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Sieben Leben

Ihre Oktoberkolumne widmet Saiten-Kolumnistin Liliia Matviiv den Menschen in ihrer Heimatstadt Lviv, die Anfang September von Russland bombardiert wurde.
Von  Liliia Matviiv

Das Schlimmste für mich ist, aufzuwachen und zu sehen, dass meine Stadt von Raketen angegriffen wird. Manchmal wird aber ein solcher Albtraum zur Realität, so auch vor ein paar Wochen. Meine Kolleg:innen sagen, sie würden immer auf meine Kolumnen warten, wüssten aber nie, ob die nächste fröhlich oder traurig sein werde. So sieht das Leben jetzt aus. Zum Frühstück esse ich Gipfeli, während meine Kolleg:innen in der Ukraine einen Kurs in taktischer Medizin besuchen. Eine Studienkollegin zeigte mir kürzlich ein Foto von ihrem Sohn, der in Australien zur Schule geht.

Es war ein schrecklicher Morgen. Ich wachte auf und sah, dass mein News-Feed voller Fotos und Meldungen vom Angriff auf Lviv war.

Wahrscheinlich haben nur wenige von euch erlebt, wie es sich anfühlt, wenn die Heimatstadt bombardiert wird. Ich hätte das auch nicht erleben wollen. Dieses Mal habe ich mich entschieden, es zu teilen.

Nun sitze ich in meinem Zimmer an die Wand gelehnt, mit geschlossenen Augen erinnere ich mich, und ich habe den Eindruck, als würde meine Seele bombardiert, weil ich all die Strassen kenne.

Die Konowalez-Strasse. Meine Lieblingsstrasse. Eine der schönsten Strassen in Lviv, fast im Stadtzentrum. Eine Bushaltestelle von dort entfernt, wo eine Bombe die Häuser zerstörte, steht das Haus meines Grossvaters, in dem ich geboren wurde. Die Entfernung zwischen den Haltestellen beträgt etwa 100 Meter.

Hier ist die wunderschöne Villa Josefina Franz, erbaut im 19. Jahrhundert, mit zerschlagenen Fenstern. Die Gebäude in diesem Gebiet gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Für mich gehört diese Strasse jedoch zu meinem persönlichen Kulturerbe. Hier bin ich aufgewachsen, spazierte, wenn ich allein sein wollte, zum See, hatte Dates, besuchte Rockkonzerte, ging zur Arbeit und war hier, wenn meine Kolleg:innen nach Lviv kamen … Und nun sind die Dächer dieser Häuser zertrümmert. Man zielt direkt aufs Herz.

Eine andere Strasse, Brativ Mikhnovs’kykh. Hier habe ich einst in einem Büro gearbeitet und wollte eine Wohnung mieten, weil sie in der Nähe des Bahnhofs war. Es gibt hier viele Büros, eine kleine Ecke der Moderne, mit Blick auf die gotische Kathedrale der Heiligen Olga und Elizabeth. Die Gebäude werden von Flammen verzehrt.

An dem Tag sass ich sieben Stunden vor dem Bildschirm. Erst als ich meine ganze Familie gehört hatte, insbesondere meine Schwester, konnte ich durchatmen. Ich schrieb und rief alle Freunde und Verwandten an, und so verbrachten wir diesen Tag, indem wir versuchten, einander zu sagen: «Halte durch!»

Und dann geschah etwas Unglaubliches. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in St.Gallen fühlte ich mich nicht einsam. Ich hatte das Gefühl, als würden diese Wände, die mich beschützen, mir Trost spenden und mit mir trauern. Ich trank Wasser in der Bibliothek, sass auf einer Bank im Park. Aber das Wichtigste war, dass ich mich nicht mehr mit meinem Kummer versteckte.

Früher fühlte ich mich so einsam, weil ich nicht wusste, wie ich solche Nachrichten teilen sollte. Ich wollte niemanden betrüben. Die Menschen leben und lächeln und da bin ich mit meinen Bomben. Aber wenn man erzählt, auch vom Krieg, wird die Last des Kummers leichter. An dem Tag riefen mich sogar Freunde aus Deutschland an, die die Nachrichten gelesen hatten. Und es fühlte sich an, als würden wir einander an der Hand halten, wie im Film Avatar.

In Lviv wurden an jenem Tag 188 Gebäude beschädigt, darunter historische Gebäude, Wohnhäuser und Schulen. Doch am allerschlimmsten war es, dass Menschen starben. Diese Kolumne widme ich meiner Heimatstadt, in der die Russen im September 2024 sieben Menschen getötet haben.

 

Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.

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