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Rock’n’Roll in der Ziegelhütte

Die Arbeit im Atelier ist ein isoliertes Tun. Kuratierte Gruppenausstellungen sind ein Mittel dazu, Kunstschaffende und Publikum zusammenzubringen. Die Schau «App'n'cell now» denkt in der Ziegelhütte das Format weiter – dynamisch und demokratisch.
Von  Kristin Schmidt , 
Summende Kissen von Alex Meszmer/Reto Müller im Mittelgeschoss der Ziegelhütte.

Jahresausstellung oder Heimspiel? Dürfen alle Künstlerinnen und Künstler mitmachen? Oder entscheidet eine Jury? Oder der Kurator, die Kuratorin? Und nach welchen Kriterien? Objektivität ist kaum möglich, persönliche Erfahrungen, Vorlieben, Erkenntnisse spielen eine Rolle, ebenso der vorhandene Platz, die Positionierung der Ausstellungshäuser und ihre Vernetzung.

Lokale oder regional angelegte Gruppenausstellungen weisen einige Fallstricke auf. Andererseits sind sie für Künstlerinnen und Künstler eine wichtige Chance, gesehen zu werden, ihre Arbeiten in renommierten Häusern platzieren zu können und in Dialog mit anderen zu treten. Deshalb und trotz aller Kritik gibt es diese Schauen immer noch und immer wieder.

App’n’cell now: 15. November bis 14. März, Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell

Porträts der beteiligten Künstler*innen:
app-n-cell-now.kleio.com

Am 27. November lässt Karin K. Bühler aus dem Kamin der Ziegelhütte rosaroten Rauch aufsteigen, zur Erinnerung an die späte Einführung des Frauenstimmrechts in Innerrhoden vor 30 Jahren.

Weitere Termine und Infos:
h-gebertka.ch

Aktuell versucht Roland Scotti, diese Ausstellungsidee in eine neue Form zu giessen. Der Kurator des Kunstmuseums Appenzell und der Kunsthalle Ziegelhütte hat immer wieder Künstlerinnen und Künstler mit lokalem Bezug ausgestellt und 2018 erstmals das Heimspiel ins Haus geholt – mit einer sehr sorgfältigen, sehenswerten Präsentation. Nun gibt es von November bis März «App’n’cell now»: eine Ausstellung, die dynamisch, demokratisch, dicht ist.

Zu Beginn: Zwei Listen

Das einzige Auswahlkriterium für diese Ausstellung waren zwei Listen aus den kantonalen Kulturämtern der beiden Appenzell: Sie enthalten die Namen von 126 Künstlerinnen und Künstlern, deren Biografie mit der Region verwoben ist. Alle wurden angeschrieben. 69 haben sich zurückgemeldet. Gebeten wurde niemand, aussortiert wurde niemand.

Karin Karinna Bühlers Traum an der Fassade der Ziegelhütte. (Bilder: Su.)

Wer mitmacht, tut dies aus eigenem Antrieb und unter klaren Voraussetzungen: «App’n’cell now» funktioniert ohne Kurator, ohne Hierarchie, ohne Jury und sogar ohne Kunstwerk – zumindest für eine Zusage. Gewünscht war einzig, bei der Teilnahmezusage eine Aufnahme des Ateliers mitzusenden. Wer keines hat oder braucht, wurde aber nicht ausgeschlossen. Roland Scotti zählt auch auf Improvisationstalente. Und auf Leute, die sich gerne mit ungewohnten Raumsituationen auseinandersetzen, denn die Ausstellung breitet sich in der gesamten Kunsthalle Ziegelhütte aus.

Jede Nische, das Zwischengeschoss, der Oberlichtsaal, der Saal im Erdgeschoss mit Panoramafenster und – wie bereits bei «Emma Kunz und Gegenwartskunst» – sogar der alte Ringofen des alten Ziegeleigebäudes: Jeder noch so kleine Raum wird für die Kunst genutzt und gebraucht. Schliesslich sind 69 Positionen eine Menge. Zudem wird sich die Ausstellung wandeln. Dreimal wird in den vier Monaten umgebaut. Manche Werke bleiben, andere werden ausgetauscht. Wieder anderes ist noch kurzfristiger angelegt, etwa die Performances.

Arbeiten von Marisa Fuchs, Michaela Müller, Stefan Inauen und Stefan Rohner.

Diese Dynamik erinnert an die «Zwischenstellungen», die Kurator Ueli Vogt im Zeughaus Teufen mit grosser Energie etabliert hat und die das Haus immer wieder beleben. Die Verwandtschaft ist nicht ganz zufällig. Roland Scotti schätzt das Wuchernlassen der Dinge im Zeughaus Teufen, sieht aber auch die Unterschiede: «In Teufen wird ein bestehendes Gefüge permanent verändert. Die Kunsthalle Ziegelhütte dagegen ist ein Leerkörper, ein Gehäuse.» Dieses gilt es nun zu aktivieren, denn allzu oft sei in den klassischen Ausstellungshäusern nur das Legitimierte zu sehen, das nicht einmal unbedingt begründet ist: «Nur weil wir es in diesem Rahmen zeigen, ist es wichtig. Aber wenn wir so weitermachen, haben wir in 20 Jahren kein Publikum mehr.»

Ausbreitung in Zeit, Raum und Netzwerk

Neues muss her. Unerprobtes. Keine Wertungen, sondern Experimente. Dinge, die ohne diese Chance nicht entstanden wären. Der Kurator nimmt sich dabei zurück. Er ermöglicht, aber er urteilt nicht, und vor allem will er vermeiden, Langeweile zu erzeugen: «Ich will eine sich selbst konstituierende Maschine in Gang setzen». Sie soll die Künstlerinnen und Künstler zusammenbringen, das Bewusstsein für die Gemeinschaft und für die notwendige Lobbyarbeit stärken. Und sie soll auch in die Bevölkerung hineinwirken: «Die Botschaft ans Publikum ist: Das ist Eure Identität.»

Die Ausstellung will etwas auf den Weg bringen, und so versteht sich auch ihr etwas holpriger Titel. Er hat nicht so sehr mit der Digitalisierung zu tun, wie es zunächst scheint, sondern verweist laut Roland Scotti auf die Tradition des Rock’n’Roll. Die Ausstellungsgrafik deutet weitere Ambitionen an: «Man wirft einen Stein ins Wasser. Etwas passiert und entwickelt eine Eigendynamik.»

Bleibt zu hoffen, dass der Stein weiterrollt, dass sich das Energiefeld ausbreitet, ob wellenförmig oder ganz anders, aber wirksam für die Kunst im Appenzellerland.

Hier die Eröffnungsrede von Kurator Roland Scotti:

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
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Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
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Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
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Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
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Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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