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Wellness mit Caesar

Das Theater St.Gallen eröffnet die Opernsaison im Provisorium mit Händels «Giulio Cesare in Egitto». Solisten und Orchester brillieren, die Inszenierung ist einfallsreich, aber harmlos. Der geschichtliche Hintergrund bleibt Dekoration. Am Samstag war Premiere.
Von  Peter Surber , 
Selfie mit Elefant: die Schlussszene der Oper. (Bilder: Iko Freese)

Caesar ist masslos verliebt in die schöne Kleopatra, die ihm gerade mit ihrer berühmten Perlenarie  (V’adoro pupille) endgültig den Kopf verdreht hat. Aber erstmal muss der Dreck des Krieges weg. Die Badewanne, natürlich in Gold, steht parat, Frottiertuch, Bürste, Schwamm und Schaumbad greifen im Takt der Musik ein, und schon sprudeln dem Herrscher der Welt die Koloraturen in Se in fiorito ameno prato so locker über die Lippen, als hätte Händel das Stück selber im Bademantel komponiert.

Barockmusik hat ihren Witz – wenn man ihn denn mit soviel musikalischer Fantasie aus den Arien herauskitzelt wie in dieser Szene. Und nicht nur hier: Regisseur Fabio Ceresa illustriert Händels Partitur mit verspielter Raffinesse und nutzt dafür die requisitenreiche Orient-Exotik, die er und sein Ausstattungsteam (Massimo Checchetto, Giuseppe Palella) auffahren.

Nilpferd und Elefant tauchen auf oder eine Schlange, mit der Caesar seinen Widersacher Ptolemaios melodisch fuchtelnd vom Leib hält. Und zwischen Schlingpflanzen wuchern Hieroglyphen-Motive: Fuchskopf, Adler, Barke und anderes.

Perlend und sprudelnd: Kleopatra (Tatjana Schneider, oben) bezirzt Caesar (Raffaele Pe).

Die Musik wird so nochmal lebendiger, als sie ohnehin ist – ab und zu ist aber auch zuviel und zu wenig präzise Action. Die in Tierkostüme und ägyptisierende Gewänder gepackten Statisten sind hilflos geführt (Choreographie Mattia Agatiello). Und das Hantieren mit Büchern in der Bibliothek von Alexandria, dem Reich der Kleopatra, ermüdet.

38 Mal wurde das Stück in Händels London nach der Uraufführung 1724 gespielt. In St.Gallen ist unsicher, wie es nach der Premiere weitergeht – je nach den Massnahmen des Bundesrats vom kommenden Mittwoch. Bereits im März war die Produktion fast fertig geprobt vom Lockdown gestoppt worden. Dabei ist sie explizit coronatauglich: Die Sängerinnen und Sänger halten Abstand, alle nicht-singenden Figuren sind mit Gesichtsmasken kostümiert. Und auch Cäsar und Kleopatra verzichten auf die innig besungene Umarmung – ein Ellbogenknuff muss es tun.

Infos: theatersg.ch

Dann aber fackelt Ptolemaios, Kleopatras Bruder-Bösewicht, als Strafe für deren «fierezza» kurzerhand die Bibliothek von Alexandria ab – historisch unkorrekt, aber dramaturgisch packend zum berührenden Piangerò der Kleopatra.

Den visuellen Gegenpart zum Pharaonenreich entlehnt die Regie dem Kino. Agathe Christies Detektiv Hercule Poirot lässt grüssen, wenn Caesar mit Tropenhut in Alexandria aufkreuzt, samt Entourage mit Überseekoffern und Begleiter Curio mit allzeit schussbereitem Fotoapparat. Die british spleenigen Römer und die Motive aus Tod auf dem Nil liefern ihrerseits szenische – und wiederum: schlau in die Musik eingepasste – Pointen.

Caesar (Raffaele Pe) mit Curio (David Maze) und Begleitern.

