Als «Befreiungsschlag» sieht Michael Lünstroth, Redaktor der Plattform thurgaukultur.ch, die Neuausrichtung der Stiftung. Von einer «Gemüseshow» spricht dagegen Jochen Kelter, Autor und früherer Stiftungsrat der Kulturstiftung. Das Projekt «Ratartouille», ins Leben gerufen zum 30-Jahr-Jubiläum der Stiftung, ist kontrovers – und das soll es nach dem Willen der Stiftung auch sein.
Wobei: Ein Projekt ist «Ratartouille» noch nicht. Es ist eine Ausschreibung, ein Ideenwettbewerb für ein neues Veranstaltungsformat im Thurgau. Lanciert im November, können sich Institutionen und Kulturschaffende bis zum 25. Februar bewerben. Einige Eingaben gebe es schon, noch nicht viele – doch wenn es zehn wären, hätte man schon eine gute Auswahl, und fünfzig: Damit sei im kleinen Kanton Thurgau eher nicht zu rechnen, sagt Stefan Wagner, seit Ende 2019 neuer Geschäftsführer der Stiftung und Küchenmeister von Ratartouille.
Das Publikum entscheidet mit
Die Kriterien seien bewusst offen gehalten. Das neue Format soll spartenübergreifend sein, es soll Akteur*innen und Publikum vernetzen, es soll innovativ und experimentell sein. Vorbilder könnten das Festival KlangMoorSchopfe in Gais sein, oder auch die Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde. Allerdings will sich Wagner nicht an Vorbildern orientieren, sondern hofft auf Visionen im interdisziplinären Neuland.
Als Versuch versteht sich die Ausschreibung selber, nicht zuletzt darin, dass sie das Publikum in die Entscheidung mit einbezieht. Eine erste Auswahl trifft eine Fachjury (mit drei Mitgliedern des Stiftungsrats, Geschäftsführer Stefan Wagner und der in Basel tätigen Innerrrhoder Kulturwissenschafterin Theres Inauen als aussenstehender Expertin). Die definitive Wahl fällt dann an einer Publikumsveranstaltung im Juni. «Damit wollen wir Kulturförderung zu einer öffentlich diskutierten Sache machen», sagt Wagner.
Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau verfügt über ein Jahresbudget von 1,1 Millionen Franken. Rund ein Viertel dieses Betrags fliesst in wiederkehrende Beiträge an Institutionen (Haus zur Glocke Steckborn, thurgaukultur.ch und andere). Die freien Mittel setzt die Stiftung für Kulturprojekte oder Werkbeiträge für professionelle Kulturschaffende ein, ergänzend zum Amt für Kultur des Kantons. Die Stiftung finanziert sich durch Beiträge aus dem Lotteriefonds. Auf ihrer Website listet die Stiftung alle Förderbeiträge auf.
kulturstiftung.ch
Offen – beziehungsweise gezielt offengelassen, wie Wagner erklärt – sind aber auch noch finanzielle Fragen. Die maximal drei in die Endrunde gewählten Konzepte werden mit je 5000 Franken honoriert, das Siegerprojekt wird mit 100’000 Franken ausgestattet. Tönt nach viel, ist aber für ein Festival höchstens ein Startkapital oder die Basis für eine einmalige Durchführung. Ob Ratartouille Jahr für Jahr neu ausgeschrieben wird oder ein überzeugendes neues Format längerfristig mitgetragen wird: Darüber müsse der Stiftungsrat dann entscheiden, wenn die Vorschläge auf dem Tisch seien.
Wagner ist realistisch: Mit 100’000 Franken lässt sich kein «Blingbling» finanzieren, kein Leuchtturm – doch das sei auch nicht sein Ziel. Im Gegenteil versuche die Stiftung mit der Neuausrichtung «back to the roots» zu gehen, zu den Kulturschaffenden und ihren Visionen. Und zum Gründungsgedanken der Stiftung: das professionelle zeitgenössische Kulturschaffen zu fördern und eigene Projekte zu initiieren.
Aus für Lyrik-, Tanz- und Kunst-Festivals
Mehr Geld hat die Stiftung für ihre Neuausrichtung allerdings nicht zur Verfügung. Sie sei «strukturell unterfinanziert», bedauert Wagner – und vergleicht das knappe Budget der Stiftung mit den rund 44 Millionen Franken, mit dem der Thurgauer Lotteriefonds ausgestattet ist (was nicht ohne Kritik blieb).
Das Nachsehen haben andere, früher von der Stiftung mit-initiierte Projekte. Die alle drei Jahre stattfindende Werkschau der Bildenden Kunst, das Festival «tanz:now» im Phönixtheater Steckborn und die Lyriktage Frauenfeld müssen über die Klinge springen.
