Kategorie
Autor:innen
Jahr

Bald sind auch die Teenies tot

Das 41. Openair St.Gallen ist Geschichte. In einer Kategorie steht es im Kampf des Openairs vs. die antiken Philosophen damit 41:0.
Von  Frédéric Zwicker

Wenn man am Sonntagmittag den Blick auf die Bildschirme neben der Hauptbühne richtete, dann konnte man sie sehen, die glücklichen Teenager. Jedes Wort von Nemo rappten und sangen sie mit und strahlten dabei weit übers Grün hinter den Ohren.

Und wenn man sich das ansah, dachte man vielleicht, dass man natürlich zum alten Eisen gehört, zur Generation jener, die kürzlich im «Tagesanzeiger» gelesen haben, die Gitarre habe ihren Zenit überschritten und Hersteller schrieben rote Zahlen, zur Generation jener, die den guten alten Gitarrensoli von Jahr zu Jahr ein wenig nostalgischer nachtrauern, die sich letztes Jahr kindlich über die Bekanntgabe des Radiohead-Bookings gefreut und nach dem Konzert gemeinsam mit den versammelten Medien der Schweiz und den anderen alten Eisenresten am Openair energisch über dieses Konzert diskutiert haben.

Liebs Openair

Man muss dem Openair lassen, dass es in einer Beziehung schon immer besser als jeder antike Philosoph war. Nichts erklärt einem das Konzept des Altwerdens verständlicher. Es ist quasi ein jährlicher Arztbesuch. Und so wie der Grossvater in einem Jahr merkt, dass ihn den Gehstock jetzt auch auf dem Spaziergang ins Dorf begleitet und im nächsten, dass er nach der zweiten Treppe zu seiner Wohnung im dritten Stock eine kurze Verschnaufpause einlegt, bevor er die dritte Treppe in Angriff nimmt, so stellt man plötzlich fest, dass man eigentlich doch nicht nur unglücklich ist, nur am Samstag und Sonntag im Tobel sein zu können und auch nicht betrübt, wenn man gar keinen Sonnenaufgang im Stars and Stripes versoffen hat.

Man gehört zur selben Generation wie mein anonymer Freund, der am Sonntag folgenden offenen Brief ans Openair geschrieben hat:

Liebs Openair.

Es isch wieder intensiv, bsoffe, luut, luschtig – und vor allem zerstörerisch gsi. Zwüschet Double Cheeseburger 1 und 2 überdänk ich gad üsi Beziehig. Ich glaub: üsi Ziit isch abgloffe. D’Welt vom Schmerz und dä Übelkeit laht sich nümm ufwiege mit Jennifer Lopez und Schügazelt am morge am 7i. Es isch irgendwie nümm mini Welt. Mir sind gmeinsam älter, fetter und allgemein desinteressierter worde. Hüt morge hät mer nur na d’Einsamkeit am Sittere-Ufer Troscht gspendet, nachdem i erniedrigend an Waldrand erbroche ha. Es isch ä Zäsur im Läbe. Aber sie isch überfällig. Openair – du kannst mich mal. Ich has gseh. So long.

Zu einer in Ausdünnung begriffenen Generation also. Das Openair ist eine Metapher für den Spätherbst des Lebens. Die Freunde sterben weg. Oder wie Greis es sagen würde, wenn er an Nemos statt auf der Bühne stünde: «I bin ä Dinosaurier».

Aber das Openair verpasst es eben auch nicht, einem vor Augen zu führen, dass man durchaus gut altern kann. Beth Ditto war mit ihrer Band ein grossartiges Vergnügen. Sie sei eine Adele für die Armen, rief sie, und lieferte witzig und stimmgewaltig eine richtig, richtig gute Show. Und natürlich die Beginner: Genauso frisch, sympathisch und hungrig wie damals: vor Urzeiten.

Bastille, Alt-J und Trentemøller lieferten allesamt solide ab, was erwartet werden durfte. Ihre Auftritte reihten sich aber ein in die vielen Konzerte, die dazu führten, dass Oli am Sonntag bei Biffy Clyro – Gitarrenmusik! – sagte: «Man ist schon fast erstaunt über die exzessive Interaktion mit dem Publikum, wenn Simon Neil mal kurz Hallo sagt.» Lorde am Sonntag: ganz jung, ganz bezaubernd!

Müffelige Stiefel

Regen und Schlamm über vier Tage, natürlich. Aber mit Gummistiefeln geht’s wirklich problemlos. Alt und bewährt, wie die Beginner. Vielleicht schon ein bisschen müffelig, wie die Toten Hosen. Aber wasserdicht sind auch die noch.

Man kann wissen, dass man es nicht allen recht machen kann, und doch finden: Aber wenigstens mir könnten sie es recht machen. Man kann aber auch in die Gesichter der glücklichen Jungen am Nemokonzert schauen, auf die gitarrenfreie Bühne, und denken: Anscheinend macht das Openair immer noch vieles richtig. Als wir so jung waren, hat es uns ebenso jung und glücklich gemacht.

Vielleicht fühlt man sich am Openair selber wieder jung und glücklich. Und falls nicht, kann man beim Anblick der jungen Gesichter immer auch denken: Bald sind auch die alt und verbraucht und zynisch und tot.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess