«Wer etwas draufhat, kehrt zurück»

Musicalautor und Songwriter Roman Riklin erfindet sich neu - zumindest teilweise. Vor den Auftritten des neuen Duos Riklin & Schaub in die St.Galler Kellerbühne: das Interview über neue Songs und Musik in Coronazeiten.
Von  Peter Surber

Das Trio Heinz de Specht gibt es nicht mehr, jetzt gibt es das Duo Riklin & Schaub. Was war der Antrieb für die Neugründung?

Roman Riklin: Daniel Schaub und ich hatten zuletzt beim Projekt des Secondhand Orchestra gemerkt, wie gut wir harmonieren. Und in der Endphase von Heinz de Specht wurde die Frage dringend: Wie sieht die Zukunft aus? Ich mache weiterhin auch Musiktheater und komponiere für Dritte, aber die Auftritte im kleinen Rahmen sind eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Im Kleintheater geniesst man zudem mehr Freiheiten als bei Grossprojekten und kann Neues ausprobieren.

Was ist das Neue im Programm mit dem Titel Was wäre wenn?

Wir haben festgestellt: Am liebsten würden wir das Songwriting ganz neu erfinden, aber dann konnten wir doch nicht aus unserer Haut. Neu sind zum einen Songs, die man sehen muss – aber anders als bei Videoclips, die die Musik illustrieren, sind bei uns die Bilder eine zusätzliche Erzählebene, ohne die der Song allein nicht funktioniert. Das Publikum wird das vermutlich kaum merken, weil es ganzheitlich zuhört – und eben auch zusieht. Eine zweite Spur sind zusätzliche Instrumente: Wir bewegen uns etwas weg vom Akustischen, erweitern unser Instrumentarium um E-Gitarre, Synth-Bass und Spezialschlagzeug und machen instrumentales «Multitasking». So bringen wir zu zweit einen vielfältigen Bandsound auf die Bühne.

Und die Inhalte: Bleiben die eher privat und persönlich – oder gibt es auch politische Songs?

Es gibt, wie schon bei Heinz de Specht, politische Momente. Unter anderem kehre ich in einem der Lieder die Flüchtlingsperspektive um und male aus, wie es aus Sicht von Somalia ist, wenn eine Million Schweizerinnen und Schweizer auf der Flucht über das Mittelmeer sind. Das hat etwas Satirisches, aber es ist definitiv nicht lustig und soll auch etwas provozieren. Mit der verbreiteten Abnick-Haltung in der Kleinkunst habe ich Mühe – wenn es billigen Applaus gibt für Dinge, bei denen sich alle einig sind auf der Bühne und im Publikum.

Roman Riklin. (Bilder: pd)

Im Song Chamer mache nehmt ihr Euer eigenes Songwriting ironisch auf den Arm.

Das hatte auch schon bei Heinz de Specht Tradition – und gehört für mich dazu, das eigene Tun zu reflektieren. Zudem erscheint diesmal statt einer CD ein Buch zum Programm, mit Werkstattgespräch und Aussensichten – unter anderem von Lisa Christ, die das Frauenbild in unseren Songs kritisiert und uns ordentlich eins auf die Kappe gibt. Wir hoffen, das Buch bringt einen Mehrwert, weil es einen vertieften Einblick bietet. Und in einer Zeit, wo Musik gratis sein soll, funktionieren CD-Verkäufe ja auch nicht mehr. Allerdings funktionieren momentan ja auch Live-Auftritte nicht mehr richtig. Ich weiss nicht, was künftig überhaupt noch funktioniert – vielleicht sind wir Musikerinnen und Musiker in einer Art Endzeit.

Eure Tournee umfasst über fünfzig Auftritte von November bis Mai 2021 – funktioniert das?

Die Planung hat erfreulich gut geklappt. Wir konnten eine Tournee zusammenstellen, ohne dass wir einen Ton gespielt hatten – das war auch ein Vertrauensbeweis von Seiten der Veranstalter. Wie es jetzt weitergeht, wissen wir allerdings nicht. Es gab eine interessante Statistik in Zürich: Die Theater haben null Ansteckungen gemeldet, zuhause sind es hunderte. Der Appell des Bundesrats an die Bevölkerung müsste also nicht heissen: «Bleiben Sie zuhause!» Sondern: «Bleiben Sie im Theater!»

«Instrumentales Multitasking»: Roman Riklin und Daniel Schaub.

Gab es wegen Covid-19 bereits Absagen?

Es gibt einzelne Verschiebungen. Und vor allem stellen wir fest: Die Leute sind sehr zurückhaltend mit dem Ticketkauf. Alle warten ab. Unser Herbst-Einkommen ist sowieso schon vernichtet, wenn die Theater nur die Hälfte der Sitze verkaufen können. 100 statt 240 Plätze im Hechtplatz-Theater Zürich als ein Beispiel: Das bedeutet auch eine entsprechend kleinere Gage. Wenn wir Glück haben, sind die Tagesausgaben gedeckt – aber die ganze Erarbeitung der Produktion ist so nicht finanziert.

Was wäre wenn: 4. bis 7. November Kellerbühne St.Gallen (Vorpremiere)

Weitere Termine: riklinschaub.ch

Gibt es dafür Ausfallentschädigungen?

Bis jetzt habe ich den Ball flach gehalten und keine Entschädigungen vom Kanton eingefordert. Jetzt müssen wir uns neu mit der Frage beschäftigen – vor allem auch weil es nach vorne, in die Zukunft hinein schlecht aussieht. Die Situation ist sehr unlustig. Einer unserer Auftrittsorte, das Duo Fischbach-Theater in Küssnacht, hat gerade endgültig dicht gemacht. Das ist der erste Corona-Tote in der Theaterszene. Das ist meine grösste Sorge:  dass die Strukturen Schaden nehmen. Da droht über lange Jahre aufgebautes Kultur-Knowhow verloren zu gehen. Und in all diesen Institutionen wird mit viel Herzblut eine Arbeit geleistet, die kaum Profit einbringt. Es ist eine Nischenwelt, in der auch schon vor Corona niemand reich geworden ist.

Um die Künstlerinnen und Künstler haben Sie keine Bange?

Natürlich tut es mir leid für die Kunstschaffenden, die von der Pandemie direkt betroffen sind, inklusive Selbstmitleid… Aber als Einzelner kann man sich neu erfinden, das habe ich selber immer wieder getan. Und die guten Leute werden auf jeden Fall weitermachen, auch wenn es Einbrüche gibt. Wer etwas draufhat, kehrt zurück.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web