Als ich jünger war, grämte es mich, wenn ich feststellte, wie ältere Personen Metaphern in unsere leidenschaftlichen Wortgefechte über die Kunst einwarfen, denen ich nichts entgegenzusetzen vermochte. Mein Ehrgeiz, mich historisch mit der Kunst auseinanderzusetzen, war geweckt. An der Kunsthochschule erzählten sie mir die Gemeinplätze einer Kunstgeschichte, mit der man in den gehobenen Kreisen eine gute Falle macht. In den kommenden Gesprächen mit Kunstwissenschaftler*innen und Künstler*innen erweiterte sich die Sicht. Die offenkundigen Widersprüche einer linear erzählten Kunstgeschichte kämpften gegen den Idealismus an, der meinen Ehrgeiz als Künstler antrieb. Ich reihte mich ein bei den Intellektuellen. Es gab nur zwei Möglichkeiten, die Realität des hiesigen Kulturbetriebs zu ertragen: mit Arroganz oder Melancholie.
Einen systematischen Überblick über die Kunstgeschichte erlangte ich indes trotz den 30 Jahren, die ins Land zogen, nicht. Ein Gefühl für die Weite des Feldes, in dem sich die Kunst bewegt, ein Instinkt für Vernetzungen blieb übrig, nachdem das Kunsttheoretische jede Stringenz und die Realität von 9/11 den humanistischen Boden unter den Füssen weggezogen hatte. Am Ende stand die Mission, die Überzeugung des Autors als konzeptionelle Differenz unter den Werken. Nicht was die Gruppe dazu bestimmt, wie bei Luhmann, sondern was der Einzelne in seiner geografischen Nische ausdrücken will, trug dem Verlust des künstlerischen Kanons durch die Globalisierung genügend Rechnung. Das mag auf den ersten Blick befremden, aber die Praxis lehrt uns, dass es ohne Mission in der Kunstwelt nur Krämerei gibt und auch wenn der Einzelne entfesselt und wirr sein mag, er ist ein Mensch mit Stärken und Schwächen.
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Trotzdem kann Bildende Kunst ohne Kommunikation ihre gesellschaftliche Rolle nicht einnehmen. Gehört oder gesehen zu werden, ist eine Grundbedingung. Die globalen wie lokalen Kommunikationskanäle und ihre Inhalte durchlebten in den letzten zwei Dekaden einen fundamentalen Wandel. Ihre Qualität ist in Frage gestellt, weil Informationen vom Kapitalismus nun als Ware bewertet werden. Wie Didier Eribon in Gesellschaft als Urteil notiert: Divergenzen werden Konvergenzen, um wieder Divergenzen zu werden. In diesem soziologischen Sinne ist die Deutungshoheit über die Kunst eine Ware, deren Gewinn sich in gesellschaftlichem Status und wirtschaftlicher Sicherheit auszahlt. Deshalb sind es nicht die Künstlerinnen, die über die Qualität der Kunst entscheiden. Wie in der Politik ist es lokal das bürgerliche Establishment, und je höher der Einsatz, desto mehr übernehmen die Interessen des globalen Finanzmarkts die Gestaltung. Sie schaffen ihre Fakten selbst. Ihr Habitus, ihre Redensart und ihr gesellschaftlicher Blick stehen diametral zu jenem der Künstler*innen.
Jeder Strich parodiert gleichzeitig ein Nichts, wie er auch alle Gräuel der Welt vereinnahmen kann. Es ist eine Frage der persönlichen Perspektive, ob der unmittelbar empfundene Schmerz der Autorin beim Schreiben dazwischenfunkt oder die Freude einer Blume bei aufgehender Sonne den gelungenen Kontrast dazu darstellt.
Boris Billaud: Turm, 2019.
Der siebte Abschnitt aus dem Tractatus von Wittgenstein, Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen dient mir nicht als neue Form, meine Einwände gegenüber der aktuellen Kunstkritik vorzubringen. Die Karikaturen von Felix Vallotton entsprechen eher meinem Sinn, sie sind zeitlos, und doch ist aus ihnen mehr geworden als ein blosser Zeitgeist. Vallotton verfolgte als Maler hingegen einen experimentellen Realismus, der dessen stilistische Grenzen berührte, mal darüber hinweghüpfte, um wieder in sicheren Gefilden zu landen. Er laborierte um den Kippmoment herum, wo die leichtfüssig daherkommende Authentizität in eine unerträgliche Anmassung wechselt, der Manierismus ein Schaudern beim Betrachter auslöst. Vallotton hat auch portraitiert – angegeben hat damit aber selten jemand.
