Kategorie
Autor:innen
Jahr

Wenn schon Filz, dann grad richtig

Die Rorschacher Carl-Stürm-Stiftung hat einen ihrer Preise den Lobbyisten für den geplanten Autobahnanschluss Witen verliehen - die selber im Stiftungsrat sitzen. Dabei gäbe es einen Stiftungs-Code.
Von  Peter Surber , 
Die A1 oberhalb Goldach-Rorschach heute - rechts am Rand ist der neue Zubringer skizziert.

«Mehr als eine Strasse»: Das ist der Slogan unter dem Logo der Dachorganisation «Autobahnanschluss plus», in dem die Gemeinden Rorschach, Rorschacherberg und Goldach sowie der Kanton St.Gallen zusammengeschlossen sind. Ihr Ziel: der Autobahnanschluss Witen der A1. Das 190-Millionenprojekt ist umstritten – im November entscheidet die Bevölkerung der drei Gemeinden über den Kredit.

Das Logo und der Slogan stammen von der Marketingagentur E,T&H, die nichts mit der ETH Zürich zu tun hat, umso mehr aber mit der regionalen Wirtschaft. Was auf Anhieb nichts Negatives sein müsste – wenn die Verbandelung nicht zu Filz führen würde. Und das hat sie am letzten Wochenende getan: Die Carl-Stürm-Stiftung hat die IG mobil, die sich für den neuen Autobahnanschluss einsetzt, mit einem ihrer Preise in der Höhe von 30‘000 Franken ausgezeichnet. Im Stürm-Stiftungsrat sitzt unter anderem der frühere kantonale Standortförderer und heutige CEO des St.Gallen Symposiums, Beat Ulrich, der zugleich auch im Vorstand der IG mobil sitzt. Stürm-Stiftungsrätin Debora Angehrn lässt sich auf der IG-mobil-Website als Befürworterin der neuen Autobahn zitieren. Und Stiftungsratspräsident ist Peter Thoma, der hauptberuflich mit seiner Firma E, T & H Werbung für die Organisation «Autobahnanschluss plus» macht.

Freundschaften sind etwas Schönes. Seilschaften, die sich Geld zuschieben, sind etwas ziemlich Unschönes. Und dies insbesondere bei einem so kontroversen Projekt wie dem Autobahnanschluss.

Daran haben sich auch die Stürm-Preisträger des Jahres 2006, Bruno und Margrit Zürcher vom Verein Kultur i de Aula Goldach gestört. Sie protestieren in einem offenen Brief gegen den jüngsten Preis-Entscheid: Dieser widerspreche den Appellen des damaligen Stiftungsrats-Präsidenten Carl Felix Stürm für Uneigennützigkeit, Nachhaltigkeit und Rechtsstaatlichkeit. «Wir möchten nichts mehr zu tun haben mit dem Geld und spenden unseren Preisanteil von 2000 Franken der Klima-Jugend, die sich ganz im Sinne der Redner von 2006 ehrenamtlich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzt», heisst es im Protestbrief.

Der Verhaltenskodex der Stiftungen

Man könnte das Ganze als lokale Querelen abtun. Das wäre aus zwei Gründen falsch.

Erstens geht es um ein grundsätzliches Thema. Das Thema heisst Good Governance. Es ist inzwischen in fast allen Köpfen der öffentlichen Verwaltung angekommen und meint die saubere Trennung von Interessen. Governance heisst insbesondere: höchste Sensibilität für mögliche Interessenkollisionen und Befangenheiten. Ausstandsregelungen sind ein taugliches Mittel, aber genügen oft nicht, um solche Komplikationen auszuschliessen.

Private Förderstiftungen haben kein Kontrollorgan – der Stiftungsrat ist seine eigene Aufsichtsbehörde. So steht es im Swiss Foundation Code von 2015. Das rund 200seitige Handbuch legt ein umso grösseres Gewicht auf die Eigenverantwortung und die «interne und externe Transparenz» von Förderstiftungen.

«Trotz ihrer rechtlichen Selbständigkeit drohen der Förderstiftung – insbesondere einer kleineren – in der Praxis mancherlei Gefahren direkter oder indirekter Abhängigkeit von Dritten (z.B. Mitgliedern des Stiftungsrats), Dienstleistern (z.B. Anwaltskanzleien) und Unternehmen (z.B. Banken), wenn diese ihre Eigeninteressen höher gewichten als die Interessen der Stiftung. Zudem fehlen kleineren Stiftungen aufgrund ihrer weitgehenden Überschneidung von strategischer und operativer Ebene im Stiftungsrat wesentliche Elemente von ‚Checks and Balances‘. Insbesondere bezüglich Kontinuität und Interessenkonflikte bedürfen sie daher weiterer Regelungen», steht im Code.

