Gewalt an Frauen ist ein Thema, das, so würde man meinen, schon zur Genüge durchgekaut wurde. Die Hashtags #MeToo oder #schweizeraufschrei sind fast allen ein Begriff. Sie haben uns vor Augen geführt, dass sexuelle Übergriffe und Gewalt ein globales Problem sind. Es ist nicht nur eine Thematik, mit der sich betroffene Frauen auseinandersetzen müssen, sie betrifft auch die Männer, denn der Diskurs führt uns das gesellschaftliche Machtgefälle zwischen den Geschlechtern vor Augen. Die Gewalt an Frauen ist das Problem, aber nicht die Ursache.
Diesem Diskurs widmete sich die Podiumsdiskussion an der Fachhochschule St.Gallen letzte Woche im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Eingeladen waren der Slampoet und Autor Renato Kaiser, Sema Karakus vom Frauenhaus St.Gallen, Cristian Bächle, stellvertretender leitender Staatsanwalt in St.Gallen, die Kantonsrätin und Juristin Susanne Vincenz, Therapeut Karl Weilbach, Denise Flunser von der Opferhilfe St.Gallen und beider Appenzell und Strafrechtsprofessor Christian Schwarzenegger. Die Veranstaltung wurde moderiert und organisiert von Gabriella Schmid, Dozentin Fachbereich Soziale Arbeit und Institutsleiterin im Institut für Gender und Diversity IDG-FHO.
Renato Kaiser erinnert zu Beginn daran, dass Männer lernen und zuhören sollten und dass es manchmal «auch einfach nur um Frauen gehen» dürfe, sollte und müsse. Zunächst geht es am Podium jedoch um das Thema «Männerbilder». Dies mag auf manche irritierend gewirkt haben, jedoch hat es seine Berechtigung. Um wen handelt es sich denn beim «gewalttätigen Mann», der seine Ehefrau oder Partnerin misshandelt, missbraucht oder gar tötet? In der Diskussion wird es auf den Punkt gebracht: Diese Männer haben keine einheitlichen Erkennungsmerkmale, die sie auszeichnen – ausser der Gewalt, die sie ausüben.
Vor allem der Mythos, dass es sich hierbei um den sogenannten Migranten-Mann handelt, wird von den Podiumsgästen aus der Welt geschafft: Sowohl in der Täter- als auch in der Opferberatung seien alle Typen des Mannes vertreten, sagen sie einhellig. Es seien Männer aus allen sozialen Schichten, mit unterschiedlichem Bildungs- und Berufsstatus, Schweizer wie Nichtschweizer, berichtet Sema Karakus aus ihren Erfahrungen. In der Beratung für Männer wird dann eine «andere Seite» des Mannes sichtbar, erklärt Karl Weilbach: sympathisch, emphatisch, ein liebevoller Vater usw.
Auch Männer leiden unter der «toxischen Männlichkeit»
Schnell wird klar: Was auf Männer wirkt, sind vor allem Normvorstellungen des Mann-Seins. Gemeint ist die Vorstellung von Männlichkeit, die sich durch Kontrolle, Macht, Dominanz, Homophobie und Abwertung auszeichnet. Diese Vorstellung begünstigt mutwillige Gewalt gegenüber Frauen. Klingt das zu hart? Wann haben Sie das letzte Mal gesagt oder jemanden sagen hören: «Er ist ein richtiger Mann, denn ich kann ihn so liebevoll im Arm wiegen, wenn er sich klein und verletzlich fühlt. Er darf sich bei mir einfach fallen lassen».
Es scheint naturgegeben zu sein, als Mann machtvoll zu sein bzw. als machtvoll erscheinen zu müssen. Dieses Bild soll zumindest nach aussen hin aufrechterhalten werden. Hierbei wird von der «toxischen Männlichkeit» gesprochen. Diese begünstigt jedoch nicht nur Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen, sondern auch gegenüber Jungen und Männern selbst. Diese Männlichkeitsbilder werden durch Film, Musik, Literatur, Sprache und Vieles mehr reproduziert und verinnerlicht. Allzu oft hört man: «Sei ein richtiger Mann». Es wäre aber verkürzt, davon auszugehen, dass wir nur durch Bild und Ton beeinflusst werden. Auch in Schul-, Bildungs- und Arbeitssystemen oder der Justiz werden diese Bilder gepflegt.