Fest der hohen Stimmen

Das Hauptverdienst am Seh- und Hörvergnügen haben aber nicht diese Regieeinfälle, sondern Solisten und Orchester. Letzteres legt unter der souveränen Leitung von Rubèn Dubrovsky ein packendes und federndes Fundament. Die Tempi sind, von der forsch genommenen Ouvertüren-Fuge an, in den Zorn- und Wutarien rasant, und auch die Trauerpartien bleiben stets bewegt und innerlich bebend.

Streicher, Holzbläser, die von Händel luxuriös eingesetzten Hörner und allen voran das Continuo mit Cembalo und Theorbe spielen historisch bestens informiert; das St.Galler Sinfonieorchester braucht den Vergleich mit Alte-Musik-Spezialisten nicht zu scheuen. Und der UM!BAU, das hölzerne Provisorium klingt bemerkenswert transparent.

Das Fest der hohen Solo-Stimmen führt Countertenor Raffale Pe als Caesar an. Locker, elegant, mühelos kommt, singt und siegt er im kriegerischen Wutausbruch und im Liebesschwelgen ebenso wie in der tiefgründigen Reflexion; seine Vergänglichkeits-Arie Non è si vago ist eins von vielen Glanzstücken.

Tatjana Schneiders Kleopatra verwirrt mit ihrem Flair für Bücher und verzückt mit ihrem strahlenden Sopran das Publikum nicht weniger als den allerdings leicht zu beeindruckenden Caesar. Dessen Gegenspieler Luigi Schifano legt in die derber gestrickten Soli des Ptolemaios giftige Schärfe.

Trauer um den toten Vater und Mann: Sextus (Jennifer Panara) und Cornelia (Sonja Runje).

Ideal besetzt ist auch das tragische Mutter-Sohn-Paar: Sonja Runje als Cornelia und Jennifer Panara als Sextus. Ihnen hat der Komponist ausgerechnet im Moment, da sie auseinandergerissen werden, eines der raren Duette auf den Leib geschrieben. Son nata a lagrimar, son nato a sospirar: Verloren im Säulenhain der Bühne, weitab von einander und musikalisch dennoch eins, erlebt man hier, am Ende des ersten langen Akts, einen Moment, in dem alle inszenatorischen Einfälle überflüssig werden und der Mensch allein mit sich und seiner Stimme dasteht.

Machtpolitik und Kolonialismus bleiben aussen vor

Solisten und Orchester tragen eine Inszenierung, in der in keinem Moment Langeweile aufkommt – aber die sich auf eine dekorative Einbettung der Geschichte beschränkt. Orient und Okzident bleiben Staffage, Ägypten gibt die vertrauten Bildklischees her, im Finale winkt Caesar mit seiner jüngsten Eroberung Kleopatra hoch vom Elefanten herab in die Kamera. Alexandria ist ein Ferienort, an dem sich ein Diktator, trotz finsterem Empfang mit dem abgeschlagenen Kopf des Pompeius, wohlfühlen kann.

Die Weltgeschichte bleibt Dekoration: Ptolemaios (links) und Caesar treffen im Palast aufeinaner.

Die Kriegsgurgel Caesar, der rücksichtlose Eroberer, dessen Ägyptenfeldzug am Ende eines blutigen innerrömischen Bürgerkriegs um die Alleinherrschaft steht: Das bleibt in der St.Galler Inszenierung ebenso ausgeblendet wie der Machthunger der Kleopatra, für den ihr Bruder Ptolemaios den tödlichen Preis zahlt.

Giulio Cesare trifft in St.Gallen als charmanter Zivilist und gut gelaunter Frauenheld ein. Seine goldene Badewanne wäscht fatalerweise auch die Dreckspuren der antiken Kolonial- und Machtgeschichte von der Oper weg.

 

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

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Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

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2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

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Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

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Vom Le­ben und Schrei­ben

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Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

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Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

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Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
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Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
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Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

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From England with Love