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Ganz ohni Abfall

Klimafreundlich, nachhaltig und auch politisch: Seit Anfang Dezember gibt es in St.Gallen den ersten Unverpacktladen der Stadt. Ein Besuch bei Marion Schiess verkommt unverhofft zur Gruppendiskussion. Von Andri Bösch
Von  Gastbeitrag
Marion Schiess kann sich mit ihrem «Ganzohni», dem neuen Unverpackt-Laden in St.Gallen, über einen Start nach Mass freuen. (Bilder: Andri Bösch)

Willkommen in der Engelgasse: Neben indischem Restaurant, Genossenschaftsbeiz, Fairtradeladen und bestem «Glacehotspot in Town» ist seit Anfang Dezember ein weiteres Geschäft hinzugekommen, welches dieses Fleckchen am Rande der verödeten und durchkommerzialisierten Innenstadt noch etwas empfehlenswerter macht: der erste Unverpackt-Laden in der Stadt St.Gallen, kurzum «Ganzohni», welcher ganz ohne Verpackungsabfall zu produzieren verschiedene Lebensmittel und Haushaltsprodukte anbietet.

«Ich interessiere mich schon länger dafür, wie man nachhaltig leben kann», erzählt Marion Schiess am ersten Weihnachtstag im neu eingerichteten Laden, der nicht nur wie eine Einkaufsmöglichkeit anmutet, sondern daneben auch Tische prominent an der Schaufensterfront platziert, anstelle der üblichen Werbeausstellung, die da normalerweise nach Aufmerksamkeit giert. An der längsten Wand an der Engelgasse 8 hängen kleine Silos mit Getreide, Pasta, Linsen, Weizen. Die 28-Jährige hat sich mit ihrem Laden einen Traum erfüllt, den sie schon lange hegte.

Ein Paradies für Körnlipicker.

«Die Idee war in meinem Kopf, seit ich in Berlin die Eröffnung des ersten Unverpackt-Ladens miterlebt habe. Es macht mich traurig, dass wir Menschen wissen, wie nachhaltiges Leben aussehen müsste, aber dennoch nichts getan wird.» Gerade in der reichen Schweiz seien eigentlich genügend Mittel vorhanden. «Als ich früher auf Reisen war, kam ich immer wieder ziemlich schockiert zurück in die Schweiz. Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die gar keine Möglichkeit haben, nachhaltig zu leben. Handkehrum sind es meist diese Menschen, welche die Folgen des Klimawandels als erste zu spüren bekommen», sagt Schiess.

«Ich wollte einfach etwas unternehmen, gegen das, was mich störte.» «Ganzohni» konnte aber auch Schiess nur gründen, weil ihr eine «mega liebe Person» einen Kredit versprach, nachdem sie von ihrer Idee eines Unverpackt-Ladens in St.Gallen erzählte.

Gesprächsrunde zu fünft

Die Türglocke klingelt, herein spazieren vier junge Männer. Sogleich ist das Interview um einige Gesprächspartner reicher.

Saiten: Weshalb kommt ihr hier einkaufen?

Tobias: Ich wohne halt noch zuhause und deshalb komme ich wohl nicht so regelmässig hier in den Laden, aber wenn ich jetzt ausziehen würde, könnte ich es mir auch gut vorstellen, hier mein Essen zu kaufen.

Dimitri: Oder weisst du, einfach so die Sachen, die du eh brauchst wie Reis, Linsen und so weiter, da kannst du doch jetzt easy sagen, ich gehe in den «Ohne», nehme meinen Stoffbeutel mit und gut ist. Ich meine, wofür soll ich da jetzt in den Coop gehen und die unterstützen, wenn ich auch einen kleinen Laden unterstützen kann, der sogar alles ohne Verpackung anbietet?

Aber nervt euch das nicht? Hier müsst ihr ja immer Gläser mitnehmen und alles ist so umständlich mit abfüllen und so…

Tobias: Nein, ist doch nicht so schlimm, du kannst ja einfach ein Konfiglas von Zuhause mitnehmen und gut ist.

Dimitri: Und schlussendlich nimmst du deine Sachen, die du eingekauft hast, mit gutem Gewissen nach Hause, denn du hast keinen Grosskonzern unterstützt und auch kein Plastik verbraucht.

Tobias: Darf ich dich fragen, wie es so läuft bisher?

Marion: Sehr gut bis jetzt.

Dimitri: Also nur positive Resonanz?

Marion: Bisher habe ich nur gutes, positives Feedback bekommen. Einzige Kritik war, dass gewisse Produkte fehlen. Wenn etwas mehrmals erwähnt wird, nehme ich es ins Sortiment auf. Mir ist einfach auch wichtig, dass das, was ich hier verkaufe, nicht hundertmal auf der Welt umhergefahren wird, bevor es hier im Laden landet.

Selber abfüllen, abwiegen und an der Kasse bezahlen: Im «Ganzohni» an der Engelgasse gilt Selbstbedienung.

Dimitri: Also schmeisst du den ganzen Laden hier alleine?

Marion: Ja, ich mach das hier alleine.

Tobias: Krass, ich dachte das sei auch wieder so ein Kollektiv wie im Schwarzen Engel oder so.

Dimitri: Wie bist du denn auf die ganzen Produkte gekommen? Hattest du da schon Kontakte?