Um die Jahrhundertwende, während der Nietzsche Jenseits von Gut und Böse publizierte und Debatten um unser Ich geführt wurden, entwickelte André Breton die Idee der Écriture automatique. Eine maschinelle Produktionsmethode für Literatur, in der das Unbewusste gegenüber dem Erdachten und Komponierten steht. Die Idee, das Unbewusste schreiben zu lassen, verlor an Reiz, als offensichtlich wurde, wie wenig literarische Substanz es hervorzubringen fähig ist. Beide, Breton wie Vallotton, stimmen meines Erachtens darin überein, dass Talent nur ein Teil des künstlerischen Prozesses ist, während der andere mehr die Fähigkeiten betrifft, es damit auszuhalten oder sich damit zu begnügen. Die lange Reihe an Trinker*innen unter den Talentiertesten spricht auch davon, dass der Mensch als Urheber der kulturellen Produktion auch sein grösstes Problem darstellt. In einer Zeit, in der die Kunst noch als «gefährliche» Avantgarde angesehen wurde, mag dem einen oder anderen ein gradlinigeres Verfahren zupass gekommen sein.
Boris Billaud: aus der Serie Strandhäuser, 2017-2019.
Nun zum eigentlichen Thema, dem ich diesen Abriss voranstellen möchte. Menschen verfügen über Sinnesorgane und Extremitäten, die sie benötigen, um Malerei oder Bildhauerei betrachten zu können. Hier sind die Augen und die Nase gemeint, aber auch die Hände, mit denen man die Welt ebenso verstehen lernt. Wie die Nase beim Riechen die frische Ölfarbe erschnuppert und dadurch einen imaginären Film in unserem Kopfkino auslöst. Durch verkitschte Romane und die Allgemeinplätze der Kunstgeschichte wird diese Wahrnehmung beschmutzt – von jenen, die ich eingangs bereits erwähnt habe. Das führt flächendeckend zu Reputationsschäden für die ganze Berufsgruppe der Künstler*innen und leitet deren Ehrgeiz um ins Nützliche, ins Opportunistische. Ob es eine Alternative dazu gibt?
Die Ausstellung «App’n’cell now» in der Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell ist bis vorerst 22. Januar coronabedingt geschlossen. Sie dauert gemäss Plan bis Mitte März.
Infos hier.
Was bei der Écriture automatique noch das Unbewusste war, ist heute die Bilderflut aus der Werbung oder andere kaufmännische Propaganda im Hinterkopf der Kunstschaffenden. Diese Bilder aus Maschinen suggerieren heimatlose Versprechen und es gibt bei Nicht-Gelingen nur Enttäuschungen und keine Ansprechpartner für den Frust. Dass Emotionen zu Untaten führen, ist juristisch belegt, allerdings sind es nur die positiven Gefühle, die gefragt sind, der Rest, so verlangt es die durch die Medien repräsentierte Gesellschaft, soll stecken bleiben. Das automatische Schreiben hätte so betrachtet nur einen kurzen Auftritt in der Geschichte verdient. Max Frisch und andere ermöglichten dem Talentlosen einen Neustart. Biedermann und die Brandstifter war sein Versprechen an die Malerei und eröffnete im heimischen Schaffen die Türe für den protestantischen Charme in der Kunst, der für eine längere Zeit als der Exportartikel der heimischen Kulturindustrie galt und die Flure der Verwaltungsetagen pflastern durfte. Das Blatt wendete sich scheinbar, seit die globale Finanzwelt sich gründlich verpokert hat. Die neuen Credos an den Hochschulen der Künste sind leider aber nur Paradoxe geworden, die man zusammenfassend als Emotionelle Konzeption bezeichnen darf, so verwegen plagiieren sie, von der Politik, eine Gesellschaft als Adressaten, die ihnen doch längst entschwunden ist. Es war absehbar, dass die Divergenz, die einst die Hochschulen der Künste darstellten, sich zu einer Konvergenz verändern würden. Dass sie sich von einer derart populistischen politischen Welle, die aktuell grassiert, nicht abgrenzen können, zeigt, wie sehr sie sich ins Abseits gedribbelt haben. Das Spiel mit dem Kapitalismus (oder dem herrschenden System) ist einen Balanceakt, der viel Reflexionsarbeit von den Künstler*innen verlangt. Um bei den Mensch*innen mitzuspielen zu können, sollte man eine bleiben, aber bitte mit etwas mehr Distanz und Verstand mit der Hand.
Boris Billaud (*1968 in Winterthur, Bürger von Schwellbrunn AR) ist neben seinen künstlerischen Arbeiten im Bereich Malerei und Performance auch als Kurator tätig (u.a. an der Neuen Kunsthalle Zürich) und nimmt Stellung zu kulturpolitischen Themen, etwa zum Kulturleitbild der Stadt Zürich. In der Ostschweiz waren seine Arbeiten im Projekt «à discretion» der Ausserrhodischen Kulturstiftung 2016 und im Zeughaus Teufen 2019 zu sehen. borisbillaud.ch
Die Rubrik Blackbox ist im März 2020 als Antwort auf die Corona-Krise entstanden, als der Kulturbetrieb stillgelegt worden ist. Für das Publikum ist das schade, für viele Kulturschaffende weit mehr: eine existentielle Bedrohung. Die Saiten-Blackbox macht drum eine Bühne auf für Bilder, Texte, Filmbeiträge, Songs, Debatten und anderes. Kein Streamen um jeden Preis, sondern Originale sind hier zu sehen und zu hören, kurz kommentiert, erklärt oder einfach so.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
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Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.