Wer nomadisch lebt, heiratet in der Regel jemanden, der dieses Leben ebenfalls von klein an kennt. «Die meisten Sesshaften finden das Leben unterwegs zwar für ein, zwei Jahre spannend und romantisch. Doch danach fangen die Probleme an», erzählte mir einst ein durchgerockter, bulgarischer Zirkusartist. Die Lebensstile von Fahrenden und Sesshaften seien eben derart unterschiedlich, dass daran fast jede Liebe zerbreche.
Um eine solche schwierige Liebe dreht sich das Stück Picaro, das diesen Sommer durch die Ostschweiz tourt. «Inspiriert zum Stück haben mich die aktuellen Ereignisse rund um die Jenischen in der Schweiz», sagt der Theaterpädagoge Adrian Strazza, Produktionsleiter von Picaro.
Als 2014 die Jenischen, also die Schweizer Fahrenden, die Allmend in Bern besetzten, weil es in der Schweiz nicht genug Durchgangsplätze gibt, begann sich Strazza für das Thema zu interessieren. Es bleibt aktuell: Am 31. Mai wird Picaro in Gossau aufgeführt, nur ein paar Tage, bevor die dortige Bevölkerung über einen Durchgangsplatz in der Gemeinde abstimmt. Das Stadtparlament hatte diesen letztes Jahr abgelehnt.
Recherche bei Fahrenden
Für das Stück ging Strazza auch auf Recherche: Gemeinsam mit dem Theaterautor Stefan Graf besuchte er Schweizer Fahrende auf Standplätzen in St.Gallen und Graubünden. «Es war nicht einfach, wir mussten uns ihr Vertrauen langsam erarbeiten», sagt Strazza.
Trotzdem habe das Stück keinen dokumentarischen Anspruch, betont Strazza. «Es ist im Kern eine Geschichte mit dem Motiv von Romeo & Julia: Zwei Menschen verlieben sich über die Grenzen zweier Welten hinweg, die sich eigentlich nicht verstehen.» Ausserdem gehe es um «das Weggehen, das Ankommen und die Frage nach der eigenen Herkunft.»
Strazza hat das Stück mit Mitstreitern aus der freien Theaterszene ins Rollen gebracht: Nebst dem Schauspieler und Dichter Hans Gysi spielt auch die Jazzsängerin Miriam Sutter mit. Strazza, Gysi und Sutter werden das Stück aufführen, zu dem auch viel Musik mit Akkordeon, Gitarre und Gesang gehört. Geschrieben hat Picaro der St.Galler Theaterpädagoge und Lehrer Stefan Graf.
Im Wohnwagen zum Spielort
Picaro kann man auch als Konzept verstehen: Die Schauspieler fahren nämlich mit einem alten Wohnwagen von Spielort zu Spielort durch die Ostschweiz. Im Wohnwagen werden Requisiten und Festbänke transportiert, gespielt wird unter freiem Himmel, «egal ob bei Sonne oder Regen», sagt Strazza. Nach einer zweitägigen Premiere Ende Mai in St.Gallen reist das Gespann während gut zwei Wochen durch die Ostschweiz zwischen Arbon und Rapperswil.
Strazza verhehlt nicht, dass die Finanzierung eines freien Theaterprojekts schwierig ist. Unter anderem hat er für Picaro einen Werkbeitrag der Stadt St.Gallen erhalten, der aber nur einen Bruchteil des Gesamtbudgets deckt.
Für die Finanzierung des Wohnwagens und des Zugfahrzeugs (zusammen rund 5000 Franken) haben die freien Theaterleute darum einen Aufruf auf der Crowdfunding-Seite wemakeit gestartet – noch sind bis zum Ziel ziemlich viele Gönner benötigt. Je nach Höhe des bezahlten Beitrages können die Gönner eine Gegenleistung wählen: Das reicht von jenischen Kochrezepten über eine Nacht im Wohnwagen bis hin zum Privatkonzert.
Ob das Crowdfunding zustande komme, sei aber nicht entscheidend, sagt Strazza. «Wir führen das Stück so oder so auf.» Er sehe Crowdfunding nicht nur als Mittelbeschaffung, sondern auch als Vernetzungs- und Kommunikationsplattform.
Feuerwerk und Herzblut
Aber sowieso wird noch viel Herzblut der Darsteller fliessen müssen, bis das Stück schliesslich bühnenreif daherrollt. Denn Herzblut sei es, was ihn und seine Truppe antreibe, sagt Strazza. Er hofft auf den Aufmarsch eines möglichst gemischten Publikums, darunter vielleicht auch ein paar «echte» Fahrende. Picaro sei mit Dialog, Musik und auch Feuerwerk für alle Menschen ab 13 Jahren geeignet.
Picaro. Premiere am 27. Mai auf dem Gallusplatz St.Gallen. Weitere Tourdaten, u.a. in Rorschach, Gossau, Frauenfeld, Rapperswil, hier.
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