Das Schlimmste für mich ist, aufzuwachen und zu sehen, dass meine Stadt von Raketen angegriffen wird. Manchmal wird aber ein solcher Albtraum zur Realität, so auch vor ein paar Wochen. Meine Kolleg:innen sagen, sie würden immer auf meine Kolumnen warten, wüssten aber nie, ob die nächste fröhlich oder traurig sein werde. So sieht das Leben jetzt aus. Zum Frühstück esse ich Gipfeli, während meine Kolleg:innen in der Ukraine einen Kurs in taktischer Medizin besuchen. Eine Studienkollegin zeigte mir kürzlich ein Foto von ihrem Sohn, der in Australien zur Schule geht.
Es war ein schrecklicher Morgen. Ich wachte auf und sah, dass mein News-Feed voller Fotos und Meldungen vom Angriff auf Lviv war.
Wahrscheinlich haben nur wenige von euch erlebt, wie es sich anfühlt, wenn die Heimatstadt bombardiert wird. Ich hätte das auch nicht erleben wollen. Dieses Mal habe ich mich entschieden, es zu teilen.
Nun sitze ich in meinem Zimmer an die Wand gelehnt, mit geschlossenen Augen erinnere ich mich, und ich habe den Eindruck, als würde meine Seele bombardiert, weil ich all die Strassen kenne.
Die Konowalez-Strasse. Meine Lieblingsstrasse. Eine der schönsten Strassen in Lviv, fast im Stadtzentrum. Eine Bushaltestelle von dort entfernt, wo eine Bombe die Häuser zerstörte, steht das Haus meines Grossvaters, in dem ich geboren wurde. Die Entfernung zwischen den Haltestellen beträgt etwa 100 Meter.
Hier ist die wunderschöne Villa Josefina Franz, erbaut im 19. Jahrhundert, mit zerschlagenen Fenstern. Die Gebäude in diesem Gebiet gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Für mich gehört diese Strasse jedoch zu meinem persönlichen Kulturerbe. Hier bin ich aufgewachsen, spazierte, wenn ich allein sein wollte, zum See, hatte Dates, besuchte Rockkonzerte, ging zur Arbeit und war hier, wenn meine Kolleg:innen nach Lviv kamen … Und nun sind die Dächer dieser Häuser zertrümmert. Man zielt direkt aufs Herz.
Eine andere Strasse, Brativ Mikhnovs’kykh. Hier habe ich einst in einem Büro gearbeitet und wollte eine Wohnung mieten, weil sie in der Nähe des Bahnhofs war. Es gibt hier viele Büros, eine kleine Ecke der Moderne, mit Blick auf die gotische Kathedrale der Heiligen Olga und Elizabeth. Die Gebäude werden von Flammen verzehrt.
An dem Tag sass ich sieben Stunden vor dem Bildschirm. Erst als ich meine ganze Familie gehört hatte, insbesondere meine Schwester, konnte ich durchatmen. Ich schrieb und rief alle Freunde und Verwandten an, und so verbrachten wir diesen Tag, indem wir versuchten, einander zu sagen: «Halte durch!»
Und dann geschah etwas Unglaubliches. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in St.Gallen fühlte ich mich nicht einsam. Ich hatte das Gefühl, als würden diese Wände, die mich beschützen, mir Trost spenden und mit mir trauern. Ich trank Wasser in der Bibliothek, sass auf einer Bank im Park. Aber das Wichtigste war, dass ich mich nicht mehr mit meinem Kummer versteckte.
Früher fühlte ich mich so einsam, weil ich nicht wusste, wie ich solche Nachrichten teilen sollte. Ich wollte niemanden betrüben. Die Menschen leben und lächeln und da bin ich mit meinen Bomben. Aber wenn man erzählt, auch vom Krieg, wird die Last des Kummers leichter. An dem Tag riefen mich sogar Freunde aus Deutschland an, die die Nachrichten gelesen hatten. Und es fühlte sich an, als würden wir einander an der Hand halten, wie im Film Avatar.
In Lviv wurden an jenem Tag 188 Gebäude beschädigt, darunter historische Gebäude, Wohnhäuser und Schulen. Doch am allerschlimmsten war es, dass Menschen starben. Diese Kolumne widme ich meiner Heimatstadt, in der die Russen im September 2024 sieben Menschen getötet haben.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Wie es sich anfühlt, nach der Flucht endlich ein neues, eigenes Zuhause beziehen zu können und was das mit dem Film «Die Verurteilten» zu tun hat, schreibt Saiten-Kolumnistin Liliia Matviiv im Sommerheft.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.