Harry Rosenbaum, 23. August 2021 um 20:33 Uhr Lieber Herr Weber Ich möchte Sie bitten, meinen ersten Kommentar zu dem Interview mit dem Flüchtling aus Afghanistan seriös durchzulesen. Mit dem Inhalt des Interviews habe ich mich überhaupt nicht auseinandergesetzt, sondern die Opfersymmetrie der industriell arbeitenden Empörungsmedien kritisiert und bemängelt, dass zu Afghanistan nicht die richtigen Fragen gestellt werden. In diesem Zusammenhang habe ich einen Link gepostet, zu einem Beitrag auf dem Onlineportal "Infosperber", wo meiner Meinung nach die richtigen Fragen zu diesem seit Jahrhunderten von fremden Mächten geschundenen Land gestellt werden. Leider lassen sich diese Verbrechen in ihrer schrecklichen Tragweite nicht über einzelne Interviews mit Opfern verdeutlichen. Es besteht sogar die Gefahr, dass über die Darstellung von Opferschicksalen ein gewisses voyeuristisches Verlangen in der westlichen Wohlstands- und Langeweile-Gesellschaft bedient wird. In meinem zweiten Kommentar habe ich versucht, darzustellen wie die Empörungsmedien funktionieren. Schliesslich war ich selbst 42 Jahre lang News-Journalist und habe da zur Genüge meine Erfahrungen gemacht. Den industriell arbeitenden Empörungsmedien geht es nie um Menschenrechte, Freiheit und Demokratie, sondern immer nur um Auflage, Einschaltquoten und Klicks - zu guter Letzt nur um Kohle. Ich behaupte an dieser Stelle, dass die Empörungsmedien ein grosses Interesse an Kriegen und dem Kriegselend der betroffenen Zivilbevölkerungen haben. Ich hoffe, lieber Herr Weber, Sie haben jetzt verstanden.
Herbert Weber, 23. August 2021 um 18:34 Uhr Hoi Moderation, hier noch ein Nachtrag zu obigem Leserbrief: Ja und weiter oben könnte noch stehen: Was weiss ein Afghane schon von seinem Land, ruft einfach mal seine Verwandten an, geht ja gar nicht. Und betreffend wer Schuld an allem hat? Die "Gutmenschen" waren wohl eher gegen den war on terror. Wahrscheinlich genau wie sie.
Herbert Weber, 23. August 2021 um 18:11 Uhr Liebe Herren Hug und Rosenbaum Ihr schreibt viel und mit Bezügen, das liest sich dann intelligent und stringent und man denkt wow, Klug gedacht und nicht einfach so ein bisschen Herzdaher. Aber hey, vieles was ihr beschreibt wird im Interview gar nicht erwähnt, Herr Hakimi hat Angst um seine Familie und um seine Freunde. Und da kommen sie mit Fragen, oder beinahe Unterstellungen wie, was sind das für Leute, die da fliehen wollen und ihr Geld retten möchten. Ganz viele Fragen stellen, ja, unbedingt, aber ihre Polemik scheint mir doch ein wenig über den Husch geschnauft. Und Gutmensch, echt jetzt, Blocherspeech, sehr schwierig.
Harry Rosenbaum, 21. August 2021 um 10:29 Uhr Lieber Michael Hug Vielen Dank für deine wirklich in der Sache kompetente und vom menschlichen und politischen Standpunkt reflektierte Antwort. Die anderen Reaktionen auf meinen Beitrag sind - es tut mir leide, das so sagen zu müssen - Humanitätsduselei. Eine infantile Reaktion auf Bilder, Fragmente von Informationen und auf effektvoll zusammengeschnipselte Aussagen von (angeblichen) Zeugen der Ereignisse. Hier zwei Beispiele wie das funktioniert: Einmarsch der Irakis in Kuwait. Ein TV-Interview eines US-Senders, das um Die Welt geht. Eine junge Frau erzählt wie sie erlebt hat als irakische Soldaten die Geburtenabteilung in einem Spital stürmten, die Babys aus den Brutkästen zerrten und an den Wänden totschlugen. Ein paar Wochen später haben wirklich recherchierende Journalist*innen herausgefunden, dass die junge Frau die Tochter eines Angestellten der kuwaitischen Botschaft in Washington war. Sie ist ihr Leben lang nie in Kuwait gewesen und wurde für das TV-Interview von einer darauf spezialisierten PR-Agentur präpariert. Das andere Beispiel: Der deutsche Journalist Georg Laschen wird in den Libanon geschickt, um über den Bürgerkrieg zu berichten. Er beginnt rasch an seinem Beruf zu zweifeln, weil er sieht wie der Krieg mit den entsprechend arrangierten Bildern medial gewinnversprechend verkauft wird. Darüber schreibt er einen Roman. Der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff hat ihn 1981 unter dem Titel "Die Fälschung" verfilmt. Wie die Medien funktionieren, um ein Massenpublikum zu manipulieren und auszubeuten, weiss ich aus eigener Erfahrung. Ich war 42 Jahre lang News-Journalist u.a. für die Nachrichtenagentur The Associated Press (AP) und den SonntagsBlick. Was mich betroffen macht, das jetzt sogenannte Gutmenschen durch die entsprechende mediale Bearbeitung über die aktuellen Ereignisse in Afghanistan in helle Empörung ausbrechen. Ich frage mich, warum sich diese Gutmenschen nicht schon 2001 in gleichem Masse empörten, als die USA und ihre Natoverbündeten in Afghanistan einmarschiert sind, unter der für die