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An der Quelle zur Kunst

Unter dem Titel «Remixing: Öffentlichkeit, Brunnen und andere Geschichten» verleihen sieben Kunstschaffende den Brunnen in der Region neuen Druck in die müden Pumpen. Sandra Cubranovic über die Ausstellung im AUTO ex Nextex.
Von  Gastbeitrag

Ein Maikäfer, ein Delfin, ein Schwein, ein Hase, ein Pferd. Sie springen, fliegen oder schwimmen davon. Besser gesagt: Sie wollen weg, können aber nicht. Jedes einzelne Tier ist an einer Leine festgebunden, welche sie – entfernen sie sich zu weit – ruckartig zurückwirft.

Das Schwein versucht sich vom Halsband zu befreien, der Delfin schwimmt brav im Kreis, der Vogel klappt erschöpft seine Flügel zu. Auf einmal erscheint der Maikäfer ganz gross im Bild, noch grösser seine Augen, traurig, müde von den Versuchen sich zu befreien.

Oberhalb der Szenerie sitzt ein Junge mit Seitenscheitel, der verzückt mit einem breiten Lächeln dem Geschehen zusieht. Wie ein Puppenspieler lässt er die tierischen Gefangenen zu seinem Vergnügen an den Schnüren tanzen. Was beim ersten Betrachten des animierten Schauspiels von Marion Täschler niedlich wirkt, schlägt in ein Gefühl der Befremdlichkeit um.

Der Lukasbrunnen in Diepoldsau. (Bilder: nextex)

Die gebürtige Diepoldsauerin Marion Täschler (*1988), thematisiert in der Videoarbeit Oh, wie süss das Verhältnis von Mensch und Tier. Ausgangslage ihrer Arbeit stellt ein früher übliches Spiel dar: Maikäfer, an einem Faden befestigt, wurden wie Drachen steigen gelassen. Der Lukasbrunnen in Diepoldsau sollte ursprünglich einen Jungen mit Maikäfer und Spule zeigen. Die Gemeinde war mit dem jedoch nicht einverstanden, heute hält der Brunnenjunge einen Maiskolben in der Hand.

Öffentliches Ärgernis oder Schmuck?

Die meisten Brunnen führen ein bedingt spektakuläres Dasein. Ausnahmen existieren immer, wie beispielsweise der mittlerweile etablierte Wasserturm von Roman Signer im Grabenpärkli. Jahrelang stand die Skulptur im Zentrum hitziger Debatten, erzürnte die St. GallerInnen in höchstem Masse und strapazierte ihr Verständnis für zeitgenössische Kunst.

Die Ausstellung im AUTO ex Nextex schliesst sich dem Diskurs um Kunst im öffentlichen Raum an und soll nicht ganz so populäre Exemplare mit Blicken hinter die repräsentative oder bemooste Brunnenfassade bescheren. «An der Schnittstelle von Architektur und Kunst am Bau nehmen Brunnen nebst ihrer Funktionalität auch als künstlerische Objekte einen wichtigen Stellenwert im öffentlichen Raum ein», sagt Anna Beck-Wörner, die mit Angela Kuratli das Ausstellungsprojekt leitet.

Barbara Brülisauer: Goldbrünneli, Video, 2020.

Frank Keller: überlaufen, 2020, Installation mit Klang, Stöpsel, iPod, Animation.

Die Kunstschaffenden David Berweger, Barbara Brülisauer, Andy Guhl, Marc Norbert Hörler, Frank Keller, Thi My Lien Nguyen und Marion Täschler wählten jeweils einen Brunnen, der sich im Einzugsgebiet von visarte.ost befindet, als Grundlage ihrer Arbeiten.

«Remixing: Öffentlichkeit, Brunnen und andere Geschichten». Mit David Berweger, Barbara Brülisauer, Andy Guhl, Marc Norbert Hörler, Frank Keller, Thi My Lien Nguyen, Marion Täschler.
Bis 15. November, Do 19 – 21 Uhr, Fr 11 – 15 Uhr, AUTO ex Nextex, Wassergasse 47 St. Gallen

nextex.ch,

Entstanden ist eine weiträumig zerstreute Assemblage in Form von Fotografie, Videoarbeiten, Installation und Collagen, die mal subtil-leise, mal ironisch daherkommen. Die Arbeiten eröffnen vielschichtige Relationen zu Gerüchen, Geräuschen, Produktion, Wertigkeit und dem unendlichen Raum unterirdischer Wasserwege.

Ein schwebender Stein im Wald

Andy Guhls (*1952) Wahl fiel auf einen moosbewachsenen Brunnen im Freudenbergwald, ein Steinbrocken des abgebrochenen Brunnenstocks lag im Brunnentrog. «Mir fielen als erstes die Schwingungen im Wasser auf, die sind für mich wie Sound», lacht Guhl, der neben Installations- und Performancekunst Musik macht. «Aber ich wollte in diesem Projekt etwas Analoges, Naturnahes entwickeln und mich von typischen Arbeitsschritten fortbewegen.»

Andy Guhl bei der Installation des Steinaufzugs.

Entstanden ist die Arbeit Steinaufzug. Mithilfe einer selbstgebauten Holzkonstruktion, die über einen integrierten Flaschenzug verfügt, soll der abgebrochene Teil des Brunnenstocks wieder an seinen Platz gesetzt werden. Derweil schwebt der 100 kg schwere Stein als Part eines performativen Prozesses in der Konstruktion über dem Brunnen. Die Installation ist frei zugänglich und kann bis zur Finissage am 15. November, im Freudenbergwald, östlich des 1956 abgebrannten Molkenkurenhotels «Freudenberg», neben der Hügelspitze, Feuerplatz Freudenberg besichtigt werden.

Also nichts wie ab in den Wald und an die Wassergasse 47.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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