«Lieber tanz ich als G20» war das Motto der Soliparty am Freitag im Engel. «Wir solidarisieren uns mit jenen, die sich lautstark und physisch in Hamburg der Barbarei und der durchgeknallten Welt der G20-Staaten entgegengestellt haben», hiess es in der Ankündigung. «Wir tanzen dagegen an, in Gedanken und Solidarität mit den Leuten, die noch in den Knästen sitzen und jenen, die in Zukunft in ihren Knästen sitzen werden. Gemeint sind wir alle.»
«Liberale Demokratien machen sich unglaubwürdig, wenn sie es nicht schaffen, die krasse Polizeigewalt und drastische Repression, die wir mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib erlebt haben, zu thematisieren und konsequent zu verfolgen», lässt DJ Schwörenfried ausrichten, einer der Gastgeber des Abends. «Es scheint längst klar, dass die Dethematisierung der staatlichen Gewalt kein Versehen oder eine Ausnahme, sondern politisches Programm und Kalkül ist.»
Etwa 100 Leute sind in den Engel gekommen, um den Widerstand zu tanzen. Schwörenfried ist «sehr zufrieden mit dem Abend», sowohl finanziell wie auch politisch. «Solche Abende sind auch immer Orte, wo wir uns darüber austauschen, wie wir politisch auf die Repression reagieren können», sagt er am Samstag. Ausserdem seien Solidarität und gemeinsames Tanzen eine wichtige Antwort und eine Waffe gegen die Repression.
Nicht ohne Widerspruch
Auch Remo* aus St.Gallen reiste letzte Woche nach Hamburg. «Weil sich die Welt grundlegend ändern muss, weil der Kapitalismus die Menschen unterdrückt und weil dieses Treffen der Mächtigsten der Welt nicht ohne Widerspruch vonstatten gehen darf.»
Es gebe auch Linke, die dieses «Gipfel-Hopping» nicht befürworten, sagt er beim Bier im Engel. «Weil man sich von den Mächtigen nicht die Agenda diktieren lassen sollte. Dieser Einwand ist berechtigt, auf der anderen Seite war das in Hamburg aber auch ein sehr kraftvoller Moment: Hunderttausend Menschen sind zusammen auf die Strasse gegangen für eine Welt mit Zukunft.»
Den Protest habe er sowohl friedlich und bunt als auch militant und bestimmt erlebt, erzählt Remo. Er war beim Cornern dabei, beim «Tanz gegen G-20» und an der «Welcome to Hell»-Demo vom Donnerstag. «Alles war auf einem Haufen – auch Donnerstagnacht im Schanzenviertel. Da konnte man nicht sagen, wer jetzt vom Kiez, vom Block oder einfach nur als Tourist da war. Manche Anwohner haben Boxen auf die Strasse gestellt und in den Seitenstrassen waren die Bars offen.»
In diesem kurzen Moment sei die Schanze ein herrschaftsfreier Raum gewesen. «Die Stimmung war fast schon euphorisch», sagt er. «Und es herrschte trotz den Krawallen eine Art Gemeinschaftsgefühl – das widerspricht so ziemlich allem, was Politik und Behörden jetzt behaupten.» Das wiederum deckt sich übrigens auch nicht mit der Einschätzung «der Schanze», was zum Beispiel in diesem Statement nachzulesen ist.
Er habe «grundsätzlich nichts gegen den Schwarzen Block und andere Leute, die Steine werfen und Barrikaden anzünden», erklärt Remo. Der Kampf für eine gerechtere Welt müsse mit allen Mitteln und auf allen Ebenen geführt werden. «Es braucht mehr als Demos, um die die herrschenden Verhältnisse zu kippen, beispielsweise Lastwagen- oder Sitzblockaden. Im Verhältnis zur strukturellen Gewalt, die der Kapitalismus täglich erschafft und reproduziert, im Verhältnis zu den Kriegen, mit denen die Rüstungsindustrie mindestens der Industriestaaten die Welt überziehen, ist es einfach nur zynisch, dazu zu schweigen, aber den Schwarzen Block als Bande von Terroristen zu verkaufen.» Auserdem habe man am Beispiel von Griechenland sehen können, wie einfach zehntausende, friedlich Demonstrierende problemlos völlig ignoriert würden.
«Was ist das, wenn nicht Polizeigewalt?»
An der «Welcome to Hell»-Demo sei er nicht im Kessel gewesen, sondern auf dem Damm gestanden und habe anderen hinaufgeholfen. «Ich hatte keinen Überblick über die Situation, darum möchte ich keine Analyse wagen – aber ich habe gesehen, wie verängstigt die Leute teilweise waren. Da wurden welche vom Damm runtergestossen von den Bullen, Leute wurden wahllos gejagt und verprügelt… Was ist das, wenn nicht Polizeigewalt?»
Diese Frage stellten sich viele am Freitag im Engel. «An diesem neuen Autoritarismus sieht man doch, wie das System an seine Grenzen gekommen ist», meinte jemand und auch am Nebentisch fand man deutliche Worte: «Protest ist ja angeblich ein Grundrecht – aber wer Systemkritik übt, wird kurzerhand niedergeknüppelt und eingeknastet. Mit einem funktionierenden Rechtsstaat hat das nicht mehr viel zu tun.»
«Scheiss Bullen, scheiss Medien», fasste eine junge St.Gallerin gegen Ende des Abends zusammen. «Die Diskussion um den G20-Gipfel hat völlig absurde Züge angenommen». Etwas, das auch Andri Bösch bedauert, Stadtratskandidat der Juso: «Gewalt ist selbstverständlich nie eine politische Lösung», sagt er am Freitag im Engel, «aber diese Linksextremismus-Diskussion jetzt überschattet die essentiell notwendige Kritik am G20-Gifpel: Da sitzen Grossmächte zusammen am Tisch und reden über Probleme, die sie selber zu verantworten haben – und auch sicher nicht lösen wollen. Darüber müsste man genauso reden!»
*Name der Redaktion bekannt
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.