Betrachtet man die gesetzlichen Bestimmungen in der Schweiz, herrscht zumindest auf dem Papier die Gleichstellung von Mann und Frau in allen Lebensbereichen. Aber nur weil etwas gesetzlich vorgeschrieben ist, heisst es nicht, dass es auch gelebt wird. In diesem Jahr wurde immer noch über die Lohnungleichheit debattiert oder darüber dass Frauen in allen relevanten Entscheidungsgremien der Wirtschaft untervertreten sind und schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Auch Stalking, Zwangsprostitution, Frauenhandel und andere Formen der direkten Gewalt gegen Frauen kommen noch immer sehr häufig in der Schweiz vor.
«Oftmals haben die Männer gelernt, dass sie mit ihrer Aggressivität Erfolg haben», berichtet Christian Bächle von der Staatsanwaltschaft aus seinen Erfahrungen mit Tätern. Wenn das Recht eingreifen soll, werde sichtbar, dass es viele Formen der Gewalt gibt, in denen Gesetze noch keine Wirkung haben, hält Christian Schwarzenegger fest. Zwar seien Strafen vorgesehen, doch diese stellten oft auch eine Mitbestrafung für die (Ehe-)Frauen dar, erklärt er. Beispielsweise werde bei Geldstrafen auch das Budget der (Ehe-)Frau gemindert.
Zu wenig Ressourcen für die Opfer von Gewalt
Was vor allem Erfolg aufweist, sind Massnahmen wie Therapien und Beratungsprogramme wie sie zum Beispiel Männerbüros anbieten. Hier könnten Männer an ihrem Gewaltbild arbeiten, sagt Karl Weilbach, der unter anderem auch Tätertherapeut ist. Bis anhin seien diese Programme jedoch nach einem Vorfall nicht verpflichtend. Auch gebe es im Kanton St.Gallen wenig Anlaufstellen für Männer, zudem seien die wenigen vorhandenen Angebote nicht kostenfrei. Dies stelle eine weitere Hürde dar.
Denise Flunser von der Opferhilfe St.Gallen verweist auf eine weitere zentrale Frage: Wie gehen das Umfeld und die Professionellen mit Gewaltopfern um? Betroffene Frauen berichteten oft von fehlender Sensibilität in ihrem Umfeld und seitens der Betreuungspersonen. Das neue Polizeigesetz wie auch die Ratifizierung der Istanbul-Konvention seien ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch fehle es, darin sind sich die Podiumsgäste einig, an Ressourcen für die Umsetzung.
Es ist offensichtlich, dass ein Gesetz allein kein Allheilmittel ist. Zudem kann man das Gesetz oft erst dann anwenden, wenn es Geschädigte gegeben hat. Wichtig ist, dass Massnahmen zur Gewaltprävention mit Massnahmen zur Förderung der Gleichstellung einhergehen. Zum einen würde dies bedeuten, dass Beratungsstellen für Jungen und Männer mehr Priorität erhalten müssen, zum anderen aber auch, dass Professionelle (Polizei, Rechtsanwältinnen, Sozialarbeiter usw.) stärker sensibilisiert werden – das kostet Geld.
Im Kanton St.Gallen hätten seit 2003 wenig Investitionen in diese Richtung stattgefunden, wirft Gabriella Schmid ein. Nur wenn der Diskurs zur Sensibilisierung anrege und auch in der Politik mit entsprechenden Ressourcen verankert werde, könne der Schutz von Mädchen, Jungen, Frauen und Männern verbessert werden. Dem stimmt auch Susanne Vincenz zu.
Am Ende der Diskussion ist klar: Soziale Missstände und unterdrückende Verhältnisse, zu denen auch die Gewalt an Frauen zählt, sind keine private Angelegenheit, sondern müssen in der Politik und in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Zudem muss die Thematik auch im individuellen Kontext thematisiert und sensibilisiert angegangen werden.
In der Fragerunde am Schluss bemängelt ein Mann aus dem Publikum, dass es an diesem Abend nur um Frauen gegangen sei und ihn das störe. Schade, dass es nicht einmal nur um Frauen gehen kann, ohne dass dies problematisiert wird. Schade für ihn.
Meryem Oezdirek ist Wissenschaftliche Assistentin im Fachbereich Soziale Arbeit an der FHS St.Gallen.
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.