Kategorie
Autor:innen
Jahr

Jesus stirbt on stage

Festivalfeeling, durchtanzte Nächte, Starkult, hämmernde Drums: Alles, was dieses Jahr coronabedingt nicht geht, gibt es auf der Bühne des «Umbau»-Provisoriums des Theaters St.Gallen. Hier spielen «Jesus and his Followers» die Rockoper Jesus Christ Superstar.
Von  Peter Surber , 
Kreuzigungsszene ohne Kreuz: Riccardo Greco als Jesus. (Bilder: Andreas J. Etter)

Es ist das Leben, das heute gerade so dringend vermisst wird. Die Frauen um Maria Magdalena posieren in Glitzerfummeln und hochhackigen Schuhen, die Jungs, die sich Apostel nennen, übertrumpfen sich auf der Strasse im Breakdance und darin, wer Jesus am nächsten sein darf. Sie träumen vom künftigen Ruhm als Evangelisten. Und dann geht es ab in den Club. Türsteher, Eingangskontrolle… gibt es alles noch, zumindest auf der Theaterbühne.

Das Ensemble und Riccardo Greco als Jesus.

Die Religion der gut trainierten jungen Leute um Jesus heisst Party. Und zu Beginn kapiert ihr Guru selber offensichtlich nicht, was es geschlagen hat. Sonnenbrille, blondiertes Haar, Leopardenmantel, die Whiskyflasche zur Hand, spielt Riccardo Greco den blasierten Superstar, lässt sich anhimmeln und wischt die Warnungen des Judas gelangweilt zur Seite.

Dem Judas haben Andrew Lloyd Webber und Tim Rice die komplexeste Rolle zugedacht, und Antonio Calanna füllt sie in St.Gallen mit fantastischer Stimme und vollem Körpereinsatz aus. «All your followers are blind», wirft Judas dem Jesus vor – «too much heaven on their minds», zuviel «talk of God», das werde übel enden.

Judas (Antonio Calanna) sieht schwarz.

So steht es denn auch geschrieben, bekanntlich. Zwar schüttelt dieser Jesus auf einen Schlag seine Rockstar-Allüren ab, verweigert sich seinen Millionen Followern – doch da ist es zu spät. Für die Hohepriester Kaiphas (Daniel Dodd-Ellis) und Hannas (Romeo Salazar), Finsterlinge in bizarren Hüten, ist klar: «This Jesus Must Die». Sie stacheln Judas zum Verrat an, das Volk kippt und schreit den Statthalter Pontius Pilatus (brillant Armin Kahl) zum Todesurteil: «Crucify!»

Einsam im Scheinwerferlicht

Das Bühnensetting zieht die St.Galler Produktion konsequent durch, wenn auch an der Premiere vom Donnerstag vor gerade einmal 50 Leuten – im Juni geht es immerhin mit 100 weiter. Das Publikum haben sie immer im Blick, Jesus, Judas, die Jesus-Demonstranten mit ihren Transparenten ebenso wie die Schächer, die seinen Tod wollen. Selbst Maria Magdalena (Dorina Garuci) schmachtet ihren Ohrwurm «I Don’t Know How to Love Him» zu uns in den Saal.

Introvertiertes hat Seltenheitswert, bis zum Tod auf Golgatha – ohne Kreuz, einsam und im Scheinwerferlicht stirbt Jesus den Tod eines Rockstars. Die sieben letzten Worte nimmt man Riccardo Greco ab, wie vorher sein Zweifeln, allein auf der Treppe: seine Anklage an den Vatergott, der ausgerechnet ihn zum Star auserwählt hat, und schliesslich sein Ja dazu – «Father, into your hands, I commend my spirit».

