Was zwischen den 334 Seiten steht, wühlt auf. In engster Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie hat der 2005 verstorbene Oberarzt und Klinikdirektor Roland Kuhn Prüfsubstanzen noch nicht zugelassener Medikamente an Patientinnen und Patienten ausprobiert. Die allermeisten von ihnen wussten davon nichts. Für seine Prüfungen ist «Daddy Long Leg», wie ihn ein Teil des Klinikpersonals nannte, von den Unternehmen, darunter Geigy und Ciba (heute alle fusioniert), teuerungsbereinigt mit rund acht Millionen Franken entschädigt worden.
Während des fast 40-jährigen Pillenregimes in der Klinik kam es auch zu Todesfällen. Ein Zusammenhang mit den Medikamententests ist aber nie untersucht worden und kann deshalb nur vermutet werden. Als Medikamententester ist Kuhn von seiner Ehefrau Verena unterstützt worden, die ebenfalls als Psychiatrieärztin in Münsterlingen arbeitete.
3 Millionen Dosen
Kuhn hat ein riesiges Archiv hinterlassen. Die Qualität seiner Aufzeichnungen ist sehr unterschiedlich. Die Leiterin des fünfköpfigen Forschungsteams, Marietta Meier, sagte am Montag gegenüber den Medien, dass in den Akten Hinweise auf knapp 120 Versuchssubstanzen gefunden worden seien. Bei 67 Stoffen lägen eindeutige Beweise für eine Prüfung vor. 50 weitere Stoffe seien durch Anfragen oder Lieferungen belegt. Gemäss Meier variierte die Form der Versuche stark. Neben Schnellprüfungen mit einigen wenigen Personen habe es auch gross angelegte, langjährige Tests mit über 1000 Patientinnen und Patienten gegeben.
Gutschrift für den «Tofranil-Bonus», 1970.
Namentlich hätten gut 1100 Personen identifiziert werden können, denen Prüfsubstanzen verabreicht worden seien. Kuhn selbst habe insgesamt knapp 3000 Fälle erwähnt. «Die Dunkelziffer der betroffenen Patienten und Patientinnen muss jedoch hoch sein», sagte Meier. «Zwischen 1946 und 1980 gelangten nämlich mindestens 3 Millionen Einzeldosen von Prüfstoffen nach Münsterlingen.»
Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie 1940-1980, Chronos Verlag 2019, Fr. 41.90
An den Versuchen der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen war ein breites Netz von Akteuren beteiligt: Pharmaunternehmen, Institutionen und Personen, stationäre und ambulante Patienten, deren soziales Umfeld, Privatärzte, andere Kliniken und Behörden. Die Forschenden schreiben, dass Kuhn immer darauf verwiesen habe, dass er seine Patienten nicht auf Zahlen, Kurven und Statistiken reduziere, sondern den gesamten Menschen erfasse.
Tatsächlich seien seine Versuche explorativ gewesen. Er habe die Bedingungen der Prüfung nicht von Beginn weg festgelegt. Sein offenes Vorgehen habe aber den systematischen und wissenschaftlichen Anordnungen, die ab den 1960er-Jahren gegolten hätten, widersprochen. «Die Pharmafirmen jedoch liessen Kuhn gewähren», heisst es im Buch.
Kuhn hielt sich nicht an ethische Regeln
Meier sagt: «Kuhn behauptete, die Prüfungspatienten seien immer eng beobachtet und überwacht worden. Dem überlasteten Klinikpersonal fehlte jedoch die Zeit, um Probanden eng zu betreuen, alles genau schriftlich festzuhalten und sämtliche erwünschten Begleituntersuchungen durchzuführen. Von einer konsequenten Kontrolle kann also nicht die Rede sein, es gab auch Zwischen- und Todesfälle.»
Kuhn foutierte sich um die in den 1970er-Jahren aufgestellten Regeln für Medikamentenversuche. Auch die Deklaration von Helsinki von 1964 über die ethischen Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen war für den Münsterlinger Psychiater Makulatur.
Luftaufnahme der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.
Damit stand er nicht allein. Was Münsterlingen von der zeitgenössischen Prüflandschaft unterscheide, sei hingegen die ausgezeichnete Dokumentationslage, heisst es seitens des Forschungsteams. Die Quellenbestände seien keinesfalls ausgeschöpft. Offene Fragen, etwa zur Zahl der schweren Zwischen- und Todesfälle, könnten deshalb weiter verfolgt werden. Um aber eine Einordnung zu ermöglichen, müssten die Münsterlinger Versuche mit denjenigen anderer Kliniken verglichen werden. Über Klinikversuche in der Schweiz sei noch wenig bekannt. Klar jedoch sei, dass vielerorts getestet wurde.
Der Thurgauer Regierungspräsident, Jakob Stark, hat sich an der Medienkonferenz im Namen der Thurgauer Regierung für die Vorfälle in Münsterlingen entschuldigt. Er zeigte sich überzeugt davon, dass aufgrund später erlassener gesetzlicher und administrativer Regelungen Vorgänge, wie sie in der Studie beschrieben worden seien, heute in der Art nicht mehr möglich wären.
Düstere Schweizer Psychiatrie-Geschichte
Münsterlingen ist Teil der langen Geschichte der Menschenverachtung in der Schweizer Psychiatrie. Eines der düstersten Kapitel ist die Eugenik, die der «Vater» der Schweizer Psychiatrie, Auguste-Henri Forel, als Methode für die Rassenhygiene entwickelt hatte. Sie beeinflusste die Euthanasie im Dritten Reich, die Vernichtung sogenannt «lebensunwerten Lebens». Über 100’000 Menschen mit Behinderung sind diesem systematischen Massenmord zum Opfer gefallen, den Hitler «Gnadentod» nannte. Die Rassenhygiene von Forel (dessen Porträt bis 2000 die Schweizer 1000er-Note zierte) fand eine Fortsetzung im Jenischen-Hilfswerk «Kinder der Landstrasse», das den Fahrenden ihre Kinder wegnahm und sie in Heime sperrte, um dort mit brutaler Erziehung die angeblich schlechten Erbanlagen ihrer Eltern auszumerzen.
Korridor der Abteilung C in Münsterlingen, 1980.
Zu den Verbrechen, die bis vor wenigen Jahren in der Schweizer Psychiatrie verübt worden waren, gehören auch Zwangssterilisationen, eine Reihe psychiatrischer Zwangsmassnahmen und die psychopharmakologische Willens-Brechung von Opfern des fürsorgerischen Freiheitsentzugs – das Thema ist im kürzlich publizierten Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission zu den Administrativen Versorgungen aufgearbeitet, national und auch kantonal.
Lange Zeit war die Psychiatrie ein Staat im Staat, von niemandem kontrolliert. Erst die internationale Debatte um die Antipsychiatrie in den 1970er- und 1980er-Jahren hat die Allmacht der Psychiatrie gebrochen.
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