper und Tobias Spori machen deshalb nicht weiter. Aber sie sagen: «Es ist gelungen zu zeigen, was an Vielfalt hier möglich ist.»
Darüber soll weiter diskutiert werden: Diesen Donnerstag im Kulturkonsulat, dem anderen aktuellen St.Galler Zwischennutzungs-Ort – wo Cooper und Spori auch ihr Büro haben.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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