Ein Maikäfer, ein Delfin, ein Schwein, ein Hase, ein Pferd. Sie springen, fliegen oder schwimmen davon. Besser gesagt: Sie wollen weg, können aber nicht. Jedes einzelne Tier ist an einer Leine festgebunden, welche sie – entfernen sie sich zu weit – ruckartig zurückwirft.
Das Schwein versucht sich vom Halsband zu befreien, der Delfin schwimmt brav im Kreis, der Vogel klappt erschöpft seine Flügel zu. Auf einmal erscheint der Maikäfer ganz gross im Bild, noch grösser seine Augen, traurig, müde von den Versuchen sich zu befreien.
Oberhalb der Szenerie sitzt ein Junge mit Seitenscheitel, der verzückt mit einem breiten Lächeln dem Geschehen zusieht. Wie ein Puppenspieler lässt er die tierischen Gefangenen zu seinem Vergnügen an den Schnüren tanzen. Was beim ersten Betrachten des animierten Schauspiels von Marion Täschler niedlich wirkt, schlägt in ein Gefühl der Befremdlichkeit um.
Der Lukasbrunnen in Diepoldsau. (Bilder: nextex)
Die gebürtige Diepoldsauerin Marion Täschler (*1988), thematisiert in der Videoarbeit Oh, wie süss das Verhältnis von Mensch und Tier. Ausgangslage ihrer Arbeit stellt ein früher übliches Spiel dar: Maikäfer, an einem Faden befestigt, wurden wie Drachen steigen gelassen. Der Lukasbrunnen in Diepoldsau sollte ursprünglich einen Jungen mit Maikäfer und Spule zeigen. Die Gemeinde war mit dem jedoch nicht einverstanden, heute hält der Brunnenjunge einen Maiskolben in der Hand.
Öffentliches Ärgernis oder Schmuck?
Die meisten Brunnen führen ein bedingt spektakuläres Dasein. Ausnahmen existieren immer, wie beispielsweise der mittlerweile etablierte Wasserturm von Roman Signer im Grabenpärkli. Jahrelang stand die Skulptur im Zentrum hitziger Debatten, erzürnte die St. GallerInnen in höchstem Masse und strapazierte ihr Verständnis für zeitgenössische Kunst.
Die Ausstellung im AUTO ex Nextex schliesst sich dem Diskurs um Kunst im öffentlichen Raum an und soll nicht ganz so populäre Exemplare mit Blicken hinter die repräsentative oder bemooste Brunnenfassade bescheren. «An der Schnittstelle von Architektur und Kunst am Bau nehmen Brunnen nebst ihrer Funktionalität auch als künstlerische Objekte einen wichtigen Stellenwert im öffentlichen Raum ein», sagt Anna Beck-Wörner, die mit Angela Kuratli das Ausstellungsprojekt leitet.
Barbara Brülisauer: Goldbrünneli, Video, 2020.
Frank Keller: überlaufen, 2020, Installation mit Klang, Stöpsel, iPod, Animation.
Die Kunstschaffenden David Berweger, Barbara Brülisauer, Andy Guhl, Marc Norbert Hörler, Frank Keller, Thi My Lien Nguyen und Marion Täschler wählten jeweils einen Brunnen, der sich im Einzugsgebiet von visarte.ost befindet, als Grundlage ihrer Arbeiten.
«Remixing: Öffentlichkeit, Brunnen und andere Geschichten». Mit David Berweger, Barbara Brülisauer, Andy Guhl, Marc Norbert Hörler, Frank Keller, Thi My Lien Nguyen, Marion Täschler. Bis 15. November, Do 19 – 21 Uhr, Fr 11 – 15 Uhr, AUTO ex Nextex, Wassergasse 47 St. Gallen
nextex.ch,
Entstanden ist eine weiträumig zerstreute Assemblage in Form von Fotografie, Videoarbeiten, Installation und Collagen, die mal subtil-leise, mal ironisch daherkommen. Die Arbeiten eröffnen vielschichtige Relationen zu Gerüchen, Geräuschen, Produktion, Wertigkeit und dem unendlichen Raum unterirdischer Wasserwege.
Ein schwebender Stein im Wald
Andy Guhls (*1952) Wahl fiel auf einen moosbewachsenen Brunnen im Freudenbergwald, ein Steinbrocken des abgebrochenen Brunnenstocks lag im Brunnentrog. «Mir fielen als erstes die Schwingungen im Wasser auf, die sind für mich wie Sound», lacht Guhl, der neben Installations- und Performancekunst Musik macht. «Aber ich wollte in diesem Projekt etwas Analoges, Naturnahes entwickeln und mich von typischen Arbeitsschritten fortbewegen.»
Andy Guhl bei der Installation des Steinaufzugs.
Entstanden ist die Arbeit Steinaufzug. Mithilfe einer selbstgebauten Holzkonstruktion, die über einen integrierten Flaschenzug verfügt, soll der abgebrochene Teil des Brunnenstocks wieder an seinen Platz gesetzt werden. Derweil schwebt der 100 kg schwere Stein als Part eines performativen Prozesses in der Konstruktion über dem Brunnen. Die Installation ist frei zugänglich und kann bis zur Finissage am 15. November, im Freudenbergwald, östlich des 1956 abgebrannten Molkenkurenhotels «Freudenberg», neben der Hügelspitze, Feuerplatz Freudenberg besichtigt werden.
Also nichts wie ab in den Wald und an die Wassergasse 47.
Eklig oder Kunst? Güsel oder genial? Im Nextex haben fünf junge Künstlerinnen und Künstler eine carte blanche erhalten. Sie verstehen ihre Arbeiten als Reflexionsangebote.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.