Das Trio Heinz de Specht gibt es nicht mehr, jetzt gibt es das Duo Riklin & Schaub. Was war der Antrieb für die Neugründung?
Roman Riklin: Daniel Schaub und ich hatten zuletzt beim Projekt des Secondhand Orchestra gemerkt, wie gut wir harmonieren. Und in der Endphase von Heinz de Specht wurde die Frage dringend: Wie sieht die Zukunft aus? Ich mache weiterhin auch Musiktheater und komponiere für Dritte, aber die Auftritte im kleinen Rahmen sind eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Im Kleintheater geniesst man zudem mehr Freiheiten als bei Grossprojekten und kann Neues ausprobieren.
Was ist das Neue im Programm mit dem Titel Was wäre wenn?
Wir haben festgestellt: Am liebsten würden wir das Songwriting ganz neu erfinden, aber dann konnten wir doch nicht aus unserer Haut. Neu sind zum einen Songs, die man sehen muss – aber anders als bei Videoclips, die die Musik illustrieren, sind bei uns die Bilder eine zusätzliche Erzählebene, ohne die der Song allein nicht funktioniert. Das Publikum wird das vermutlich kaum merken, weil es ganzheitlich zuhört – und eben auch zusieht. Eine zweite Spur sind zusätzliche Instrumente: Wir bewegen uns etwas weg vom Akustischen, erweitern unser Instrumentarium um E-Gitarre, Synth-Bass und Spezialschlagzeug und machen instrumentales «Multitasking». So bringen wir zu zweit einen vielfältigen Bandsound auf die Bühne.
Und die Inhalte: Bleiben die eher privat und persönlich – oder gibt es auch politische Songs?
Es gibt, wie schon bei Heinz de Specht, politische Momente. Unter anderem kehre ich in einem der Lieder die Flüchtlingsperspektive um und male aus, wie es aus Sicht von Somalia ist, wenn eine Million Schweizerinnen und Schweizer auf der Flucht über das Mittelmeer sind. Das hat etwas Satirisches, aber es ist definitiv nicht lustig und soll auch etwas provozieren. Mit der verbreiteten Abnick-Haltung in der Kleinkunst habe ich Mühe – wenn es billigen Applaus gibt für Dinge, bei denen sich alle einig sind auf der Bühne und im Publikum.
Roman Riklin. (Bilder: pd)
Im Song Chamer mache nehmt ihr Euer eigenes Songwriting ironisch auf den Arm.
Das hatte auch schon bei Heinz de Specht Tradition – und gehört für mich dazu, das eigene Tun zu reflektieren. Zudem erscheint diesmal statt einer CD ein Buch zum Programm, mit Werkstattgespräch und Aussensichten – unter anderem von Lisa Christ, die das Frauenbild in unseren Songs kritisiert und uns ordentlich eins auf die Kappe gibt. Wir hoffen, das Buch bringt einen Mehrwert, weil es einen vertieften Einblick bietet. Und in einer Zeit, wo Musik gratis sein soll, funktionieren CD-Verkäufe ja auch nicht mehr. Allerdings funktionieren momentan ja auch Live-Auftritte nicht mehr richtig. Ich weiss nicht, was künftig überhaupt noch funktioniert – vielleicht sind wir Musikerinnen und Musiker in einer Art Endzeit.
Eure Tournee umfasst über fünfzig Auftritte von November bis Mai 2021 – funktioniert das?
Die Planung hat erfreulich gut geklappt. Wir konnten eine Tournee zusammenstellen, ohne dass wir einen Ton gespielt hatten – das war auch ein Vertrauensbeweis von Seiten der Veranstalter. Wie es jetzt weitergeht, wissen wir allerdings nicht. Es gab eine interessante Statistik in Zürich: Die Theater haben null Ansteckungen gemeldet, zuhause sind es hunderte. Der Appell des Bundesrats an die Bevölkerung müsste also nicht heissen: «Bleiben Sie zuhause!» Sondern: «Bleiben Sie im Theater!»
«Instrumentales Multitasking»: Roman Riklin und Daniel Schaub.
Gab es wegen Covid-19 bereits Absagen?
Es gibt einzelne Verschiebungen. Und vor allem stellen wir fest: Die Leute sind sehr zurückhaltend mit dem Ticketkauf. Alle warten ab. Unser Herbst-Einkommen ist sowieso schon vernichtet, wenn die Theater nur die Hälfte der Sitze verkaufen können. 100 statt 240 Plätze im Hechtplatz-Theater Zürich als ein Beispiel: Das bedeutet auch eine entsprechend kleinere Gage. Wenn wir Glück haben, sind die Tagesausgaben gedeckt – aber die ganze Erarbeitung der Produktion ist so nicht finanziert.
Was wäre wenn: 4. bis 7. November Kellerbühne St.Gallen (Vorpremiere)
Weitere Termine: riklinschaub.ch
Gibt es dafür Ausfallentschädigungen?
Bis jetzt habe ich den Ball flach gehalten und keine Entschädigungen vom Kanton eingefordert. Jetzt müssen wir uns neu mit der Frage beschäftigen – vor allem auch weil es nach vorne, in die Zukunft hinein schlecht aussieht. Die Situation ist sehr unlustig. Einer unserer Auftrittsorte, das Duo Fischbach-Theater in Küssnacht, hat gerade endgültig dicht gemacht. Das ist der erste Corona-Tote in der Theaterszene. Das ist meine grösste Sorge: dass die Strukturen Schaden nehmen. Da droht über lange Jahre aufgebautes Kultur-Knowhow verloren zu gehen. Und in all diesen Institutionen wird mit viel Herzblut eine Arbeit geleistet, die kaum Profit einbringt. Es ist eine Nischenwelt, in der auch schon vor Corona niemand reich geworden ist.
Um die Künstlerinnen und Künstler haben Sie keine Bange?
Natürlich tut es mir leid für die Kunstschaffenden, die von der Pandemie direkt betroffen sind, inklusive Selbstmitleid… Aber als Einzelner kann man sich neu erfinden, das habe ich selber immer wieder getan. Und die guten Leute werden auf jeden Fall weitermachen, auch wenn es Einbrüche gibt. Wer etwas draufhat, kehrt zurück.
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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