Zwischendurch fürchtet man um die Gesundheit der Schauspieler:innen. Auf hässlich grünen Bürostühlen und mit Stellwänden als Steuer rasen sie kreuz und quer durch den Raum, haarscharf aneinander und an den Säulen der Lokremise vorbei. Dazu skandieren sie ihren Hit von der «Bade-Anstalt». Die Frauenband bengelt auf Schlagzeug, Bass und Tasten den Rhythmus.
Pascale Pfeuti, Diana Dengler, Anja Tobler (oben), Marcus Schäfer, Fabian Müller.
Eine Stadt im Aufruhr. Zum Glück ist der wilde Ritt gut geprobt. Nichts passiert.
So fühlt es sich am Ende auch im übertragenen Sinn an: Nichts passiert! Obwohl viel Aktion ist, rasant, witzig, überbordend vor Einfällen, fantastisch choreografiert, lustvoll performt von sieben hervorragenden Spieler:innen: Am Ende verpufft die «Revolution» einmal mehr, und schlimmer: Sie war nicht wirklich ernst gemeint.
Das Stück zur Ökokrise
Ein Volksfeind, Henrik Ibsens Klassiker von 1882, ist fraglos das Stück zur Stunde. Und das nicht erst heute – die letzte St.Galler Produktion, damals von Martin Schulz mit Marcus Schäfer in der Hauptrolle inszeniert, liegt nur gerade 15 Jahre zurück. Jede Generation spiegelt sich darin neu. Es geht um Umweltverschmutzung, unbequeme Wahrheiten, Vertuschung und Machtspiele, um willfährige Medien, Populismus und einen Mann, der sich aus purer Menschenfreundlichkeit zum Fanatiker und Menschenfeind wandelt.
Noch ist die Bäderwelt in Ordnung: Schäfer, Schröder, Dengler, Hettkamp, Tobler, Müller, Pfeuti.
2023 in St.Gallen ist der Mann eine Frau, und dies gleich dreifach. Badearzt Dr. Tomas Stockmann wird von einer explosiven Girlgroup verkörpert, den drei «Stockfrauen» Diana Dengler, Pascale Pfeuti und Anja Tobler. Sie decken den Skandal auf: Das Heilwasser in der neuen Badeanstalt, die dem Kurort Aufschwung bringen soll, ist vergiftet.
Ursachen und Folgen schreien, singen, rappen sie uns munter unter die Nase: Müll, Bakterien, Plastik, Bazillen, Fäulnisstoffe, eine Liste so lang wie die Litanei der Krankheiten, die das Gift verursacht, Lungenkrebs, Magenkrebs, Zungenkrebs, Kreislaufkollaps, Peniskrebs, Dickdarmdünndarmprostatagebärmutterkrebs. Kurzum: eine «Pesthölle».
Bloss: Wer will das wissen? Niemand natürlich, damals in Ibsens vergleichsweise beschaulichem südnorwegischen Küstenstädtchen so wenig wie heute, wo uns Klimakrise, Umweltzerstörung, Pandemien und Kriege weltumspannend um die Ohren fliegen.
Der Amtsrat (Julius Schröder) greift ein.
Der Amtsrat, mit scharfer Bösartigkeit von Julius Schröder gespielt, verhindert die Publikation der Nachricht, die windigen Medienleute bejubeln erst die Stockfrauen und schlagen sich dann auf die Seite der Macht. Ihre Rollen sind hier in bester Brecht’scher Manier typisiert: Statt Drucker Aslaksen, Redaktor Hovstad und Gerbermeister Kiil sind Marcus Schäfer, Fabian Müller und Christian Hettkamp zusammen mit Julius Schröder schlicht «Stadt».
Die Frauen kippen das Stück
Das hat seine Zeitlogik: Frau ist auf der «guten» Seite, Mann auf der «bösen». Unter den Tisch fallen allerdings die Zwischentöne, wie sie im Original etwa Kapitän Horster und Frau Stockmann beisteuern. Sowieso fräst die Inszenierung den Grossteil der (heute allerdings überladen anmutenden) Dialoge weg. Und zieht dann, auf dem Höhepunkt der Hetze gegen die Stockfrauen, kurzerhand den Stecker.
Saallicht. Scheisse, sagen Dengler, Pfeuti und Tobler. Riesenscheisse, bis zum Hals. Ibsen, 1882, warum nicht, kann man noch spielen, irgendwie, aber… und dann ziehen sie ihr eigenes Ding durch. Streifen sich Billig-T-Shirts über, «The Future Is Female», «Fuck The System» und «Change Your Diet For The Climate – Eat The Rich». Diskutieren im Dialekt über Plastikmüll, Foodwaste, Kinderwunsch und Magersucht und Männerdominanz am Theater.
Aus dem Smalltalk wird nach und nach, jetzt wieder mit Ibsen-Text durchmischt, blutiger Ernst, Schluss mit der Scheisse, umbringen werden wir euch, all die SUV-Fahrer und Vielflieger, Pool-Besitzer und anderen Klimasünder und überhaupt die Reichen. Passt bloss auf. Flugzeuge werden vom Himmel stürzen und Containerschiffe absaufen und Rinder wahnsinnig werden und das siebenköpfige Tier wird kommen.
Es ist Apokalypse, aber nur ein bisschen, angedroht mit sanfter Stimme von netten Terroristinnen, bis einer der Männer unterbricht: «Herr Ibsen, holen Sie uns hier raus.» Die Frauen werden zum Schweigen gebracht, und das Publikum darf über den Antrag abstimmen, sie zu «Volksfeindinnen» zu erklären. Das Resultat ist ein erwartbar klares Nein, die Männer nehmen es als gestandene Demokraten gelassen. Hauptsache, der Müll bleibt, wo er ist, das Wasser bleibt vergiftet und das Klima geht vor die Hunde.
Sie wollen spielen
Regisseur Wojtek Klemm, Ausstatterin Magdalena Gut, Musikerin Aleksandra Rzepka, die das Ensemble sängerisch grossartig in Schwung bringt, und die sieben Spielerinnen und Spieler dekonstruieren das alte Stück mit Witz, Körpereinsatz und Unverfrorenheit. Aber sie wollen spielen und nicht Revolution machen – so gehen wir am Ende heiter nach Hause, im besten Fall mit einigen guten Anregungen zum Weiterdenken, wie Schäfer als Versammlungsleiter im Stück gleich selber bilanziert.
Nächste Vorstellungen: 14., 18., 22., 14. Februar
theatersg.ch
Bleiben die gelben Röhren, die den Saal dominieren, Wunderwerke der Technik, eine kurios verschlungene Rohrpost, durch die auf Knopfdruck Büchsen sausen. Der Redaktor zieht aus ihnen die Schlagzeilen seines «Volksboten», später kommen per Rohrpost die Hiobsbotschaften für Dr. Stockmann, mal sausen die Büchsen auch zurück an den Absender.
Das (Bühnen-)Bild klingt nach. Eine Hydra mit vielen Köpfen, ein Schlangengewirr, vielleicht bloss eine charmante Reminiszenz an die vordigitale Nachrichtenzeit. Am Ende blinken die Büchsen im Dunkeln wie Positionslichter. Den Weg aus der Krise zeigen sie uns auch nicht.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
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Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.