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Power in der Pesthölle

Es ist das Ökostück unter den Klassikern – am Theater St.Gallen wird daraus zusätzlich ein Kampf der Geschlechter: In der Lokremise inszeniert Wojtek Klemm Ibsens «Ein Volksfeind» vollgas mit einem virtuosen Ensemble, aber politisch mit angezogener Handbremse.
Von  Peter Surber
Die «Stockfrauen» Pascale Pfeuti, Diana Dengler und Anja Tobler (von links). (Bilder: Tanja Dorendorf)

Zwischendurch fürchtet man um die Gesundheit der Schauspieler:innen. Auf hässlich grünen Bürostühlen und mit Stellwänden als Steuer rasen sie kreuz und quer durch den Raum, haarscharf aneinander und an den Säulen der Lokremise vorbei. Dazu skandieren sie ihren Hit von der «Bade-Anstalt». Die Frauenband bengelt auf Schlagzeug, Bass und Tasten den Rhythmus.

Pascale Pfeuti, Diana Dengler, Anja Tobler (oben), Marcus Schäfer, Fabian Müller.

Eine Stadt im Aufruhr. Zum Glück ist der wilde Ritt gut geprobt. Nichts passiert.

So fühlt es sich am Ende auch im übertragenen Sinn an: Nichts passiert! Obwohl viel Aktion ist, rasant, witzig, überbordend vor Einfällen, fantastisch choreografiert, lustvoll performt von sieben hervorragenden Spieler:innen: Am Ende verpufft die «Revolution» einmal mehr, und schlimmer: Sie war nicht wirklich ernst gemeint.

Das Stück zur Ökokrise

Ein Volksfeind, Henrik Ibsens Klassiker von 1882, ist fraglos das Stück zur Stunde. Und das nicht erst heute – die letzte St.Galler Produktion, damals von Martin Schulz mit Marcus Schäfer in der Hauptrolle inszeniert, liegt nur gerade 15 Jahre zurück. Jede Generation spiegelt sich darin neu. Es geht um Umweltverschmutzung, unbequeme Wahrheiten, Vertuschung und Machtspiele, um willfährige Medien, Populismus und einen Mann, der sich aus purer Menschenfreundlichkeit zum Fanatiker und Menschenfeind wandelt.

Noch ist die Bäderwelt in Ordnung: Schäfer, Schröder, Dengler, Hettkamp, Tobler, Müller, Pfeuti.

2023 in St.Gallen ist der Mann eine Frau, und dies gleich dreifach. Badearzt Dr. Tomas Stockmann wird von einer explosiven Girlgroup verkörpert, den drei «Stockfrauen» Diana Dengler, Pascale Pfeuti und Anja Tobler. Sie decken den Skandal auf: Das Heilwasser in der neuen Badeanstalt, die dem Kurort Aufschwung bringen soll, ist vergiftet.

Ursachen und Folgen schreien, singen, rappen sie uns munter unter die Nase: Müll, Bakterien, Plastik, Bazillen, Fäulnisstoffe, eine Liste so lang wie die Litanei der Krankheiten, die das Gift verursacht, Lungenkrebs, Magenkrebs, Zungenkrebs, Kreislaufkollaps, Peniskrebs, Dickdarmdünndarmprostatagebärmutterkrebs. Kurzum: eine «Pesthölle».

Bloss: Wer will das wissen? Niemand natürlich, damals in Ibsens vergleichsweise beschaulichem südnorwegischen Küstenstädtchen so wenig wie heute, wo uns Klimakrise, Umweltzerstörung, Pandemien und Kriege weltumspannend um die Ohren fliegen.

Der Amtsrat (Julius Schröder) greift ein.

