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«Es braucht Austausch»

Maurizia Bless hat in Appenzell Innerrhoden die Junge Mitte mitgegründet und engagiert sich im Jugendparlament. Sie möchte ideologiemüde Jugendliche für die Politik begeistern und Erwachsene dazu bringen, konkret zu werden.

Maurizia Bless, fotografiert von Laurin Bleiker

Maurizia Bless, fotografiert von Laurin Bleiker

«Wenn ich auf ei­ne Pa­ti­en­tin oder ei­nen Pa­ti­en­ten tref­fe, schaue ich erst, was ge­nau das Pro­blem ist, wel­che Fak­to­ren die Si­tua­ti­on be­ein­flus­sen und wo ich hin­möch­te: Was kann ich jetzt tun, da­mit sich für die­se Per­son  et­was merk­lich ver­än­dert?» Die­se Hal­tung möch­te die an­ge­hen­de Pfle­ge­fach­frau Mau­ri­zia Bless auch in der Po­li­tik ver­tre­ten und um­set­zen. Sie will zu­hö­ren, ver­ste­hen und dann Zie­le set­zen – und zwar «Nah­zie­le», al­so er­reich­ba­re Zie­le, kei­ne theo­re­ti­schen Fern­zie­le, wie es ge­stan­de­ne Po­li­ti­ker:in­nen jen­seits der Dreis­si­ger ger­ne tun. «So­ge­nann­te Fern­zie­le de­mo­ti­vie­ren, sie sind nicht greif­bar.» 

Die 19-jäh­ri­ge Ap­pen­zel­le­rin möch­te hin­ter­fra­gen. Die Wich­tig­keit des­sen und den Un­ter­schied zwi­schen Hy­po­the­sen und hand­fes­ter Pra­xis hat sie in der Aus­bil­dung zur Fach­frau Ge­sund­heit ge­lernt.

Über­haupt strotzt Bless vor Ta­ten­drang. In ih­rer Frei­zeit tanzt sie Dis­co­fox und geht je­den zwei­ten Tag um 6 Uhr mor­gens ins Schwimm­bad. Zur­zeit macht sie ei­ne Wei­ter­bil­dung zur di­plo­mier­ten Pfle­ge­fach­frau, sie möch­te nä­her am Pro­zess sein. Nun will sie auch po­li­tisch kon­kre­ter und ak­ti­ver wer­den, sich Wis­sen an­eig­nen, um dis­ku­tie­ren und et­was ver­än­dern zu kön­nen. «Es gibt ei­nen Ist- und ei­nen Soll-Zu­stand. Die Fra­ge ist doch, wie er­rei­chen wir den Soll-Zu­stand am bes­ten?» 

Bless glaubt, vie­le Men­schen wür­den ak­tu­ell an­de­ren nicht mehr rich­tig zu­hö­ren wol­len, ge­schwei­ge denn In­ter­es­se zei­gen, die Ar­gu­men­te der Ge­gen­sei­te ver­ste­hen zu wol­len. «Viel­leicht macht ei­ne be­stimm­te Hal­tung je nach Le­bens­la­ge Sinn. Es braucht halt Aus­tausch», sagt die In­ner­rho­de­rin. Ihr An­satz mag na­iv klin­gen, und doch trifft sie da­mit ei­nen wun­den Punkt in ei­ner Ge­sell­schaft, in der fast al­les po­li­tisch auf­ge­la­den ist. 

Der Kon­sens der Mit­te

Ge­mein­sam mit Kol­leg:in­nen hat Mau­ri­zia Bless im ver­gan­ge­nen Som­mer die Jun­ge Mit­te in Ap­pen­zell In­ner­rho­den ge­grün­det. Bis­her gab es im Halb­kan­ton le­dig­lich die Jun­ge SVP Sän­tis – ei­gen­stän­dig und doch ähn­lich rechts­kon­ser­va­tiv wie die Mut­ter­par­tei – und da­ne­ben Ver­dros­sen­heit und brach­lie­gen­des Po­ten­zi­al. Bless und ih­re Kol­leg:in­nen woll­ten die­ses Po­ten­zi­al auf­fan­gen und die po­li­ti­schen Ge­sprä­che, die sie un­ter­ein­an­der führ­ten, in die Tat um­set­zen. Al­so be­schlos­sen sie, selbst ei­ne Par­tei zu grün­den.

Junge Politik

Am 16. No­vem­ber hat sich im St.Gal­ler Kan­tons­rats­saal zum 50. Mal das Ju­gend­par­la­ment der Kan­to­ne St.Gal­len und bei­der Ap­pen­zell ge­trof­fen. An­läss­lich die­ses Ju­bi­lä­ums hat Sai­ten sechs Nach­wuchs­po­li­ti­ker:in­nen aus al­len gros­sen Ost­schwei­zer Jung­par­tei­en por­trä­tiert und sie un­ter an­de­rem ge­fragt, wie sie zur Po­li­tik ge­kom­men sind, was sie sich von ihr er­hof­fen und was sie ver­än­dern wür­den.

Fo­to­gra­fiert wur­den die sechs Jung­po­li­ti­ker:in­nen von Lau­rin Blei­ker am Ran­de der Ju­gend­ses­si­on im St.Gal­ler  Kan­tons­rats­saal. Blei­ker, 2003, ist selb­stän­di­ger Fo­to­graf und Vi­deo­pro­du­zent aus St.Gal­len. Auf­ge­wach­sen ist er im Tog­gen­burg.

Bei der Mit­te wür­den die Mei­nun­gen al­ler ei­nen Kon­sens fin­den, sagt die an­ge­hen­de Pfle­ge­fach­frau, ob­schon sie selbst sich eher links da­von po­si­tio­nie­ren wür­de. Die Grün­dung ei­ner Par­tei sei al­ler­dings kom­ple­xer, als sie ge­dacht hat­te, räumt sie ein, da­für sei es ei­ne gu­te Vor­be­rei­tung auf die po­li­ti­sche Ar­beit. Denn nun müs­sen die Grün­dungs­mit­glie­der der Jun­gen Mit­te über­zeu­gen, nicht nur die Mut­ter­par­tei, son­dern auch Wäh­ler:in­nen. Dar­um möch­te Bless ler­nen, wie man gut spricht und grif­fig über­zeugt.

Zwi­schen Ohn­macht und Kli­makle­ben

Bless möch­te vor al­lem die Ju­gend ab­ho­len, de­ren In­ter­es­se an Po­li­tik we­cken und An­lie­gen re­prä­sen­tie­ren. Denn ge­ra­de was Po­li­tik be­trifft, sei die Ju­gend zwie­ge­spal­ten. Es ge­be zwei La­ger, meint die Ap­pen­zel­le­rin: Die ei­nen, die sehr laut sind und zu­wei­len mit ex­tre­men Mit­teln für et­was kämp­fen, wie bei­spiels­wei­se die so­ge­nann­ten Kli­makle­ber:in­nen. Und die an­de­ren, die sich da­durch ein­ge­schüch­tert und vor lau­ter Ideo­lo­gie und po­la­ri­sier­ten Ideen ohn­mäch­tig füh­len. Auch dar­um gab es wohl bis­her in In­ner­rho­den nur ei­ne Jung­par­tei, näm­lich die der SVP. 

Hin­zu kom­me, dass die Ju­gend in der Po­li­tik auch nicht an­ge­mes­sen ver­tre­ten sei, sagt die 19-Jäh­ri­ge: «Als ich vor ei­nem Jahr das ers­te Mal im Ju­gend­par­la­ment sass und rea­li­sier­te, dass hier jun­ge Leu­te ei­ne Platt­form ha­ben, ge­se­hen wer­den und dis­ku­tie­ren kön­nen, hat mich das mo­ti­viert.» 

Mitt­ler­wei­le sitzt sie im Vor­stand des Ju­gend­par­la­ments. Sie möch­te die Ju­gend ver­tre­ten und zei­gen, dass man mit­re­den kann und ge­hört wird. Und ob­wohl ih­re Mut­ter in der In­ner­rho­der Stan­des­kom­mis­si­on sitzt, möch­te Mau­ri­zia Bless nicht zwin­gend auch ir­gend­wel­che ho­hen Pos­ten be­klei­den. Ihr geht es ums Hier und Jetzt und wie sie dies ver­än­dern kann. Mehr Nah­zie­le eben, wie in der Pfle­ge, und we­ni­ger hy­po­the­ti­sche Zie­le in ab­sur­der Fer­ne.

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