Jahreszeiten summen blau
2025 hat Lina Maria Sommer den Adolf-Dietrich-Förderpreis erhalten. In ihrer mit dem Preis verbundenen Ausstellung «Summen» zeigt sie im Kunstraum Kreuzlingen sechs grossformatige Aquarelle. Es geht um Bewegung und die Anwesenheit von Licht.
Zwei Arbeiten im Foyer des Kunstraums (Bild: vez)
Es gibt nicht nur ein Blau. Es gibt das Sommerhimmelblau, das Blauviolett des Gazosas mit Heidelbeergeschmack oder das Blauweiss von Eiszapfen. Es gibt das Kugelschreiberblau, das Blau von Verkehrstafeln oder das dunkle Blaugrün des Sees kurz vor einem Gewitter. Dazwischen gibt es wohl noch ein unendliches Meer an Blautönen, die alle auch blau sind, aber eben unterschiedlich.
Diese Vielfalt zeigt auch die aktuelle Ausstellung «Summen» der Thurgauer Künstlerin Lina Maria Sommer im Kunstraum Kreuzlingen. Die Ausstellung ist Teil des mit 15'000 Franken dotierten Adolf-Dietrich-Förderpreises der Thurgauischen Kunstgesellschaft. In Kreuzlingen zeigt die Künstlerin noch bis zum 12. April eine grossformatige, sechsteilige Aquarellserie, die sie vergangenes Jahr erarbeitet hat.
Diese Arbeiten versteht die Künstlerin als die «Summe all ihrer malerischen Aktionen». Der Ausstellungstitel könnte also kaum passender sein. Wer eher an ein melodiöses Summen gedacht hat, liegt aber nicht falsch. «Der Titel verweist auch auf meine Arbeit mit meiner Stimme, mit der ich im März an einer Lesung meine Gedichte in den Kunstraum trage», erklärt Sommer im Gespräch mit Saiten.
In den weissgrauen Industrieräumen des Kunstraumes hängen die schwebend gerahmten Arbeiten. Zwei im Foyer, vier in der Haupthalle. Sie sind in gleichmässigen Abständen montiert, in einem perfekt ausbalancierten Nebeneinander. Die Säulenarchitektur der Haupthalle verstärkt die Symmetrie dieser Hängung. Alles wirkt hell, luftig, beruhigend.
Blick in die Halle (Bild: vez)
Die Farbe Blau ist in allen Werken sehr präsent – aber niemals aufdringlich. Vielmehr scheint es einen Raum nach oben zu öffnen. Man meint, das Blau spüren zu können, möchte es fast einatmen. Eine gewisse Strenge fällt auf: Die Blautöne zeigen sich in klaren geometrischen Formen, oft Quadraten. Darüber liegen, sich rechtwinklig überschneidend, Bänder in sanften, hellen Naturtönen.
Nahe der Bildunterkante wandeln sich die Farben der Bilder in dunklere Töne. Braun oder Oliv. «Dadurch verankere ich meine Arbeiten mit dem Boden, während sie sich nach oben hin öffnen, zum Himmel, zur Luft oder allem, was darüber sein kann», erklärt Sommer. Den abstrakten Bildern vermag das eine gewisse Räumlichkeit zu verleihen.
Trotz unübersehbarer Strukturierung wirken die Werke durch die weichen Aquarellfarben filigran bis flüchtig. Dieses Flüchtige mag man dann auch in den spielerischen Formen erkennen, die über diese strenge Hintergrundkomposition zu fliessen scheinen. Vielleicht fühlt man sich an florale oder ornamentale Elemente erinnert. Und glaubt, Blüten, Grashalme oder Schilfrohr zu erkennen.
Das sei aber nicht ihre Intention, weiss die Künstlerin, es habe sie hauptsächlich die Kombination aus geometrischer Ordnung und dem Kontrast des Fliessenden beschäftigt. Eine Ambivalenz, die gerade durch ihre Widersprüchlichkeit kreatives Potenzial habe. «Innerhalb gewisser Regeln kann man, wie in der Sprache, vieles ausdrücken.»
Ihre Aquarelle seien beeinflusst von den sich verändernden Lichtverhältnissen der Jahreszeiten, erklärt Sommer. So tragen die Bilder denn auch keinen eigentlichen Titel, sondern sind nach ihrem jeweiligen Entstehungszeitraum benannt: Februar 2025 oder Juli, August 2025. Ihre Arbeiten versteht die Thurgauerin als Aufzeichnungen ebendieser flüchtigen, vergangenen Zustände. Man könnte auch sagen, sie versucht, Zeit auf das Papier zu bannen.
Das gelingt. Februar 2025 scheint eine trockene Kälte zu verströmen. Die, die man nach einem langen Spaziergang noch in der Kleidung riechen kann. Und beim Betrachten von Juli, August 2025 sehnt man sich nach langen Sommerabenden und dem Geruch von frisch gemähtem Rasen.
Mit sechs Aquarellen ist Lina Maria Sommers Ausstellung in Kreuzlingen wohltuend überschaubar. Sie lässt damit sowohl den einzelnen Werken als auch den Betrachtenden Luft zum Atmen. Erlaubt, innezuhalten und genau hinzuschauen. Und das tut in unserer schnelllebigen Zeit richtig gut.
Lina Maria Sommer «Summen»: bis 12. April, Dienstag 10 bis 12 Uhr, Freitag 14 bis 17 Uhr und Samstag bis Sonntag jeweils 13 bis 17 Uhr, Kunstraum Kreuzlingen.Lesung der Künstlerin am Sonntag, 15. März, 11 Uhr.
Die Künstlerin Lina Maria Sommer (Bild: pd/Mirjam Wanner)
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