Der Amtsrat, mit scharfer Bösartigkeit von Julius Schröder gespielt, verhindert die Publikation der Nachricht, die windigen Medienleute bejubeln erst die Stockfrauen und schlagen sich dann auf die Seite der Macht. Ihre Rollen sind hier in bester Brecht’scher Manier typisiert: Statt Drucker Aslaksen, Redaktor Hovstad und Gerbermeister Kiil sind Marcus Schäfer, Fabian Müller und Christian Hettkamp zusammen mit Julius Schröder schlicht «Stadt».

Die Frauen kippen das Stück

Das hat seine Zeitlogik: Frau ist auf der «guten» Seite, Mann auf der «bösen». Unter den Tisch fallen allerdings die Zwischentöne, wie sie im Original etwa Kapitän Horster und Frau Stockmann beisteuern. Sowieso fräst die Inszenierung den Grossteil der (heute allerdings überladen anmutenden) Dialoge weg. Und zieht dann, auf dem Höhepunkt der Hetze gegen die Stockfrauen, kurzerhand den Stecker.

Saallicht. Scheisse, sagen Dengler, Pfeuti und Tobler. Riesenscheisse, bis zum Hals. Ibsen, 1882, warum nicht, kann man noch spielen, irgendwie, aber… und dann ziehen sie ihr eigenes Ding durch. Streifen sich Billig-T-Shirts über, «The  Future Is Female», «Fuck The System» und «Change Your Diet For The Climate – Eat The Rich». Diskutieren im Dialekt über Plastikmüll, Foodwaste, Kinderwunsch und Magersucht und Männerdominanz am Theater.

Aus dem Smalltalk wird nach und nach, jetzt wieder mit Ibsen-Text durchmischt, blutiger Ernst, Schluss mit der Scheisse, umbringen werden wir euch, all die SUV-Fahrer und Vielflieger, Pool-Besitzer und anderen Klimasünder und überhaupt die Reichen. Passt bloss auf. Flugzeuge werden vom Himmel stürzen und Containerschiffe absaufen und Rinder wahnsinnig werden und das siebenköpfige Tier wird kommen.

Es ist Apokalypse, aber nur ein bisschen, angedroht mit sanfter Stimme von netten Terroristinnen, bis einer der Männer unterbricht: «Herr Ibsen, holen Sie uns hier raus.» Die Frauen werden zum Schweigen gebracht, und das Publikum darf über den Antrag abstimmen, sie zu «Volksfeindinnen» zu erklären. Das Resultat ist ein erwartbar klares Nein, die Männer nehmen es als gestandene Demokraten gelassen. Hauptsache, der Müll bleibt, wo er ist, das Wasser bleibt vergiftet und das Klima geht vor die Hunde.

Sie wollen spielen

Regisseur Wojtek Klemm, Ausstatterin Magdalena Gut, Musikerin Aleksandra Rzepka, die das Ensemble sängerisch grossartig in Schwung bringt, und die sieben Spielerinnen und Spieler dekonstruieren das alte Stück mit Witz, Körpereinsatz und Unverfrorenheit. Aber sie wollen spielen und nicht Revolution machen – so gehen wir am Ende heiter nach Hause, im besten Fall mit einigen guten Anregungen zum Weiterdenken, wie Schäfer als Versammlungsleiter im Stück gleich selber bilanziert.

Nächste Vorstellungen:
14., 18., 22., 14. Februar

theatersg.ch

Bleiben die gelben Röhren, die den Saal dominieren, Wunderwerke der Technik, eine kurios verschlungene Rohrpost, durch die auf Knopfdruck Büchsen sausen. Der Redaktor zieht aus ihnen die Schlagzeilen seines «Volksboten», später kommen per Rohrpost die Hiobsbotschaften für Dr. Stockmann, mal sausen die Büchsen auch zurück an den Absender.

Das (Bühnen-)Bild klingt nach. Eine Hydra mit vielen Köpfen, ein Schlangengewirr, vielleicht bloss eine charmante Reminiszenz an die vordigitale Nachrichtenzeit. Am Ende blinken die Büchsen im Dunkeln wie Positionslichter. Den Weg aus der Krise zeigen sie uns auch nicht.

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