Und dann wird’s ganz konkret: «Der Stiftungsrat verfügt in der Regel über die volle Entscheidungsbefugnis in den Bereichen Vermögensbewirtschaftung und Verwendung von Fördermitteln – ohne dabei einer Eigentümer- oder einer Marktkontrolle ausgesetzt zu sein. (…) An einen Stiftungsrat – kollektiv wie individuell – sind daher hohe ethische Anforderungen zu stellen. Die Mitglieder von Stiftungsräten handeln stets in übergeordnetem Stiftungsinteresse. In ihrer Stiftungsarbeit verfolgen sie keinerlei eigene Interessen. Genauso wenig verstehen sie sich als Vertreter bzw. Lobbyisten bestimmter Destinatärsgruppen oder Kooperationspartner, sondern immer nur als Entscheidungsträger im Rahmen des Stiftungszwecks. Förderstiftungen sind keine Instrumente steuerbefreiter Eigenförderung; Selbstbedienung oder Günstlingswirtschaft müssen – auch in Ansätzen – vermieden werden.»

In der Stürm-Stiftung sind solche Bedenken entweder noch nicht angekommen, oder sie werden im Gegenteil offensiv gehandhabt: Wenn schon Filz, dann grad ordentlich und unübersehbar. Wenn schon Selbstbedienung, dann grad richtig. Und wenn schon alle fürs Klima hyperventilieren, dann zünden wir grad extra den Auto-Turbo.

Der Streit um den Anschluss Witen

Und das ist der zweite Grund, warum der Fall über Rorschach hinaus interessieren muss. Der Preis geht nicht wie andere Jahre an kulturell, wirtschaftlich oder sozial tätige Akteure, sondern er unterstützt die einseitige Lobbyarbeit für eines der überregional einschneidensten Bauprojekte – ein Projekt, das Folgen auch für St.Gallen, den Thurgau und das Rheintal hat.

Skizze des geplanten Autobahn-Anschlusses.

Mit dem Bau des A1-Zubringers Witen soll wenige Kilometer nach der heutigen Ausfahrt Rorschach ein neuer Strassenast direkt ins Wohngebiet Goldach-Rorschach führen. Die Befürworter sehen darin eine Entwicklungschance für den Standort und eine Entlastung für die Autopendler namentlich Richtung St.Gallen. Und sie argumentieren mit «Jetzt oder nie»: 95 % der Kosten für den Autobahnanschluss und die ebenfalls neu zu bauende Kantonsstrasse zum See würden von Bund und Kanton getragen. Grundlage dafür sei ein Masterplan, der auch Verbesserungen im öffentlichen Verkehr bringe.

Die Gegner sagen: Das ist Verkehrspolitik von gestern. «Wer Strassen sät, erntet Verkehr», steht in einer Studie des Verkehrsplaners Klaus Zweibrücken aus dem Jahr 2015, die den neuen Anschluss scharf ablehnt: Entlastet würden mit dem neuen Zubringer nur die heutigen Ausfallachsen, insbesondere die St.Gallerstrasse – zusätzlich belastet würden hingegen die Wohnquartiere im Zentrum. Zudem durchschneide die Strasse einen der raren Erholungsräume. Statt einer neuen Autobahn brauche die Region nachhaltige Lösungen insbesondere für den «hausgemachten» Ziel-, Quell- und Binnenverkehr.

Der dreifache Strassen-Irrsinn

Am 3. Juni orientiert gemäss einer Einladung von dieser Woche das Nein-Komitee vor Ort in Rorschach. Die Infos müssten auch in St.Gallen ankommen – hier ist am Güterbahnhof ein vergleichbarer Strassen-Irrsinn geplant, und ein paar Kilometer weiter westlich gibt es Pläne für einen Anschluss Gossau-Ost. Eine dreifache Strassen-Umarmung? Nachhaltige Verkehrspolitik sieht anders aus. Insofern hat der eingangs zitierte Slogan dann doch recht: Was in Rorschach geplant wird, ist «mehr als eine Strasse».

 

 

 

 

 

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1