Dem Trauma auf der Spur
Kein Krimi, sondern eine psychologische Studie ist der Debütroman von Franziska Meister Der Geruch von Lehm. Ein sorgfältig recherchiertes Werk mit vielen Einblicken in LSD-Therapie und einer Geschichte, bei der einiges offenbleibt.
Die Autorin Franziska Meister (Bild: pd/Ursula Häne)
LSD-Experimente, diplomatische Dienste, Amnesie und ein Mord in Zürich. Joshua, der Freund von Paul, ist das Opfer. Und er, Paul, liegt auf der Intensivstation. Von der Täterschaft fehlt jede Spur – oder ist vielleicht Paul der Mörder? Doch der kann sich an nichts erinnern, leidet an Gedächtnisverlust. Bedrängt von der Polizei gerät Paul auf der Suche nach Erinnerungen an die Tatnacht immer tiefer hinein in seine Vergangenheit.
Auf dieser Suche begleiten ihn Nik und Florence. Nik ist ein alter Studienfreund und Psychologe, der begeistert bis obsessiv zu LSD forscht. Und Florence ist die Schwester von Joshua, die nach dem Tod ihres Bruders den Boden unter den Füssen zu verlieren scheint.
Franziska Meisters erster Roman Der Geruch von Lehm hat alle Zutaten für einen Thriller à la The Bourne Identity. Doch stattdessen liefert die in der Ostschweiz aufgewachsene Historikerin und WOZ-Redaktorin ein vielschichtiges, manchmal etwas sperriges Psychogramm. Im Zentrum steht weniger die Aufklärung der Tat als die Rekonstruktion menschlicher Traumata.
Nach der Tatnacht kreuzen sich die Wege der drei Protagonist:innen unentwegt. Was folgt, wird in der Ich-Form aus der Perspektive von Paul, Nik und Florence erzählt, wodurch eine grosse Nähe zu den jeweiligen Figuren entsteht. Dennoch: Die Handlungsmotivation der Figuren ist oft nur schwer nachvollziehbar. Das beginnt bereits bei der Beziehung von Nik und Paul, der eine seltsam widersprüchliche Dynamik innewohnt.
Auch Florence bleibt schwer fassbar. Als sie realisiert, dass Paul Tatverdächtiger im Mordfall ihres Bruders ist, prügelt sie erst auf ihn ein, nur um dann diesen ihr fast fremden Mann zu sich nach Hause zu nehmen. Warum, fragt man sich und diese Frage stellt sich die Protagonistin gleich selbst: «Bloss, musste ich deshalb den Mann, der möglicherweise sogar der Mörder meines Bruders sein könnte, gleich mit nach Hause nehmen?»
Die promovierte Historikerin Franziska Meister (1967) ist in der Ostschweiz aufgewachsen. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und arbeitet als Wissenschafts- und Kulturredaktorin bei der WOZ.
Bisher veröffentlichte sie die wissenschaftliche Monografie Racism and Resistance. How the Black Panthers Challenged White Supremacy (2017) über die Black Panther Party in den USA. Der Geruch von Lehm ist ihr erster Roman.
Die Irrationalität der Figuren, ebenso wie der Verzicht auf ein klärendes «Warum» nutzt Meister in ihrem Roman konsequent als Stilmittel. Kaum eine Figur handelt so, wie es ein halbwegs vernünftiger Mensch wahrscheinlich tun würde – vielleicht, weil sie alle auf ihre Weise traumatisiert sind.
Diese Traumata legt Meister Schicht um Schicht frei. Anstatt den Mordfall aufzuklären, folgt man den Figuren in ihre Vergangenheit und erfährt von Missbrauch, Vernachlässigung, Scham und Schuld. Dabei fällt auf: Wo die Handlungsmotive der Figuren oft diffus bleiben, sind die thematischen Hintergründe umso sorgfältiger recherchiert. In der Danksagung erfährt man, dass Meister einen Tag auf der Intensivstation im Zürcher Unispital verbracht hat und im Austausch mit einer Kinder- und Jugendtherapeutin sowie einer Fachärztin für psycholytische Therapie war. Auch ihre intensive Auseinandersetzung mit der Verwendung von LSD in der Psychotherapie ist im Roman unübersehbar.
LSD ist hier ohnehin das grosse Thema: Der vermutlich leicht narzisstisch veranlagte Protagonist Nik nutzt jede Gelegenheit für eine Abhandlung über die heilenden Kräfte von LSD. Diese informativen Exkurse sind stets in die Erzählung eingebettet, aber stellenweise etwas ausschweifend.
Für Nik sind psychoaktive Substanzen ein Allheilmittel und es scheint ihm fast jede Situation Anlass für eine therapeutische LSD-Sitzung zu sein. Dabei überschreitet er immer wieder die Grenzen von professionellem Handeln – manchmal unbewusst und manchmal mit voller Absicht. Die Problematik dahinter reflektiert Nik schliesslich selbst: «wie leicht verschwammen da die Grenzen zwischen Intervention und Übergriff».
Sorgfältig durchzieht Meister ihren Roman mit popkulturellen Referenzen, die wie Kommentare zur Handlung wirken. So lässt sie Nik von Dr. Mabuse, dem literarischen Superverbrecher, erzählen. Dabei erkennt er Anteile von Mabuse in sich selbst und stellt fest: «Er lauert in uns allen.» Und mit dieser Erkenntnis impliziert Meister dann auch gleich den nächsten Verweis: Man ist mitten in einem Spiel von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, dem menschlichen Ringen um Gut und Böse.
Dass Meister wohl ein Faible für solche Anspielungen hat, zeigt sich schon am Anfang des Romans. Paul, noch auf der Intensivstation, sieht im Delirium einen Jungen vor sich: «Zwei Pillen liegen in seiner ausgestreckten Hand, eine rot, eine blau.» Ein unverkennbares Matrix-Motiv, wo die rote Pille für das Erkennen der Realität steht, die blaue für das Verbleiben in einer bequemen Illusion. Welche Pille Paul schluckt, bleibt offen. In etwa so offen wie der ganze Roman, der am Ende mehr Fragen aufwirft als er beantwortet.
Franziska Meister: Der Geruch von Lehm. Zeitkind Verlag, Zürich 2025.
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