Saiten: Matthias, das Parkplatzfest wurde in den letzten Jahren von der Grabenhalle allein ausgerichtet, dieses Jahr spannt ihr mit dem Palace zusammen. Warum?
Matthias Fässler: Die bessere Frage wäre: Warum erst jetzt? Eigentlich ist es nur logisch und sinnvoll, dass wir das Projekt zusammen machen. Das hat zwei Gründe: Zum einen liegt der Parkplatz, räumlich gesehen, als «Insel» zwischen Grabenhalle und Palace, zum anderen haben Grabenhalle und Palace, kulturell und politisch gesehen, ein gemeinsames Interesse an der Nutzung dieses Platzes.
Johannes Rickli: Kommt hinzu, dass schon die ersten beiden Parkplatzfeste ein gemeinsames Projekt von Grabenhalle und Palace waren.
Saiten: Wo sind diese gemeinsamen Interessen am Platz? Oder anders gefragt: Was sind eure Vorstellungen, wie so ein Platz sein müsste, wenn er dereinst kein Parkplatz mehr ist?
JR: Der Platz sollte nicht kommerziell genutzt werden. Dafür werden sich beide Häuser auch einsetzen – und das Nicht-Profitorientierte ist ja auch ein Merkmal, sowohl von der Grabenhalle als auch vom Palace.
MF: Das Engagement für den Platz ist eine Fortsetzung dessen, wofür die beiden Häuser seit jeher stehen: Wir sind zwar Veranstaltungshäuser und keine Plätze, aber auch öffentliche Räume, im besten Sinn. Räume, die für niederschwellige Begegnungen stehen, für einfachen Zugang und gegen den ökonomischen und sozialen Ausschluss. Und wir sind der Meinung, dass auch die Stadt ein Interesse daran haben muss, solche Räume zu schaffen und zu pflegen.
Saiten: Es gibt ja einige Plätze in der Stadt, die – zumindest in der Theorie – dem öffentlichen Raum zugehören. Was schwebt euch denn konkret vor bezüglich Grabenhallen-Parkplatz?
JR: Der Platz wird sich automatisch bespielen, denke ich, nur schon aufgrund seiner Lage. Dort kann sehr viel passieren, auch mit einer gewissen Öffentlichkeit, weil es ja keine Einzelpersonen sind, die den Platz nutzen.
MF: Ich hoffe auf einen breiten Gestaltungsprozess von unten. Dort soll sich zum Beispiel auch der Quartierverein treffen können. Die Meinung ist nicht, dass der Parkplatz primär ein Konzertort sein soll, wo jede Woche Rambazamba ist. Wir wollen keinen Bacardi-Domedort und auch kein St.Gallerfest, kurz: keine kommerziellen Akteure.
JR: Im Moment ist es zwar auch schon möglich, den Platz zu bespielen, allerdings ist das sehr teuer – über 1000 Franken. Man muss quasi die Parkgebühren zahlen, wenn man den Platz nicht als Parkplatz nutzen will.
MF: Wir wollen auch nicht das alleinige Nutzungsrecht, aber wir wollen, dass dort gewisse Prinzipien und Kriterien gelten. Mich nervt das unpolitische Abfeiern von Zwischennutzungen, Pop-Up-Stores und Provisorien. Der Grabenhallen-Platz ist ein dauerhaftes Projekt. Es ist bedauerlich, dass das Bespielen von Brachen und ähnlichen Plätzen offenbar nur noch möglich ist in der Verschränkung von Standortförderung, ökonomischen Playern, Kreativszene und Freiwilligenarbeit. Das soll beim Grabenhallen-Parkplatz anders sein. Öffentliche Räume haben ja – wenn man den Begriff ernst nimmt – auch immer etwas Konflikthaftes in ihrem Wesen. Das soll auch der Grabenhallen-Platz haben, man muss nicht alles bis in den letzten Winkel durchreglementieren. Die Stadt darf ruhig etwas Vertrauen haben ins Palace und in die Grabenhalle.
Saiten: Schlagen sich diese gesellschaftlichen und politischen Überlegungen auch im diesjährigen Festprogramm nieder, ähnlich wie in den letzten Jahren?
JR: Dieses Jahr ist einiges anders: Mit dem Entscheid, dass das Parkhaus UG 25 definitiv gebaut werden soll, werden auch die Parkplätze endlich aufgehoben. Wir feiern darum am 22. Juni zuversichtlich die grosse Eröffnung des Platzes. Geplant ist ein hochtrabender Festakt mit Reden, einer Blasmusik, einer Zeitkapsel, einem Kunstwerk und Konzerten.
MF: Eine politische Einbettung, beispielsweise mit einem Film oder einem Vortrag, wird es dieses Jahr nicht geben. Der Anlass an sich ist ja schon politisch. Unser eigentliches Ziel ist, dass diese Einweihung noch pompöser wird als die Bahnhofseröffnung.
JR: Wir haben uns zu Recherchezwecken extra ganz viele Bilder von der Bahnhofseröffnung angeschaut. Es wird zum Beispiel auch einen Spatenstich geben, wie das so üblich ist bei Prestige-Projekten.
Parkplatzfest: 22. Juni, 15 bis 23 Uhr, danach Barbetrieb bis 3 Uhr. Mit Konzerten von Pyrit (CH), J&L Defer (CH), Rizan Said (SYR) und Djane Ayo Wa (CH) grabenhalle.ch, palace.sg
Saiten: Was ist in dieser Zeitkapsel?
JR: Sicher eine Zeitung, vielleicht ein Gipfeli – wir sind noch unschlüssig. Vielleicht müssen wir eine Kommission gründen, die sich der Zeitkapsel annimmt.
Saiten: Ihr habt dieses Jahr zum ersten Mal die Bewilligung bis um 23 Uhr.
MF: Ja, das werten wir als schönes Zeichen seitens der Stadt und der Stadtpolizei. Wir freuen uns über das Vertrauen.
JR: Man ist uns gegenüber sehr wohlwollend in dieser Sache. Wir freuen uns sehr auf das Fest. Der Platz wird voll im Zentrum stehen – vielleicht werden wir ihn auch noch benennen.
MF: Wir suchen noch nach starken St.Gallerinnen, nach denen wir den Platz benennen könnten.
JR: Zuerst haben wir an Karin Keller-Sutter gedacht, aber das wäre wohl auch irgendwie das falsche Zeichen…
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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