Am Anfang war das Wort. Wobei: Es war eigentlich nicht nur ein Wort, sondern es waren eher ein paar Worte, und die auch noch unbedacht ausgesprochen: «Was ich hier nicht vorfinde, muss ich dann halt selber machen. Das war meine Ansage, als ich vor über 30 Jahren nach Genf, Berlin, München wieder in die Ostschweiz und ins Eisenwerk nach Frauenfeld kam», erinnert sich der Dichter und Verleger Beat Brechbühl. Etwas, das er nicht vorfand, war – unter anderem – eine lebendige Lyrik-Szene. «Es gab zwar Lyrikerinnen und Lyriker, aber keine Veranstaltung oder Szene, an der und durch die wir unsere moderne Lyrik zeigen konnten», blickt Brechbühl zurück.
Beat Brechbühl im Eisenwerk. (Bild: Sascha Erni)
Also initiierte er ein eigenes Festival. Gemeinsam mit seinem Dichterkollegen Jochen Kelter und Elke Bergmann gründete er die Lyriktage Frauenfeld. 1991 lief das Festival zum ersten Mal. Der Anspruch dahinter war hoch: «Wir wollten die besten Lyrikerinnen und Lyriker aus dem deutschen Sprachgebiet präsentieren und dazu jeweils einen bekannten internationalen Gast aus dem fernen Osten und aus Amerika», beschreibt Brechbühl den Vorsatz seiner Lyriktage. «Wir wollten der Lyrik eine Bühne schaffen im Thurgau», ergänzt Jochen Kelter. Hilfe kam dabei von der damals frisch gegründeten Kulturstiftung des Kantons. Sie unterstützte das Vorhaben finanziell und machte die Umsetzung der Ideen von Brechbühl, Bergmann und Kelter erst möglich.
In den Anfängen schweizweit einzigartig
Das Konzept ging auf, wie ein Blick auf die Liste der Dichterinnen und Dichter zeigt, die in den vergangenen Jahren nach Frauenfeld kamen: Ernst Jandl, Les Murray, Arno Camenisch, Karin Kiwus, Christoph Meckel, Maureen Duffy, Izet Sarajilic, Raschid Boudjera – die Stars der damaligen Lyrikszene gaben sich die Klinke in die Hand. «Das hing natürlich auch damit zusammen, dass die Frauenfelder Lyriktage die einzige Veranstaltung ihrer Art in der Schweiz waren. Heute gibt es Festivals wie Sand am Meer in jedem Kaff», erklärt Jochen Kelter. Der Aufwand, der betrieben wurde, war gross: «Es mussten Übersetzungen angefertigt werden, die, wenn es bisher keine deutschen Übersetzungen gab, auch schon mal als Bändchen im Waldgut Verlag erschienen», erinnert sich der heute in Ermatingen lebende Kelter.
Kelter und Brechbühl leiteten die Lyriktage bis 2005: «Wir wollten das Festival nach so vielen erfolgreichen Jahren ab- und vor allem weitergeben», sagt Beat Brechbühl. Schon da waren die Lyriktage nicht mehr ganz so einzigartig wie am Anfang, es gab längst etliche andere Lyrikfestivals. Wechselnde Gastkuratoren übernahmen die Leitung, nicht immer zum Vorteil der Lyriktage. Sie verloren ein bisschen ihr klares Profil, der Ruf litt.
«Selbstverständlich haben unsere Nachfolger und Nachfolgerinnen andere Prioritäten und Methoden; diese gut oder anders zu finden, steht mir nicht an. Ich fand es nur schade, dass ich als ganz normaler Literaturfreund an die Samstagabend-Lesungen ging, damit eine Person mehr im Publikum sass», sagt Beat Brechbühl. Sein Kollege Kelter ist da weniger diplomatisch. Er sagt, er sei nicht zufrieden «mit dem, was aus den Lyriktagen geworden ist». Durch die Beschränkung auf Schweizer und deutschsprachige Autoren und Autorinnen habe man sich ohne Not zur einer rein regionalen Veranstaltung herunter gestuft.
Eine Festivalhomepage gibt es erst seit 2019
Man kann das so sehen. Aber andererseits: Was sollten die Veranstalter machen? Sie mussten auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren. Das ganze Festival wirkte bisweilen in die Jahre gekommen. Symptomatisch dafür: Erst seit diesem Jahr haben die Lyriktage eine eigene Festivalhomepage. Vorher hielt man das offenbar nicht für notwendig.
15. Frauenfelder Lyriktage 13. bis 15. September, Eisenwerk Frauenfeld
lyriktage.ch
Seit 2017 kuratiert nun die Literaturvermittlerin Anna Kulp das Festival. Gemeinsam mit Gioia Dal Molin, Beauftragte der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, hat sie das Programm geöffnet, den Blick geweitet und Raum für frische Ideen geschaffen. Neue Formate finden jetzt ihren Platz, es gibt Lesungen in Schulen und die Offenheit für andere künstlerische Disziplinen ist gewachsen. In diesem Jahr beispielsweise durch die bildende Künstlerin Nicole Bachmann. Sie ist am Samstag mit einer Performance im Programm vertreten: «Wie Gedichte unseren Verstand übersteigen und unser Herz herausfordern, wird es auch hier darum gehen, sich einfach darauf einzulassen», schreibt sie im Programmheft des Festivals.
Thurgauer Heimspiel für Grand-Prix-Gewinnerin Zsuzsanna Gahse.
Auch sonst kann sich das Programm in diesem Jahr sehr sehen lassen: Die in diesem Jahr mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnete Zsuzsanna Gahse ist dabei, mit Jürg Halter kommt einer der Pioniere der deutschsprachigen Spoken-Word-Bewegung. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung kürte seinen Gedichtband Wir fürchten das Ende der Musik 2015 zu einem der besten Gedichtbände des Jahres. Auch sein Romandebüt Erwachen im 21. Jahrhundert aus dem vergangenen Jahr wurde von der Kritik gelobt. Anja Kampmann arbeitet ebenfalls zwischen Prosa und Poesie. Ihr Roman Wie hoch die Wasser steigen war im vergangenen Jahr für den Leipziger Buchpreis nominiert, ihr erster Gedichtband Proben von Stein und Licht ist 2016 in der Edition Lyrik Kabinett im Hanser-Verlag erschienen. Der gebürtige Thurgauer Christian Uetz kommt mit seinem Gedichtband Engel der Illusion. Und, als wollte man die Kritik des Festivalgründers Jochen Kelter konterkarieren, kommt mit dem Schotten John Burnside und der in Moskau geborenen Marina Skalova auch internationales Flair ins Eisenwerk.
Neben den Lesungen soll an allen drei Festivaltagen auch Platz für Gespräche und Diskussionen bleiben. Die Lyrikerinnen und Lyriker werden mehrmals in unterschiedlichen Formationen auftreten. Auch Beat Brechbühl bekommt in diesem Jahr, am Freitagabend, nochmal die Bühne der Lyriktage: «Es ist das 15. Festival, Beat ist in diesem Jahr 80 geworden, da fanden wir es nur angemessen, dass wir ihn hier würdigen», sagt Gioia Dal Molin von der Kulturstiftung.
Dieser Beitrag erschien auf thurgaukultur.ch.
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