Marion: In Zürich hatte ich bereits Kontakt zu verschiedenen Bio-Lieferanten oder -Produzenten, aber ansonsten habe ich alles selber organisiert, nachgefragt, telefoniert und so weiter. Es war aber schon eine riesen Büez, weil es viele Produzierende gibt, die gar noch nicht bereit sind, etwas offen und ohne Verpackung zu verkaufen. Es gab aber auch Leute, die sofort mitgemacht haben und mir die Produkte nun in Behältern geben, die wiederverwendbar sind. Ich hatte aber auch mega viele gute Leute um mich, die mir geholfen haben.

Tobias: Wir haben das mal an einem Festival ausprobiert: Ganz ohne Abfall durchkommen.

Dimitri: Ja, das war am Clanx.

Tobias: Das hat sich auch ein bisschen auf meinen Alltag ausgewirkt. Wir hatten da einfach unsere eigenen Becher und eine Box, um das Essen abzufüllen.

Dimitri: Und das lustige war ja, wir waren alle zusammen dort und ich habe am Anfang gesagt, ich mache nicht mit, und dann habt ihr alle viel mehr Essen in eure Tupperware bekommen.

Tobias: Ja voll, am Anfang schauen sie dich noch komisch an, aber dann wird es normal.

Dimitri: Ich sag’s euch, nächstes Mal wenn ich an ein Openair gehe, nehme ich auch mein eigenes Zeugs mit.

Tobias: Der einzige Scheiss ist jeweils, dass du dann halt alles selber abwaschen musst.

Marion: In Zürich gibt es ein Openair, das heisst ‹Schlauer Bauer› und dort wird alles mit Glasgeschirr ausgegeben, es gibt eine Abwaschstation, wo man sich einschreiben kann und dann zusammen abwäscht. Das funktioniert super.

Dimitri: Und ich meine, ganz ehrlich, wie einfach ist es für ein Openair, wenn einfach alle ihr eigenes Geschirr mitnehmen? Das ist doch viel besser.

Tobias: Also zum Plastik muss ich noch was sagen: Mir ist im letzten halben Jahr mega krass aufgefallen, wie viel Plastikmüll ein Haushalt produziert. Wir haben so einen KUH-Bag, damit der Plastik recycelt wird, und der ist halt durchsichtig und gross und du siehst dann wirklich so wie sich der füllt. Wenn du Abfallsäcke hast, siehst du das gar nicht, weil du die ständig auswechselst.

Es ist ja immer ganz geil, wenn sich die Hyperkritischen nach dem Openair St.Gallen über den Abfall aufregen, der dort liegen bleibt – im Schnitt 1,4 Kilogram pro Besucherin und Besucher; der schweizerische Abfalldurchschnitt pro Kopf und Tag liegt aber bei 1,9 Kilogramm – am Openair wird durch das Herumliegenlassen einfach sichtbar, wie viel Abfall eigentlich jeden Tag produziert wird…

Marion: Und es geht ja nicht mal nur um den Abfall selber, sondern auch um die Energie, die es braucht, diesen herzustellen. Das ist auch das Gleiche wie bei den Lebensmitteln, wir sind uns gewohnt, dass die fast nichts mehr kosten.

Dimitri: Und wir sind uns gewohnt, Abfall zu machen, weil es einfach so richtig einfach ist.

Wie schaut es eigentlich aus mit den Preisen?

Marion: Also ich hatte keinen Plan von Preisen. Hätte ich hier die Preise gemacht ohne Hilfe, ich wäre wohl schon diesen Monat wieder pleite gegangen.

Dimitri: Es muss sicher schon bedacht sein, dass so eine Kokosbürste 8.90 kostet. Und irgendwie willst du es ja auch nicht zu teuer machen, aber trotzdem willst du ja auch was einnehmen. Nein echt, ich finde es geil, was du hier machst, muss ich sagen. Stand jetzt könnte ich mir halt nicht quasi meinen Haushalt von hier finanzieren.

Marion: Es fragen sich schon viele, ob es nicht viel teurer ist und ich kaufe jetzt auch gerade selber hier bei mir ein und zahle auf alles den vollen Preis, weil ich schauen möchte, wie viel es mich kostet. Für mich geht es mittlerweile schon auf, weil ich dafür einfach auf gewisse andere teuere Produkte wie ab und zu mal ein Twix oder Bounty oder sonstiges unnötiges Zeug verzichte. Und ich schaue auch, dass ich nichts wegwerfe, denn Foodwaste kostet auch.

Dimitri: Hey Jungs, sollen wir langsam mal ziehen?

Die vier füllen sich zwei Gläser Kürbiskerne und verabschieden sich.

Ad-hoc-Interviewgruppe: Dimitri, David, Marion, Jonas und Tobias.

«Ich persönlich bin einfach auch sehr enttäuscht von der Politik», sagt Schiess zum Schluss. «Es müssen endlich auch politische Massnahmen getroffen werden und zwar nicht nur im Bereich Abfall, sondern auch anderswo. Beispielsweise das Thema Auto: Wer braucht wirklich ein Auto, um arbeiten zu gehen, und wo wäre es sinnvoll, auf den ÖV umzusteigen? Brauchen wir wirklich Eier aus Bodenhaltung? Plastiksäckli für 5 Rappen? Warum nicht gleich gar keine? Produkte mit einem hohen CO2-Verbrauch sollten teurer werden. Man sollte belohnt werden, wenn man im eigenen Haushalt weniger Wasser benötigt. Oder wenn man weniger heizt.»

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