Die Drehbühne schafft in der Mitte Platz für die Treppe, für den kuschligen Backstage-Raum, in dem sich Jesus feiern lässt, und für die düstere Fassade des Gerichts. Das letzte Abendmahl – Coke und Burger – wird auf den Kisten für Sound- und Lichttechnik gefeiert, dem wichtigsten Mobiliar dieser Produktion. Kein Da-Vinci-Abendmahl, kein Re-Enactment wie in Milo Raus Film Das neue Evangelium» (aktuell im Kino), auch keine Einsicht bei den Jüngern. The Show must go on.

Kreuz, Schädelstätte, Dornenkrone, Tempel oder Passionsweg: Solchen Naturalismus braucht die St.Galler Inszenierung nicht. Umso härter fällt die gespielt echte Geisselung aus. Den 39 Schlägen heizt die Superstar-Band im Orchestergraben ein, dass es einem kalt den Rücken hinabfährt: Robert Paul (Leitung und Keyboard), Dimitri Kindle (key), Lukas Schwegler (g), Luca Leombruni (b) und Drummer Orlando Ribar als «Motor» des anderthalbstündigen Rockfeuerwerks.

Pilatus (Armin Kahl) geisselt Jesus.

Hotspot Jerusalem

Jesus on Stage, das geht erstaunlich gut auf. Die Passion ist öffentlich, und zum Grossereignis wird sie durch die Sozialen Medien. In den dramatischsten Momenten des vorwärtstreibenden Abends fahren Projektionen, realisiert von Momme Hinrichs (Bühne) und Torge Moller (Video), den Tatort Jerusalem zum globalen Hotspot hoch.

Der Instagramm-Account @realJesusChrist zeigt den Pegel der «Likes» in Grossprojektion – später klettert der Support des Mobs bei der Geisselung auf 340 Millionen Likes. Die Volksmassen mit ihren «Crucify»-Rufe sind per Videokonferenz zugeschaltet. Und wenn die Blinden und die Kranken Jesus um Heilung anflehen, rattern über den Screen die Megathemen, die aktuell ebenfalls einen Heilsbringer nötig hätten: «Stop the War». «Say No to Racism». «Save the Culture». «Stop Pollution». Nicht zu vergessen: «Save our Theatre». Zuviele Aufgaben für einen einzigen, selbst wenn er Gottes Sohn ist.

Maria Magdalena (Dorina Garuci) findet kein Gehör.

Trotz solchen Polit-Parolen bleibt Jesus Christ Superstar in St.Gallen in erster Linie ein Unterhaltungsstück. Was es herausreisst, ist das brillante Ensemble und ein Soundtrack, der sich auch fünfzig Jahre nach der Uraufführung seine Ecken und Kanten und seine Komplexität erhalten hat – teils aber an der Premiere allzu fett über die Boxen kam auf Kosten der Nuancen.

Theater St.Gallen, Vorstellungen: 29. Mai, 9. bis 13. Juni
theatersg.ch

Jesus als Musicalfigur, das dürfte, anders als damals Anfang der Siebzigerjahre, heute niemanden mehr verstören. In St.Gallen irritieren allerdings Nebendinge. Etwa die Tatsache, dass ausgerechnet der schwarze und der asiatische Darsteller im Cast die Rolle der Hohepriester-Bösewichte innehaben. Oder dass den Frauen einmal mehr bloss der Part als dekorative Groupies zugestanden wird. Da sind dem St.Galler Leitungsteam um Regisseur Erik Petersen ein paar Antidiskriminierungs-Diskurse der letzten Jahre entgangen.

In Sachen Social Media ist die Produktion hingegen auf der Höhe der Zeit. Unablässig wird gefilmt, werden Selfies mit dem Heiland geknipst und Botschaften gepostet. Selfies seien eine heutige Form von Reliquien, steht in einem kurzen Text im Programmheft. Hätte Jesus heute gelebt, wäre seine Botschaft in der Bilderflut vermutlich komplett untergegangen. Auch in der St.Galler Inszenierung verpufft sie allerdings – am Ende jubeln die Kids einem neuen Star zu: Judas.

 

 

 

 

 

 

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz