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Migrantisches Kaltbrunn

Die Schweiz hat endlich ein Migrationsmuseum. Es steht allerdings weder in St.Gallen noch in Zürich, sondern in Kaltbrunn. Aktuell zu besichtigen im «Reisebüro Linth – Museum für Auswanderung und Einwanderung» ist eine Sonderausstellung zum Thema Flucht.
Von  Roman Hertler
Wie man sich integriert: So stellen sich die Besucher:innen des Migrationsmuseums in Kaltbrunn ihre eigene Integration vor, wenn sie auswandern würden. (Bilder: hrt)

Der Sekretär der Vereins der ausgewanderten Schweizer:innen in Australien konnte ja nicht wissen, dass es sich im Grunde nur um ein umgenutztes altes Bauernhaus handelt, als er vergangenen Herbst zur Eröffnung gratulierte und jubelte, dass die Schweiz jetzt «endlich» ein Migrationsmuseum hat.

Was in Zürich nicht gelang und in St.Gallen gar nie über eine leise Forderung aus gewissen Kreisen hinauskam, ist jetzt in Kaltbrunn Realität geworden: Das erste Migrationsmuseum der Schweiz ist eröffnet.

Natürlich im entsprechenden Massstab. Was in Zürich einmal als Millionenprojekt angedacht war und an der Verpolitisierung scheiterte, kostete im Linthgebiet nicht einmal 40’000 Franken, die immense Freiwilligenarbeit des Hauptinitiators Peter Brunner und anderer Beteiligter nicht mitgerechnet. Kanton und Gemeinde haben anschubfinanziert. Es ist erstmal als «fünfjähriges Pilotprojekt» geplant.

Das Engagement scheint sich fürs Erste gelohnt zu haben. Dieses Jahr gab es bereits 20 Gruppenführungen durch die «Dauerausstellung» zur Auswanderung und durch die aktuelle Sonderausstellung zum Thema Flucht, sieben weitere stehen bis Ende Jahr noch an. «So etwas hat es früher im Dorfmuseum nicht gegeben», sagt Brunner. Der American Womens Club aus der Region Zürich war da, auch Senior:innen-Ausflüge machten hier Halt und mit der Kooperation mit der Kulturvermittlungsplattform kklick sollen nun auch Schulklassen angesprochen werden.

Vom Dorf- zum Migrationsmuseum

Das Museum ist nicht, wie der Name «Reisebüro Linth» vermuten liesse, in einem unternutzten Gewerbebau, sondern in einem alten Bauernhaus, Baujahr 1568, am Dorfausgang von Kaltbrunn untergebracht. Darin befand sich bis vor ein paar Jahren das eher traditionell konzipierte Dorfmuseum, dem es mit den jährlich wechselnden Sonderausstellungen nicht gelang, sich ein Stammpublikum zu erarbeiten.

Peter Brunner, der langjährige Präsident der Kulturkommission Kaltbrunn und umtriebige Druckereiunternehmer, und seine Mitstreiter:innen wollten dies ändern. 2014 begannen erste Überlegungen, das Haus neu monothematisch auszurichten. Nach etlichen Sitzungen, Gesprächsabenden und Verhandlungen einigte man sich schliesslich deutlich auf das Thema Migration.

Peter Brunner, Druckereiunternehmer, Präsident der Kulturkommission Kaltbrunn und «Reisebüro-Leiter»

«Den Namen ‹Reisebüro Linth› haben wir aus Marketing-Gründen gewählt», erklärt Peter Brunner auf dem kiesigen Vorplatz des altehrwürdigen Holzbaus. «Den Museums-Begriff würde ich grundsätzlich frühestens in der by-line nennen, wie bei uns: Reisebüro Linth – Museum für Auswanderung und Einwanderung.»

Um die ländliche Bevölkerung schonend und nicht belehrend an das Thema heranzuführen, hat man die erste grosse Ausstellung im 1. und 2. Stock dem «populäreren» Thema der Auswanderung ab Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem in die USA, gewidmet. Die gelben Wandertafelschilder im Eingangsbereich, auf denen «Glück» steht, zeigen in alle Richtungen. An der Wand weiter hinten können Besucher:innen auf Post-its schreiben, was für sie «Glück» beduetet. «Freunde zu haben», «Schlafen» oder «Oliven», steht da etwa geschrieben.

Im ersten Raum rechts vom Eingang wird ins Thema eingeführt. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Linthgebiet kurzzeitig die Region mit der stärksten Auswanderungsintensität der Schweiz. Im ersten Raum links werden auf simulierten Leuchtkästen – bedruckte Milchfolien, die an die Fensterrahmen montiert sind – einige Auswanderer:innen-Biografien  nacherzählt.

Der nächste Raum soll Besucher:innen direkt ansprechen und zum Denken anregen. Was würde einen selber dazu bringen auszuwandern: Familie, Beruf, Liebe, Sprache, Natur? Und was könnte einem dabei im Weg stehen?

Eine Etage weiter oben findet man sich in einer nachemfpundenen Kajüte der dritten Klasse wieder. Beinahe glaubt man, das träge Schunkeln des Atlantikdampfers auf offener See zu spüren. Die schiefen Balken und die krummen Dielen des Hauses unterstreichen die Atmosphäre.

Angekommen im Land der Träume, werden die Gäste zweiter und dritter Klasse auf Ellis Island vor New York auf Herz und Nieren, sprich auf die gesundheitliche und geistige Verfassung hin, geprüft und im Zweifelsfall gleich wieder nach Europa zurückverfrachtet. Für einige erwies sich die Ausreise nach Amerika als allzu kurzes Glück. Wohlhabendere Migrant:innen waren natürlich stets willkommen.

Drittklass-Kajüte auf Ozeandampfer

Der letzte Raum der «Dauerausstellung» widmet sich dem Thema der Integration und der Community-Buildung etwa in New Glarus und anderen Gebieten. Die Schweizer Auswander:innen blieben in der Regel gerne unter sich. Auch hier gibt es für die Besucher:innen wieder eine Post-it-Wand, wo mitgeteilt wird, wie sie sich in einem fremden Land integrieren würden. «Sprache» ist ein vielgenanntes Stichwort, oder «Arbeit suchen», «einem Sportverein beitreten», «in ä Lismi-Gruppä go».

Fünfjähriges Pilotprojekt

Der grösste Raum des Museums ist dem Wandermaler und Amerika-Auswanderer Ferdinand Arnold Brader gewidmet. In den 1880er- und 90er-Jahren zog der Kaltbrunner durch die Farmen von Pennsylvania und Ohio, verblieb jeweils ein paar Tage an einem Ort und bezahlte für Kost und Logis mit einer Zeichnung, meistens von Höfen, Häusern, Kirchen, Brauereien, Frabriken und Krankenhäusern. Das Museum of Art in der Stadt Canton in Ohio hat Brader eine eigene Retrospektive gewidmet. Der Schweizer hatte an die 1000 Bilder gemalt, die in den 2010er-Jahren nach einem öffentlichen Aufruf in Massen ans Museum gelangten. Peter Brunner hat die Druckdaten für die Reproduktion einiger Werke Braders unkompliziert aus Amerika erhalten.

Netzwerk ist denn auch ein Stichwort, das bei Brunner häufig fällt. So ist es den Kontakten zum Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen (HVM) zu verdanken, dass die aktuelle Sonderausstellung zum Thema Flucht im Schopf zustande gekommen ist.

Flucht-Ausstellung im Schopf

«Wie alle waren auch wir zuerst einmal für ein paar Wochen geschockt vom russischen Einmarsch in die Ukraine», berichtet Brunner. «Doch dann fanden wir, dass wir handeln müssen.» Kurzum gelangte die Anfrage nach Exponaten der Fluchtausstellung des Migrationsamtes des Bundes (vgl. Saiten-Ausgabe vom Mai 2019, S. 43) via Bern nach St.Gallen, wo die Wanderausstellung ihren letzten Halt machte.

Jetzt stehen also einige Leihgaben des HVM im Schopf in Kaltbrunn, die Texte und fiktiven Flüchtlingsgeschichten, die den Alltag und das Leben auf der Flucht beleuchten, konnten im Wesentlichen von der Flucht-Ausstellung des Bundes übernommen werden. Auf dem Kiesplatz vor dem Bauernhaus sind zudem aktuelle grossformatige Fotografien aus der Ukraine zu sehen, auf wetterbeständigem Material gedruckt, auf Europalette aufgezogen und wie hingeworfen das Kriegschaos symbolisierend.

Das Migrationsmuseum ist noch bis Ende November zu besichtigen, dann gehts in die Winterpause. Im Februar startet dann im Dachgeschoss die Sonderausstellung zur italienischen Einwanderung im Linthgebiet in den 1950er- bis in die 70er-Jahre. Ob die Fluchtausstellung im Schopf auch dann noch zu besichtigen ist, hängt vom Platzbedarf ab.

Da scheint vieles und noch mehr möglich zu sein, im Umfeld der wusligen Kulturkommission Kaltbrunn. Man darf gespannt sein auf die kommenden Projekte. An Ideen und Tatendrang mangelt es offensichtlich nicht.

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