Die Gitter machen klar: Dahinter geschehen wichtige Dinge, da braucht es Schutz. Hinter den Gittern war bis Mitte 2014 das italienische Konsulat einquartiert; hier wurden Pässe ausgestellt oder verweigert, vor den zwei Schaltern stand man Schlange.
Jetzt sind die Gitter weg. Andrea Vogel hat sie kurzerhand abgeschraubt und in den Raum hineingeholt. Aus Gittern sind Sitzgelegenheiten geworden. Grid Goes Seat: Die Künstlerin sieht darin mehr als einen Material-Handgriff. Die Stossrichtung ist politisch. «Häuser hinter Gittern sind mir suspekt», sagt sie. «Reisst die Gitter weg, baut die Mauern ab!»
Allerdings: Angenehm sitzt es sich nicht auf den sorgfältig geschmiedeten und jetzt akkurat geknickten Stangen. Die Einladung ist tückisch, der Komfort täuschend. Auch das könnte, wer wollte, auf die gesellschaftliche Aktualität übertragen: Es gibt, selbst in der von Gittern und Mauern verschonten privilegierten Schweiz, keinen Anlass, es sich bequem zu machen und auf dem Erreichten auszuruhen.
Erst recht hart liegt man im Separée oben. Auch hier reichten einige Handgriffe und die Handwerkerkunst des Sitterwerks, um zwei überhohe Fenstergitter zu verwandeln. Das Resultat hier: ein Gitterbett. Es sieht schön aus und tut weh, wenn man sich drauflegt. So weh wie die Assoziation an Gefängnisschragen oder Stahlfedermatratzen. Das Bett ist zierlich und brutal in einem.
Neben gesellschaftlichen Bezügen interessiert Andrea Vogel auch die Ästhetik der Konstruktion. Die am einen Ort überkreuz und am andern in Schwüngen geschmiedeten Stäbe bilden ein Linienmuster, das über die frühere Funktionalität hinaus ein optisches Eigenleben erhält. «Linien, längs und quer: Das ist die elementarste Form von Design», sagt die Künstlerin.
Unbeirrbare Linien
Die Linienthematik verbindet die beiden Ausstellungsteile im Nextex – geschaffen von zwei Künstlerinnen, die sich gemeinsam ein Atelier in St.Gallen teilen, aber erstmals gemeinsam ausstellen.
«Line Goes By» nennt sich die Schau. Wer sich auf eines der Gittermöbel von Andrea Vogel setzt, kann das Möbiusband, eine liegende Acht bewundern, welches Beatrice Dörig auf die weisse Wand gezeichnet hat und das der Ausstellung den Titel gegeben hat. Das Band schlingt sich um die Ecken, welche Treppenabgang und ehemalige Schalterkuben bilden. Als wäre das alles nichts, steckt es die Störung weg.
So arbeitet auch die Zeichnerin: Linie um Linie, mit ruhiger Hand und feinstem Strich. Unbeirrbar. Und neugierig auf das Eigenleben, das die Striche entwickeln, die feinen Verwerfungen, die sich in das Band hineinschmuggeln und es beinah lebendig machen.
Beatrice Dörig und Andrea Vogel: Line Goes By, bis 11. Juli. Do 4. Juli 19 Uhr: Bar on Air Do 11. Juli 19 Uhr: Finissage
Nextex, Frongartenstrasse 9, St.Gallen
nextex.ch
Erst recht passiert dies auf der riesengrossen schwarzen Fläche im Nebenraum, über die sich ein wildwucherndes Netz von Linien zieht. Milkyway lässt Assoziationen an die Milchstrasse anklingen, doch sind es hier Striche statt Punkte, die das Universum bilden, die sich stellenweise zu undurchdringlichen Flächen verklumpen und dann wieder geordnet und dem Auge nachvollziehbar weiterbewegen.
«Die Linien folgen einander, und ich folge den Linien», sagt Beatrice Dörig. Was am Ende entstehe, darauf habe sie nur teilweise Einfluss. Und nicht leicht zu beantworten sei jeweils die Frage: Wann ist das Bild fertig? Die Linie hat das Zeug zum Nichtendenwollen. Das grossformatige Bild im kleinen Raum ist ein Verführer, man kann sich darin verlieren und wird sich nie sattsehen. Dörigs unspektakuläre und langsame Arbeitsweise ist eine provokative Gegen-Bewegung zum digitalen Beschleunigungsrausch.
Der Geister-Vorhang
So ähnlich wirkt auch die Videoarbeit The Ghost of Alexandria von Andrea Vogel. Der achtzehnminütige Film zeigt einen Vorhang vor offenem Fenster, der wie von Geisterhand im Sturmwind flattert. Gefilmt hat die Künstlerin während eines Gastaufenthalts in Ägypten. Entstanden ist eine Meditation über Bewegung, ein Mantra des Schliessens und Öffnens, das die unendliche Dimension der Tinten-Linien von Beatrice Dörig aufnimmt und weiterschwingen lässt.
Eklig oder Kunst? Güsel oder genial? Im Nextex haben fünf junge Künstlerinnen und Künstler eine carte blanche erhalten. Sie verstehen ihre Arbeiten als Reflexionsangebote.
Die St.Galler Künstlerin Andrea Vogel hat sich in Bronze giessen lassen und speit Wasser. Wir haben mit dem Kunst-Klon gesprochen.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.