Kategorie
Autor:innen
Jahr

Das Pillenregime von «Daddy Long Leg»

Von 1946 bis 1980 wurden in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen mindestens 3000 Patienten und Patientinnen Medikamentenversuchen ausgesetzt. Die illegalen Tests endeten für einige tödlich. Jetzt hat ein Team aus Historikerinnen und Historikern der Uni Zürich den «Testfall Münsterlingen» untersucht. Die Thurgauer Regierung, in deren Auftrag geforscht wurde, entschuldigt sich bei den Opfern.
Von  Harry Rosenbaum
Roland Kuhn mit Personal, 1961.

Was zwischen den 334 Seiten steht, wühlt auf. In engster Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie hat der 2005 verstorbene Oberarzt und Klinikdirektor Roland Kuhn Prüfsubstanzen noch nicht zugelassener Medikamente an Patientinnen und Patienten ausprobiert. Die allermeisten von ihnen wussten davon nichts. Für seine Prüfungen ist «Daddy Long Leg», wie ihn ein Teil des Klinikpersonals nannte, von den Unternehmen, darunter Geigy und Ciba (heute alle fusioniert), teuerungsbereinigt mit rund acht Millionen Franken entschädigt worden.

Während des fast 40-jährigen Pillenregimes in der Klinik kam es auch zu Todesfällen. Ein Zusammenhang mit den Medikamententests ist aber nie untersucht worden und kann deshalb nur vermutet werden. Als Medikamententester ist Kuhn von seiner Ehefrau Verena unterstützt worden, die ebenfalls als Psychiatrieärztin in Münsterlingen arbeitete.

3 Millionen Dosen

Kuhn hat ein riesiges Archiv hinterlassen. Die Qualität seiner Aufzeichnungen ist sehr unterschiedlich. Die Leiterin des fünfköpfigen Forschungsteams, Marietta Meier, sagte am Montag gegenüber den Medien, dass in den Akten Hinweise auf knapp 120 Versuchssubstanzen gefunden worden seien. Bei 67 Stoffen lägen eindeutige Beweise für eine Prüfung vor. 50 weitere Stoffe seien durch Anfragen oder Lieferungen belegt. Gemäss Meier variierte die Form der Versuche stark. Neben Schnellprüfungen mit einigen wenigen Personen habe es auch gross angelegte, langjährige Tests mit über 1000 Patientinnen und Patienten gegeben.

Gutschrift für den «Tofranil-Bonus», 1970.

Namentlich hätten gut 1100 Personen identifiziert werden können, denen Prüfsubstanzen verabreicht worden seien. Kuhn selbst habe insgesamt knapp 3000 Fälle erwähnt. «Die Dunkelziffer der betroffenen Patienten und Patientinnen muss jedoch hoch sein», sagte Meier. «Zwischen 1946 und 1980 gelangten nämlich mindestens 3 Millionen Einzeldosen von Prüfstoffen nach Münsterlingen.»

Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie 1940-1980, Chronos Verlag 2019, Fr. 41.90

An den Versuchen der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen war ein breites Netz von Akteuren beteiligt: Pharmaunternehmen, Institutionen und Personen, stationäre und ambulante Patienten, deren soziales Umfeld, Privatärzte, andere Kliniken und Behörden. Die Forschenden schreiben, dass Kuhn immer darauf verwiesen habe, dass er seine Patienten nicht auf Zahlen, Kurven und Statistiken reduziere, sondern den gesamten Menschen erfasse.

Tatsächlich seien seine Versuche explorativ gewesen. Er habe die Bedingungen der Prüfung nicht von Beginn weg festgelegt. Sein offenes Vorgehen habe aber den systematischen und wissenschaftlichen Anordnungen, die ab den 1960er-Jahren gegolten hätten, widersprochen. «Die Pharmafirmen jedoch liessen Kuhn gewähren», heisst es im Buch.

Kuhn hielt sich nicht an ethische Regeln

Meier sagt: «Kuhn behauptete, die Prüfungspatienten seien immer eng beobachtet und überwacht worden. Dem überlasteten Klinikpersonal fehlte jedoch die Zeit, um Probanden eng zu betreuen, alles genau schriftlich festzuhalten und sämtliche erwünschten Begleituntersuchungen durchzuführen. Von einer konsequenten Kontrolle kann also nicht die Rede sein, es gab auch Zwischen- und Todesfälle.»

Kuhn foutierte sich um die in den 1970er-Jahren aufgestellten Regeln für Medikamentenversuche. Auch die Deklaration von Helsinki von 1964 über die ethischen Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen war für den Münsterlinger Psychiater Makulatur.

Luftaufnahme der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.

Damit stand er nicht allein. Was Münsterlingen von der zeitgenössischen Prüflandschaft unterscheide, sei hingegen die ausgezeichnete Dokumentationslage, heisst es seitens des Forschungsteams. Die Quellenbestände seien keinesfalls ausgeschöpft. Offene Fragen, etwa zur Zahl der schweren Zwischen- und Todesfälle, könnten deshalb weiter verfolgt werden. Um aber eine Einordnung zu ermöglichen, müssten die Münsterlinger Versuche mit denjenigen anderer Kliniken verglichen werden. Über Klinikversuche in der Schweiz sei noch wenig bekannt. Klar jedoch sei, dass vielerorts getestet wurde.

Der Thurgauer Regierungspräsident, Jakob Stark, hat sich an der Medienkonferenz im Namen der Thurgauer Regierung für die Vorfälle in Münsterlingen entschuldigt. Er zeigte sich überzeugt davon, dass aufgrund später erlassener gesetzlicher und administrativer Regelungen Vorgänge, wie sie in der Studie beschrieben worden seien, heute in der Art nicht mehr möglich wären.

Düstere Schweizer Psychiatrie-Geschichte

Münsterlingen ist Teil der langen Geschichte der Menschenverachtung in der Schweizer Psychiatrie. Eines der düstersten Kapitel ist die Eugenik, die der «Vater» der Schweizer Psychiatrie, Auguste-Henri Forel, als Methode für die Rassenhygiene entwickelt hatte. Sie beeinflusste die Euthanasie im Dritten Reich, die Vernichtung sogenannt «lebensunwerten Lebens». Über 100’000 Menschen mit Behinderung sind diesem systematischen Massenmord zum Opfer gefallen, den Hitler «Gnadentod» nannte. Die Rassenhygiene von Forel (dessen Porträt bis 2000 die Schweizer 1000er-Note zierte) fand eine Fortsetzung im Jenischen-Hilfswerk «Kinder der Landstrasse», das den Fahrenden ihre Kinder wegnahm und sie in Heime sperrte, um dort mit brutaler Erziehung die angeblich schlechten Erbanlagen ihrer Eltern auszumerzen.

Korridor der Abteilung C in Münsterlingen, 1980.

Zu den Verbrechen, die bis vor wenigen Jahren in der Schweizer Psychiatrie verübt worden waren, gehören auch Zwangssterilisationen, eine Reihe psychiatrischer Zwangsmassnahmen und die psychopharmakologische Willens-Brechung von Opfern des fürsorgerischen Freiheitsentzugs – das Thema ist im kürzlich publizierten Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission zu den Administrativen Versorgungen aufgearbeitet, national und auch kantonal.

Lange Zeit war die Psychiatrie ein Staat im Staat, von niemandem kontrolliert. Erst die internationale Debatte um die Antipsychiatrie in den 1970er- und 1980er-Jahren hat die Allmacht der Psychiatrie gebrochen.

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5