Schluss mit Förderung: Die Frauenfelder Lyriktage 2019 mit Christian Uetz (oben), die Werkschau 2019 und tanz:now 2019 mit Cie Linga. (Bilder: Kulturstiftung/pd)
Bei allen drei Veranstaltungen hätte es einigen Reformbedarf gegeben, ergab eine Studie, die die Stiftung erstellen liess. Zudem sei eine Dauerfinanzierung von Anlässen und Institutionen eigentlich Sache der kantonalen Kulturförderung und nicht der Stiftung, ergänzt Wagner. Im Stiftungsrat fiel daher der Entscheid, das Geld in einen Neuanlauf zu stecken.
Kritik von Autorenseite
Das neue Format sei «populistisch und pseudodemokratisch», kritisiert Autor Jochen Kelter: eine «Gemüseshow» statt Unterstützung für die Kunstschaffenden selber. «Überall wird auf Spektakel und Performance abgehoben, nicht aber auf die Schöpfung und Entstehen von neuen Kunstwerken aller Art.» Die Streichung der Lyriktage, die Kelter mitbegründet hat, sei «in einer Zeit, in der es seriöse Literatur und vorab Gedichte schwer haben, ein fatales Zeichen».
Skeptisch zur Forderung nach Interdisziplinarität äussert sich in einem Kommentar auf thurgaukultur.ch auch der Autor Peter Stamm. «Wir Kulturschaffenden sind hochspezialisierte Experten für Musik, für Texte, für Bilder, Filme, Tanz. Manchmal arbeiten wir interdisziplinär, manchmal nicht, es gibt für beides gute Gründe und den richtigen Moment. Wenn eine Förderung die Interdisziplinarität zur Bedingung macht, besteht die Gefahr, dass Kulturschaffende aus purer Not Projekte eingeben, von denen sie eigentlich wissen, dass sie zu nichts führen, nur weil sie den Vorgaben entsprechen», befürchtet Stamm.
Kollektiv statt Einsiedelei
«Nichts ist für das Kulturleben so tödlich wie einsame Einsiedelei und satter Stillstand», lobt dagegen Michael Lünstroth auf thurgaukultur.ch den Entscheid. Ratartouille sprenge die Ruhe und reagiere auf den gesellschaftlichen Wandel. «Statt Angst vor dem Publikum, statt einer resignativen Verzagtheit angesicht einer bevorstehenden Mehrheitsentscheidung sollten die Kulturschaffenden das Projekt vor allem als Chance begreifen, gemeinsam im Kollektiv etwas Grosses zu schaffen.»
Die «Pseudodemokratie»-Kritik lässt auch Stefan Wagner nicht gelten. Er traut vielmehr dem Publikum eine eigene Meinung zu. Kulturförderung beziehe ihre Legitimation zwar nicht ausschliesslich, aber auch daraus, dass die geförderte Kultur ein Publikum erreiche. Dessen Ansprüche wolle man ernst nehmen, ohne deswegen «populistisch» zu werden.
Was den Verzicht auf die bisher dreimal ausgetragene Werkschau, auf die Lyriktage (gegründet 1991) oder das Festival «tanz:now» (seit 2005) betrifft, erinnert Wagner an andere, neue Kultur-Bestrebungen, etwa das «Haus zur Glocke» in Steckborn, die Literaturtage Arbon, das Kult-X in Kreuzlingen und viele andere: «Das Kulturleben im Thurgau ist auf einem guten Level, und es tauchen neue Initiativen auf.»
Zudem werde das Geld der Stiftung auch mit der Neuausrichtung direkt dem Kulturschaffen zugutekommen und nicht in irgendwelche Marketing-Töpfe fliessen. Und für die unmittelbare Förderung der Kreation gebe es die Förderbeiträge des Kantons (sechs pro Jahr, grosszügig mit je 25’000 Franken dotiert) oder die als rasche Reaktion auf die Coronakrise geschaffenen und jetzt zum zweiten Mal ausgeschriebenen Recherchestipendien der Kulturstiftung (mehr dazu hier).
Geld für Kulturjournalismus?
Kritiker Kelter bringt noch eine andere Überlegung ins Spiel: Die Hälfte des freiwerdenden Betrags, 50’000 Franken solle die Stiftung in die Finanzierung einer neuen Kulturredaktions-Stelle beim «Tagblatt» beziehungsweise der «Thurgauer Zeitung» stecken. Die Kulturberichterstattung der Tageszeitung sei ausgedünnt und unsystematisch, und es fehlten die für die Nachhaltigkeit des Kulturlebens unverzichtbaren Rezensionen.
Stefan Wagner erinnert (wie Kelter selber auch) daran, dass thurgaukultur.ch und Saiten diese Lücke zum Teil füllten. Die Stiftung finanziert bereits die Plattform thurgaukultur mit – dennoch gäbe es in Sachen Kulturberichterstattung sicher Handlungsbedarf. Mit Ratartouille leiste die Stiftung jedoch einen anderen Beitrag in Sachen Öffentlichkeit: «Teilhabe, dieses schöne grosse Wort, nehmen wir mit dem neuen Projekt ernst, indem wir die Leute mitdenken und mitentscheiden lassen über die Ausrichtung der Kulturförderung.»
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