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Linien statt Grenzen

Im Projektraum Nextex ziehen zwei Künstlerinnen Linien – Beatrice Dörig zeichnet sie, Andrea Vogel baut sie. Und in beiden Werken der erstmals gemeinsam ausstellenden Frauen steckt Zeitkritik.
Von  Peter Surber , 
«Line Goes By» von Beatrice Dörig (hinten) und die Gittermöbel von Andrea Vogel im Nextex. (Bilder: Michael Bodenmann)

Die Gitter machen klar: Dahinter geschehen wichtige Dinge, da braucht es Schutz. Hinter den Gittern war bis Mitte 2014 das italienische Konsulat einquartiert; hier wurden Pässe ausgestellt oder verweigert, vor den zwei Schaltern stand man Schlange.

Jetzt sind die Gitter weg. Andrea Vogel hat sie kurzerhand abgeschraubt und in den Raum hineingeholt. Aus Gittern sind Sitzgelegenheiten geworden. Grid Goes Seat: Die Künstlerin sieht darin mehr als einen Material-Handgriff. Die Stossrichtung ist politisch. «Häuser hinter Gittern sind mir suspekt», sagt sie. «Reisst die Gitter weg, baut die Mauern ab!»

Allerdings: Angenehm sitzt es sich nicht auf den sorgfältig geschmiedeten und jetzt akkurat geknickten Stangen. Die Einladung ist tückisch, der Komfort täuschend. Auch das könnte, wer wollte, auf die gesellschaftliche Aktualität übertragen: Es gibt, selbst in der von Gittern und Mauern verschonten privilegierten Schweiz, keinen Anlass, es sich bequem zu machen und auf dem Erreichten auszuruhen.

Erst recht hart liegt man im Separée oben. Auch hier reichten einige Handgriffe und die Handwerkerkunst des Sitterwerks, um zwei überhohe Fenstergitter zu verwandeln. Das Resultat hier: ein Gitterbett. Es sieht schön aus und tut weh, wenn man sich drauflegt. So weh wie die Assoziation an Gefängnisschragen oder Stahlfedermatratzen. Das Bett ist zierlich und brutal in einem.

Neben gesellschaftlichen Bezügen interessiert Andrea Vogel auch die Ästhetik der Konstruktion. Die am einen Ort überkreuz und am andern in Schwüngen geschmiedeten Stäbe bilden ein Linienmuster, das über die frühere Funktionalität hinaus ein optisches Eigenleben erhält. «Linien, längs und quer: Das ist die elementarste Form von Design», sagt die Künstlerin.

Unbeirrbare Linien

Die Linienthematik verbindet die beiden Ausstellungsteile im Nextex – geschaffen von zwei Künstlerinnen, die sich gemeinsam ein Atelier in St.Gallen teilen, aber erstmals gemeinsam ausstellen.

«Line Goes By» nennt sich die Schau. Wer sich auf eines der Gittermöbel von Andrea Vogel setzt, kann das Möbiusband, eine liegende Acht bewundern, welches Beatrice Dörig auf die weisse Wand gezeichnet hat und das der Ausstellung den Titel gegeben hat. Das Band schlingt sich um die Ecken, welche Treppenabgang und ehemalige Schalterkuben bilden. Als wäre das alles nichts, steckt es die Störung weg.

So arbeitet auch die Zeichnerin: Linie um Linie, mit ruhiger Hand und feinstem Strich. Unbeirrbar. Und neugierig auf das Eigenleben, das die Striche entwickeln, die feinen Verwerfungen, die sich in das Band hineinschmuggeln und es beinah lebendig machen.

Beatrice Dörig und Andrea Vogel: Line Goes By, bis 11. Juli.
Do 4. Juli 19 Uhr: Bar on Air
Do 11. Juli 19 Uhr: Finissage

Nextex, Frongartenstrasse 9, St.Gallen

nextex.ch

Erst recht passiert dies auf der riesengrossen schwarzen Fläche im Nebenraum, über die sich ein wildwucherndes Netz von Linien zieht. Milkyway lässt Assoziationen an die Milchstrasse anklingen, doch sind es hier Striche statt Punkte, die das Universum bilden, die sich stellenweise zu undurchdringlichen Flächen verklumpen und dann wieder geordnet und dem Auge nachvollziehbar weiterbewegen.

«Die Linien folgen einander, und ich folge den Linien», sagt Beatrice Dörig. Was am Ende entstehe, darauf habe sie nur teilweise Einfluss. Und nicht leicht zu beantworten sei jeweils die Frage: Wann ist das Bild fertig? Die Linie hat das Zeug zum Nichtendenwollen. Das grossformatige Bild im kleinen Raum ist ein Verführer, man kann sich darin verlieren und wird sich nie sattsehen. Dörigs unspektakuläre und langsame Arbeitsweise ist eine provokative Gegen-Bewegung zum digitalen Beschleunigungsrausch.

Der Geister-Vorhang

So ähnlich wirkt auch die Videoarbeit The Ghost of Alexandria von Andrea Vogel. Der achtzehnminütige Film zeigt einen Vorhang vor offenem Fenster, der wie von Geisterhand im Sturmwind flattert. Gefilmt hat die Künstlerin während eines Gastaufenthalts in Ägypten. Entstanden ist eine Meditation über Bewegung, ein Mantra des Schliessens und Öffnens, das die unendliche Dimension der Tinten-Linien von Beatrice Dörig aufnimmt und weiterschwingen lässt.

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

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