Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der Namengeber

H.R. Fricker, Künstler, Mailartist, Networker, Museumserfinder und Wortvirtuose, ist 75-jährig in Trogen gestorben. Ein paar erste Erinnerungen.
Von  Peter Surber , 
Briefe, die man nicht wegwirft: Post von H.R. Fricker. (Bild: Su.)

«Nur Sender kann man orten» war einer der Slogans, mit denen H.R. Fricker schon früh seine künstlerische Position deklarierte. Nun ist der Sender verstummt. «LAST DAY OF ISSUE» steht auf einem seiner letzten postalischen Werke, gesendet aus «Stoneland», jenem Universum der Steine, das Fricker die letzten paar Jahre intensiv erkundet und künstlerisch dokumentiert hat.

Unsere frühesten Begegnungen fanden beim «Tagblatt» statt. Hans Ruedi Fricker arbeitete in der Mettage, schnitt die Zeitungstexte zu, die anschliessend auf die Druckvorlagen geklebt wurden, von Digitalisierung war noch keine Rede. In Arbeitspausen sah man ihn ab und zu eigene Werke zuschneiden, die er an seine Mail-Art-Kollegen in der halben Welt verschickte.

Die Begegnungen hielten über die Jahre an. In der Hüttschwendi ausserhalb Trogen wohnte H.R. Fricker seit 1976 mit seiner Familie, hier richtete er sein «Büro für künstlerische Umtriebe auf dem Lande» ein, entwickelte seine Mail-Art und Land-Art. Das einstige Aussenschulhaus, obwohl von den Frickers privat bewohnt, blieb bis vor einigen Jahren noch als Stimmbüro der Gemeinde in Betrieb; vom Lindenbüel, wohin wir gezogen waren, nur einige Gehminuten entfernt. An Abstimmungssonntagen konnten wir so mit einem kurzen Gang über die Wiesen unsere Bürger:innen-Pflicht erfüllen, bekamen von Stimmenzähler Fricker einen Kaffee angeboten und erfuhren das Neuste über seine «künstlerischen Umtriebe».

«I AM A NETWORKER (SOMETIMES)» ist ein anderer der Fricker’schen Merksätze, verewigt auf unzähligen seiner postalischen Arbeiten sowie als Titel der 1989 im St.Galler Vexer Verlag erschienenen Monografie. Hier in der Hüttschwendi konnte man ihn als mit dem Dorf ebenso wie mit der Welt verbundenden Netzwerker erleben. Immer freundlich, immer voll Elan für das Projekt, das ihn gerade beschäftigte, immer bereit, Besucher:innen Einblick in seine Denkart und Arbeitsweisen zu bieten.

«Dichter, Missionar, Verkäufer, Künstler»

Vierfach waren die kindlichen Berufswünsche des 1947 in Zürich geborenen und in Gossau aufgewachsenen Hans Ruedi Fricker. Die Erinnerung daran findet sich in einer Broschüre über ihn, publiziert 2014 aus Anlass einer Ausstellung im Museum für Lebensgeschichten in Speicher, Appenzell Ausserrhoden, dem Museum, das Fricker selber konzipiert hatte. Verkäufer lernte er dann zuerst – die Erfüllung fand er in seinem vierten Beruf.

Dichter: Das war er allerdings auch. Und vielleicht auch ein bisschen Missionar. Bilder waren für ihn stets auch Schrift-Bilder und Sprach-Bilder. Und sein höchst individueller Schöpfungsakt bestand darin, Orte zu benennen, zu beschriften, zu behaupten, sie überhaupt erst als «Ort» kenntlich zu machen.

Schon in den Siebzigerjahren hat Fricker auf den Appenzeller Hügeln Wörter in den Schnee gestapft,  später hat er Ortsbeschriftungen in allen möglichen Variationen entwickelt. Die quadratischen Schilder mit Begriffen wie ORT DER WUT oder ORT DER LIST hängen heute in zahllosen öffentlichen wie privaten Gebäuden.

In der Stadt St.Gallen hat er Orts-Begriffe an ausgewählten Stellen ins Trottoir eingefügt und so einen eigenwilligen Stadtkataster geschaffen, ähnlich in Lenzburg oder Zürich. In Vnà im Engadin prangen Frickers Schrifttafeln mit rätoromanischen Verben an zahlreichen Häusern, in Truttmann tönen sie walliserisch, und an dieser oder jener Kühlschrank- oder Haustür stösst man unversehens auf eines seiner magnetischen Täfelchen mit «Charaktersätzen» wie: «sich selbst misstrauend» oder «mehr tun als nötig», aber auch solitären Wörtern, zum Beispiel: «Quelle».

Die wohl radikalste Wort-Tafel aus H.R. Frickers scheinbar unerschöpflichem Fundus von Benennungen heisst: «da». Wo «da» steht, ist man selber da, angekommen, zumindest an einem wie auch immer richtigen Ort, existent, als «da»-seiende Person für voll genommen.

Friedlicher Imperialist

«Namengeber»: Das war Fricker also auch. Er besetzte Plätze, benannte Unerwartetes, steckte Territorien ab. Und da fiel einmal im Gespräch mit ihm auch gleich die nächste Berufsbezeichnung: Er sei ein «Imperialist». Er sagte es lachend, sein Imperialismus hatte nichts In-Besitz-Nehmendes an sich, sondern vielmehr etwas Befreiendes. Frickers Kunst wollte seit jeher hinaus aus den Museen und Kunsträumen beziehungsweise gar nie hinein.

Kurzerhand erklärte er dafür die Berge seiner Appenzeller Wahlheimat zum «Alpstein Museum». In Speicher initiierte er das Museum für Lebensgeschichten in einer Altersresidenz. Das Murgtal oder das Safiental wurden zu Steinmuseen. Eines seiner Langzeitprojekte rief dazu auf: «Erobert die Wohnzimmer dieser Welt!». Frickers Arbeit erweiterte unablässig die Vorstellung dessen, was «Natur» und was «Kunst» sei oder wo Alltag und schöpferisches Tun ineinander übergehen.

IM TRUEBEN FISCHEN / SCHEINT MEIN BERUF – das ist eines der Anagramme, die H.R. Fricker der Sprache abgerungen hat. Dabei war nichts trüb, alles hoch präzis und zugleich vieldeutig, was er schuf. Wie MENU BANAL, das Anagramm von ANNA BLUME, jener Kunstfigur des Dadaisten Kurt Schwitters, die Fricker mit seiner Buchstabenjonglage neu zum Leben erweckt. Oder, die wohl schönste und politischste aller Trouvaillen: aus GLASNOST wird ANGSTLOS.

Am 6. Mai ist H.R. Fricker in Trogen gestorben, 75jährig und – so ist zu hoffen – angstlos. Ein Nachruf folgt im Juniheft von Saiten.

Die Er­de ist nicht ge­nug

Das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len er­öff­net Mit­te No­vem­ber zum zehn­jäh­ri­gen Be­stehen sei­nes Neu­baus den Aus­stel­lungs­be­reich «Mensch und Uni­ver­sum». Zwi­schen Kli­ma­kri­se und Ster­nen­him­mel geht es um ei­ne ziem­lich gros­se Fra­ge: Wo ste­hen wir ei­gent­lich?

Von Philipp Bürkler,
Naturmuseum Mensch und Universum Niklas Thalmann

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,