Ahh wie? Ahh wa! ist ein Projekt von Jürg «Odi» Odermatt (Texte, Gesang) und Martin «Fisch» Fischer (Musik). Die beiden stehen mitunter bei Papst & Abstinenzler schon länger zusammen auf der Bühne, und als während Corona die Bühnen gesperrt waren, werkelte Fisch im Kellerstudio an neuen Tracks und schickte diese Odi, dem die Texte dazu wie von selbst aus den kurzen Ärmeln seines Sommershirts purzelten.
Ahh wa!: Mir trülled im Chreis
Erscheint als Album-Fanzine inkl. Download-Code am 23. Juni
CD-Taufe: 24. Juni 20 Uhr Oxyd Winterthur
ahhwa.bandcamp.com
Bald hätte das Duo bereits genug Material für ein Vinyl-Doppelalbum gehabt, entschied sich aber aufgrund der langen Lieferfristen dazu, das Album auf andere Weise zu veröffentlichen: Nämlich in Form eines Fanzines/Booklet, welches neben den Songtexten verschiedene Texte und Illustrationen von Freund:innen der Band versammelt. «DIY 2.0» nennt Elektro Müller – Texter und «Müssiggangster» aus Düsseldorf – dieses Verfahren in seinem Vorwort zum Booklet.
«Wer Cringe ist, ist auch frei» (DJ Scusi)
Bereits bei den ersten Songs wird klar, dass hier Musiker am Werk sind, die niemandem etwas beweisen müssen, und sich auch nicht darum bemühen, irgendwelchen Trends zu genügen. Musikalisch sind Bezüge zum Post-Punk, New Wave und Elektropop der 1980er erkennbar, in der Nummer Geischterbahn etwa scheint der Geist von Alan Vega sein Unwesen zu treiben, und Alles mo use könnte auch von Boris Blank produziert sein.
Insgesamt navigieren die zweiundzwanzig Tracks versiert durch die Popgeschichte, um mal Elemente des Oldschool Rap, des Synthwave oder der Dance-Music der späten 1990er aufzunehmen. Auch Sounds aus der Popgegenwart finden Einzug in die Produktion, was so etwas wie einen positiven Cringe-Moment erzeugt: Ahh wa! ist Cringe, und weiss es, und singt dazu: «Mir mached Sache / Wel mers chönd / Wel mers chönd / Nid wel mer mönd / Wel mers chönd.»
Aberwitz und Yoga-House
Auf textlicher Ebene passiert einiges bei Ahh wa!, was es schwierig macht, Musik und Booklet sich gleichzeitig zu Gemüte zu führen. Wenn Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1835 in seinen Ästhetik-Vorlesungen von der Italienischen Oper schwärmte, welche mit wenig Text viel Platz für Melodien liess, so sind Odis assoziativen und dichten Songtexte so ziemlich die Antithese dazu. Teils scheinen diese Texte etwas zu viel Raum einzunehmen, und verdecken mit etwas gar viel Inhalt die Musik.
In anderen Momenten aber gelingt die Verbindung von Text und Musik sehr gut, etwa wenn zu einer funky Yacht-Rock-Bassline im Refrain «Fang äntli aa riich sii!» gesungen wird, oder zu einem Yoga-House-Track «Alles wird sowieso guet» und «Mir sind egal» erklingt. Dann kippt die Teils zynische und ironische Grundstimmung ins Aberwitzige und lässt an den Schalk von Bands wie Der Plan oder Karl Kave & Blanche Biau denken.
Booklet, Fanzine, Magazin?
Im ersten Moment mag es etwas egomanisch oder gar aufdringlich erscheinen, wenn eine Band rund zwanzig Songs an je eine:n Texter:in und eine:n Illustrator:in sendet und um einen Beitrag dazu bittet. Es könnte auch eine billige Masche sein, um mehr Aufmerksamkeit für eine Produktion zu bekommen, zumal einige der Beiträge von nicht ganz unbekannten Menschen verfasst oder gezeichnet sind.
Beim Durchblättern des Booklets erweisen sich diese Befürchtungen erfreulicherweise als unbegründet. Vielmehr zeigt sich darin, dass Musik eben nicht nur von einzelnen Personen auf einer Bühne gemacht wird, sondern genauso vom Austausch über die Genre- und Spartengrenzen hinaus lebt. Das es um Freundschaften geht, um Begegnungen, und um einen gesellschaftlichen Diskurs.
Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf die einzelnen Beiträge einzugehen, aber im Allgemeinen zeigt sich sehr schön, wie unterschiedliche Medien und Sprachen sich zueinander verhalten können, und wie jedes Lied eben für jede Person etwas anderes ausdrücken kann. Vielleicht ist das ja auch eine Lehre aus der Pandemie; das uns allen bewusst wurde, wie sehr wir einander und den Austausch brauchen, und gleichzeitig, dass dieser Austausch auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfinden kann.
Aber s isch guet do
Um nochmals auf die Musik zurückzukommen, lässt sich hier vielleicht die Brücke zum starken Finale des Albums spannen. Mir läbed we Mänsche verbindet einen ebenso minimalistischen wie eingängigen Trip-Hop-Beat mit einem Text, der sich um die Verschmelzung von Mensch und Maschine dreht, und dann zum nächsten Track Mir schwäbed im All überleitet, in dem der Wandel des Weltalls als Sehnsuchtsort der Krautrockgeneration bis hin zur Hybris neoliberaler Techgiganten anklingt.
Hier wird es kryptisch, und doch scheint eine gewisse Empathie durchzudringen. Eindringlich dann auch die letzten Stücke S lauft rückwärts und versöhnlich Aber s isch guet do mit Piano und Trompete. Auch das eine erfreuliche Überraschung, denn wer bei einem Album mit zweiundzwanzig Songs die besten Stücke für den Schluss aufspart, der traut seiner Hörerschaft nicht nur Neugier sondern auch Ausdauer zu.
Kunstausstellung
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