Kommt man nach Bazenheid, dem kleinen, ruhigen Ort im unteren Toggenburg, in dem Maltschik ihren Bandraum haben, ist das Geräusch vorbeifahrender Traktoren wahrscheinlicher als Funk-Musik. Doch gerade an diesem abgelegenen, aufgrund des hohen Migrant:innenanteils im Volksmund oft als «Bazedonien» bezeichneten Ort, haben die fünf ehemaligen Schulfreunde Luca Leonetti, Ella Hagmann, Simon Hagmann, Elia Grillo und Mattia Leonetti, die sich als bandgewordene Discokugel bezeichnen, ihre Retraite gefunden.
«Manche sagen, hier wohnen lauter Asis, aber es ist überhaupt nicht der Fall», sagt der Drummer Elia. «Es ist alles mega friedlich, es gibt ein gutes Zusammensein und wir schätzen das kleine Bazenheid als Friedensort.» Für die Aufnahme ihres Albums Control war der in Gehdistanz zum Bahnhof gelegene Bandraum perfekt. Er ist erstaunlich gut ausgestattet und bietet den benötigten kreativen Raum. Ausserdem können sie den Raum so oft und lange nutzen wie sie wollen. Er gehört dem Vater eines Bandmitglieds. An der Wand steht: «Wenn du es feierst, ist es Kunst. Wenn nicht, ist es keine.»
Tanzbar und «sehr maltschik»
Maltschik leitet sich aus dem Russischen ab und bedeutet so viel wie «kleiner Junge». Maltschik. Diesen Sound kann man auch am Freitag erwarten. «Es ist Disco-Pop, abseits des Mainstreams, nicht unbedingt das, was alle mögen», sagt Simon Hagmann, der neben dem Piano auch den Gesang übernimmt. Der Vibe käme aus den 70ern, bloss mit modernerem Arranging, poppigeren Melodien. Die Bandmitglieder nicken zustimmend, dann sagt Mattia Leonetti: «Eigentlich überhaupt nicht 70er-Disco». «Stimmt eigentlich», räumt Hagmann ein. Was es denn sei? Die Antwort kommt fast unisono: «Es ist sehr maltschik.»
Plattentaufe: 15. November, 20 Uhr, Gare de Lion, Wil. Support: Canda (CH), Afterparty by Dorotecha.
garedelion.ch maltschik.net
Die vier Songs, die bereits vorab erschienen sind, verbindet der seelenwärmende, man könnte fast sagen: sonnenaufgangshafte Synthesizer von Mattia Leonetti. Daneben liefern Luca Leonettis Gitarre und Simon Hagmanns Klavierspiel die melodische Vielfalt, während Elia Grillo an den Drums und Ella Hagmann am E-Bass für den typischen Funk-Groove sorgen.
Ganz besonders sticht der Song Alright hervor, in dem es darum geht, sich von Negativem loszureissen und auf sich allein gestellt zu sein. Das Alleinsein scheint der Moment zu sein, in dem alles plötzlich gut wird: «Breaking off to be on your own, that’s what you’re waiting for», heisst es etwa. Melodisch löst sich hier ein rau in die Tasten geschlagenes Piano, das zusammen mit dem Satz «left me alone with the devil inside» schon für Panik sorgen könnte, in einem lässigen Instrumentalspiel auf. Zum Schluss ist alles «Alright».
Am Schluss ist everything Alright.
Die Produktion des Albums hat Maltschik – nebst zweijähriger, harter Arbeit und viel Engagement – der Kulturförderpreis der Stadt Wil ermöglicht. Nun ist es fertig: Eine verspielte, sehr sphärische Mischung von Funk und Discopop. «Wichtig ist, dass es tanzbar ist», sind sich alle Bandmitglieder einig. Das Album soll bewegen, nicht wegen der Texte. «Wir haben lange daran gearbeitet, unseren eigenen Sound zu finden. Jetzt sind genug Songs entstanden, die wir alle echt gut finden.» Inhaltlich sehr divers, alle Titel sind einzeln entstanden. «Es ist kein Konzeptalbum. Wenn wir ein Konzept hätten, dann nur, dass es Spass machen soll.»
Dort, wo alles anfing
Die Band hat sich während der gemeinsamen Gymnasialzeit gegründet und besteht aus zwei Geschwisterpaaren und dem Drummer. Aber eigentlich seien sie alle Geschwister. Denn wer seit sieben Jahren zusammen Musik mache, kenne sich sehr gut, auch hier sind sich alle einig. «Wenn du alle Seiten einer Person kennenlernen willst, spiel mit ihr in einer Band. Man kann sich nicht verstecken, wenn es um die eigene Kunst geht.»
Als vor sechs Jahren ein Ostschweizer Kritiker nach einem Förderwettbewerb für Musiker einmal bedauerte, dass jungen Bands der Mut zum eigenen Sound fehlen würde, war Maltschik noch ganz jung. Mit dem zweiten Album beweisen sie, dass sie dazu imstande sind. Was sich über die Plattentaufe bereits heute sagen lässt: Vor lauter Funk wird sich selbst der grösste Tanzmuffel ein diskretes Mitwippen nicht verkneifen können.
Ja, die Bedeutung des Heimatbahnhofs ist für Dörfler:innen bekanntermassen gigantisch. Schliesslich verheissen die Gleise Aufbruch und Abenteuer, ohne sie ist man an Orten wie Bazenheid schnell aufgeschmissen. Auch deshalb steht der Wiler Kulturbahnhof Gare de Lion, in dem die Plattentaufe am 15. November stattfindet, wie kein zweiter Ort für den Sound von Maltschik. Nicht nur, weil die Band regelmässig durch die Ostschweiz tourt, sondern auch, weil ihr Album einer musikalischen Reise gleichkommt, die eben das bietet, was die Gleise versprechen: Frischen Wind.
Im Gare de Lion haben sie bereits in ihren Anfängen spielen können. Ein Heimspiel also, auf das sich die Band merklich freut. Nicht ganz klar ist allerdings, wohin die Reise von hier aus geht. Nach Beginn des Plattenverkaufs möchte die Band im Frühjahr so viele Bühnen wie möglich bespielen. Welche es genau sein werden, steht in den Sternen.
Am Rock am Weiher haben sie bereits gespielt, in der Grabenhalle auch. Nicht weit von hier findet das Openair St.Gallen statt. Ein Auftritt im Sittertobel wäre für die Band ein Traum. Mit dem Album haben sie sich diesem einen grossen Schritt nähergebracht.
Karl Kave & Durian veröffentlichen ihr viertes Studioalbum «Wiener Linien» und schichten darin Themen wie das Enden in Wien, Existenzängste und Unsicherheiten übereinander. Heraufbeschworen wird die Neue Deutsche Welle.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.