Öffentlichkeit bestimmten Rechtfertigung, in dem Land seien die Anschläge des 9/11 ausgeheckt worden, was bis heute unbewiesen geblieben ist. Und wenn es wirklich so gewesen wäre, hätte man die Verantwortlichen für das Verbrechen mit einer gut organisierten Polizeiaktion dingfest machen können. Aber nein, ein 40-Millionen-Volk musste in einen Krieg hineingezogen werden, der Hunderttausenden das Leben gekostet hat und Millionen von Existenzen ruinierte. Und warum haben sich die Gutmenschen nicht in gleichem Masse wie heute über die unzähligen Drohnen-Morde der Amis in Afghanistan empört, denen meistens unbeteiligte Zivilisten (Kinder, Hochzeitsgesellschaften, Spitalpatienten etc.) zum Opfer gefallen sind und nicht die gejagten Terroristenführer. Die Leitmedien interessiert dieser Fakt wenig, weil man daraus keinen Hype machen kann, mit dem sich ein Massenpublikum in Fortsetzungsfolge immer mehr aufheizen lässt. Irgendwann aber ist die Sache medial ausgelutscht und dann kann man sich wieder den Staatsführungen in Kuba, Venezuela, Belarus, Iran und Nordkorea widmen, wo angeblich der nackte Terror herrscht. Auch die Bad Guys Putin und Xi Jinping, die angeblich den Weltfrieden bedrohen, müssen wieder irgendwann ins Rampenlicht treten, damit sie nicht plötzlich vergessen gehen, sonst funktioniert die Spirale der medialen Horrormeldung nicht mehr. Der verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr hat einmal sehr treffend formuliert, worum es bei der Aussenpolitik wirklich geht: Nicht um Demokratie, Menschenrechte und Freiheit, sondern allein um Staatsinteressen. - Das sollte sich auch das Medienpublikum merken. - Diese Denkart fördert das Bewusstsein und nicht Emotionen.
Michael Hug, 20. August 2021 um 13:56 Uhr «Da erzählt ein geflüchteter Afghane, was wirklich in Afghanistan geschieht...» - nunja, der Mann ist vor einiger Zeit geflohen und weiss heute etwa soviel wie wir. Wir sehen die Bilder auch und hören die von Europa aus zusammengedichteten Kommentare in den Medien. Noch ist keine/r da unten gewesen und hat berichtet, was jetzt, also gar jetzt/heute passiert. Wir sehen Bilder von aufgebrachten Menschen - doch was sind das für Menschen? Was haben sie für Beweggründe? Sind es gar am Ende Meute aus der Elite, die in 20 Jahren US-Militär- und Zivilhilfe mehr als genug profitiert haben und nun um ihr Leben (und ihr Geld) fürchten müssen? 2'250 Milliarden US$ haben die Amis in 20 Jahren runtergeschickt - was ist davoon beim Volk angekommen? Das Land müsste steinreich sein. Nichts davon hat das Volk gesehen, es ist alles bei den Warlords, den Eliten, Beamten und solche die sich dafür halten, bei der Mafia und den Beteiligten der Drogenwirtschaft hängengeblieben. Wer es genauer wissen will, höre/lese die Kommentare der Journalisten, Etnologen und Experten, die das Land in den vergangenen 20 Jahren besucht und erforscht haben. Z.B. Ulrich Tilgner gestern abend im SRF.
Heidi Steiner, 20. August 2021 um 11:56 Uhr Guter Harry nur ein herzloser Mann kann jetzt so einen Besserwisser- Fragekatalog verbreiten. Da erzählt ein geflüchteter Afghane, was wirklich in Afghanistan geschieht und da schreibt dieser Rosenbaum- Mann von Mainstream-Medien... Was die Familien brauchen ist keine Dissertation, sondern konkrete Hilfe. Heidi S.
Bianca A, 19. August 2021 um 15:01 Uhr Jemand aus Afghanistan berichtet, dass die Taliban die Menschen unterdrücken und Sie hinterfragen das Narrativ? Im Moment geht es einfach darum Menschen Schutz zu bieten, die flüchten. Wer Schuld am Krieg ist, wie es weiter geht, kann niemand im Moment beantworten.
Harry Rosenbaum, 18. August 2021 um 17:21 Uhr Einfach die "Opfersymmetrie" der Mainstream-Medien in der Afghanistanfrage zu adaptieren, weil es gerade ein Hype ist, erweckt den Eindruck: "Wir sind die Besser-Menschen". Besonders bemühend ist es, wenn auch noch die zur Zeit völlig unbestätigten Schreckens-Projektionen der Indoktrinations-Medien übernommen werden. Viel aufschlussreicher wäre es doch gerade jetzt zum Afghanistan-Konflikt mal die richtigen Fragen zu stellen: "Wer hat diesen verbrecherischen Krieg überhaupt begonnen und warum? Wer ist in diesem Zusammenhang für die Opfer verantwortlich? Wer sind heute die Taliban - immer noch die "bad guys" aus den 1990er Jahren? Stimmt das westliche Narrativ, dass die Talibans militante Islamisten sind, welche die ganze Welt terrorisieren wollen oder sind es nur Leute mit konservativen paschtunischen Wertvorstellungen und genau so gearteten Koranauslegungen, die in ihrem Gebirgsland keine Fremdherrschaft dulden? Hier der Link zu einem Artikel im Infosperber, der aus politischer Sicht wirklich Sinn macht: https://www.infosperber.ch/politik/welt/die-illusion-von-der-einzigen-weltmacht-usa-ist-geplatzt/