Das Kulturfestival hatte schon von Beginn weg ein Händchen für feine Mestizo-Sounds und ausgewählte Worldmusic-Fusions. Was die sanktgallischen Sommerloch-Aktivisten bisher nicht geschafft haben, ist: Tinariwen zu verpflichten. Dieses Jahr ist mit der 11. Ausgabe des Festivals der grosse Coup gelungen.
Tuareg-Rock ist in St.Gallen nicht unbekannt, man erinnert sich an den Herbst 2013, als das Palace innerhalb eines Monats Bombino und Tamikrest brachte, und Tinariwen selbst bespielten 2007 die Sternenbühne im Sittertobel.
Mit Ausdrücken wie «exotisch» und «farbenfroh» wurde damals die Band von der Presse angekündigt, an veritable «Fernweh-Musik» erinnerten sich Besuchende des Openairs. Farbe, Exotik und unverhohlene Reisegelüste sind sicherlich eine Möglichkeit, diese Gruppe zu rezipieren, doch könnte man dies über andere Bands auch schreiben.
Tinariwen ist keine exotische Ländlerkapelle, sondern eine Revolution. Tinariwen ist der sperrangelweit offene Raum, worin Santana, Jimi Hendrix und der aufmüpfige Teil der Seele von Bob Marley gemeinsam Tamachek diskutieren und dazu tanzen. Vor Allem sind sie aber Wanderdichter, aufständische Barden und rare Botschafter einer langen Geschichte der Tuareg-Aufstände im Norden Malis und dem Maghreb.
Eine sehr lesenswerte Übersicht publizierte der Essayist Rollo Romig 2012 im New Yorker, orientiert an zwölf Liedern der Gruppe um Ibrahim Ag Alhabib. Zusammengefasst: Schon einer der ersten Songs handelte von der Rebellion 1963, kurz nach Erreichen der Unabhängigkeit Malis von der Kolonialmacht Frankreich. Für die Tuareg, welche die Situation als neue Kolonisierung durch die ferne Hauptstadt Bamako erlebten, endete der Aufstand desaströs. So erzählt Soixante Trois die Geschichte des damals kleinen Jungens Ibrahim, dessen Vater 1963 exekutiert wurde, weil er den Rebellen geholfen habe:
«’63 ist von uns gegangen, wird aber wiederkehren Diese Tage haben ihre Spuren hinterlassen».
Mitte der 70er zwang Dürre und Hungersnot unzählige Tuareg, nach Lybien zu fliehen, wo die Gründungsmitglieder der Band sich in einem Militärcamp al-Gaddafis wiederfanden und dort ihre ersten Gigs spielten und ihren speziellen Stil entwickelten.
Im Zuge der wiederkehrenden Tuareg-Revolten in Mali anfangs der 90er griffen die mitkämpfenden Tinariwen nicht nur zu den Waffen, sondern daneben einmal mehr zu ihren Gitarren: Ihre Lieder, die auf Kassetten herumgereicht wurden, befeierten und befeuerten die Kämpfe musikalisch.
«Wir töten unsere Feinde und nähern uns Adlern Wir werden alle befreien, die in der weiten Ebene wohnen».
Andere Rebellenlieder in Tamachek verweigerte die Band zu übersetzen. Die Rebellion sei hart gewesen, so Ibrahim, doch auch eine Heilung: Er habe alles, sogar den Tod seines Vaters, vergessen können.
Nach dem Unterzeichnen des Friedensvertrags 1992, und den darauf folgenden internen Querelen der Rebellen, folgten Zeilen über die Einheit: Die Tuareg müssen einig sein, um ihr Ziel zu erreichen, zerteilt würden sie sich selbst zu Feinden.
Das Durcheinander des Krieges wird thematisiert, mehr als unklar ist, ob ein Sieg der Rebellen zur Befreiung des malischen Azawad (M.L.N.A.) ein Regime bringen würde, das im Interesse von Tinariwen ist, wie Romig kommentiert.
«Die Revolution ist ein langer Faden, leicht verwickelt, schwer zu entwinden»
Mit dem wiederkehrenden Scheitern der Auseinandersetzung wurden die Texte nachdenklicher. So fragen Tinariwen in dem Lied An die Brüder überall in Afrika, ob das Wasser derer, die seit Geburt unterdrückt werden, reicht, um den Baum der Revolution wachsen zu lassen. In einer «sich schnell bewegenden Welt», appelieren Tinariwen an die Tamachek-Gemeinschaft, aufzupassen, um nicht überrannt zu werden. Das Pflegen von Sprache und Traditionen ist dabei zentral, hindert aber eben nicht, die rebellische Geschichte mit E-Gitarren zu vermitteln.
Tinariwen: 21. Juli, Kulturfestival St.Gallenkulturfestival.ch
Auf die Unruhen 2012, die aus Sicht der M.L.N.A. daran scheiterten, dass islamistische Gruppen im Azawad die Scharia errichteten, was die Tuareg-Rebellen strikt ablehnten, schloss die Befreiungsbewegung schliesslich mit der Übergangsregierung einen Friedensvertrag. Allerdings sind Tuareg seither immer wieder Opfer von Vergeltungsmassnahmen geworden.
Zwei Mitglieder der Band sassen während der Unruhen wiederholt in Flüchtlingslagern an der algerischen Grenze fest, diesmal aber laut Manager nicht in Kämpfe verwickelt. Ohne Möglichkeit, an der damals laufenden Tournee teilzunehmen, seien sie eher um das humanitäre Elend besorgt gewesen, darum bemüht, ihren Leuten Wasser und Nahrung zu verschaffen. Ibrahims Zeilen klingen nach:
«Es ist eine Zeit, die Geliebte von den sie liebenden trennt. Denkt man an sie, sind schmerzhafte zwanghafte Gedanken das einzige, was kommt».
Man merkt schon: Tinariwen machen keine Scherze, wenn sie von ihrem Leben singen. Geprägt von Unterdrückung, bewaffneten Kämpfen, existenziellen Nöten und nicht enden wollenden Sorgen um ihre Gefährten, liegt ihre Schönheit darin, dass sie singen.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.