Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Wir reden hier von 10 Prozent oder 33 Fussballfeldern»

Mehr Velowege und Bäume, das fordert der Verein umverkehR mit den Stadtklima-Initiativen, die heute in St.Gallen eingereicht wurden. Geschäftsleiter Silas Hobi erklärt, warum es diese braucht.
Von  Corinne Riedener
Silas Hobi, 1985, ist Geschäftsleiter des Vereins umverkehR. (Bilder: co)

Saiten: Heute Morgen habt ihr eure zwei Stadtklima-Initiativen eingereicht, beide mit je rund 1500 Unterschriften. Was ist das Ziel?

Silas Hobi: Wir wollen damit die Ursachen und Folgen des Klimawandels bekämpfen. Die «Initiative für ein gesundes Stadtklima» will, dass mehr Strassenfläche in Grünfläche umgewandelt wird, insbesondere mit Bäumen. Indem sie Schatten spenden und Wasser verdunsten, helfen sie bei einem Hitzesommer massgeblich dabei, die Temperatur in der Stadt zu reduzieren. Lokal erreicht man so Temperaturunterschiede von bis zu zehn Grad.

Unterstützt werden die Stadtklima-Initiativen in St.Gallen von SP und Juso, Grünen und Jungen Grünen, der Politischen Frauengruppe PFG, von VCS, WWF und der IP Schweiz.

Mit der «Initiative für eine zukunftsfähige Mobilität» sollen Teile der Strassenfläche in Fläche für Fuss-, Velo- und den öffentlichen Verkehr umgewandelt werden. So können wir direkt bei den Ursachen des Klimawandels ansetzen, denn der motorisierte Individualverkehr ist immer noch einer der grössten CO2-Emittenten. Wenn uns die Verlagerung vom Autoverkehr aufs Velo oder den Bus gelingt, können wir ganz konkret CO2-Emissionen reduzieren.

0,5 Prozent der Strassenfläche sollen jährlich in Grünflächen bzw. Fläche für Fuss-, Velo- und öffentlichen Verkehr umgewandelt werden. Ist das nicht zu wenig?

Wir reden hier von einem Prozent pro Jahr für beide Initiativen, während zehn Jahren, also am Schluss zehn Prozent oder etwa 33 Fussballplätze. Das mag nach wenig tönen, ist aber bewusst so gewählt. Wir wollten keine Maximalforderung stellen, sondern eine mehrheitsfähige Initiative gewinnen. Es gibt schon jetzt heftige Kritik von Gegnerinnen und Gegnern, die befürchten, dass wir den Autoverkehr grundsätzlich aus der Stadt verbannen wollen, aber das ist nicht der Fall, da wir ja «nur» zehn Prozent der Strassenfläche umgestalten wollen. Es wird also nach wie vor Platz für Autos geben in der Stadt.

Was ist denn mit «Strassenfläche» konkret gemeint?

Dazu gehören alle Strassen in der Stadt, auch die Kantonsstrassen. Gemeint ist aber der Raum von Fassade zu Fassade. Dazu gehören auch die Trottoirs, Velowege und Busspuren. Effektiv umgewandelt werden kann allerdings nur die Fahrbahn für den motorisierten Individualverkehr. Gerade in kleineren Quartieren und Strassen wird so das Stadtbild massgeblich verändert – zum Positiven! Die Anwohnerinnen und Anwohner erhalten einen wertvollen Raum mit hoher Aufenthaltsattraktivität und wenig Durchgangsverkehr zurück. Das soll im Zentrum stehen.

Franziska Ryser und Markus Mauchle von den Grünen deponieren die Unterschriften im St.Galler Rathaus.

Wie wollt ihr sicherstellen, dass diese Umwandlung auch in den richtigen Ecken der Stadt geschieht und nicht irgendwo an der Peripherie?

Wir haben Vertrauen in die Stadtverwaltung und wollen ihr auch einen gewissen Spielraum lassen, darum haben wir bewusst auf örtliche Einschränkungen verzichtet. Zudem wissen die Behörden am besten, wo in den nächsten Jahren welche Strassen saniert werden, und darauf zielen unsere Initiativen ja auch ab: dass die Umwandlung im Zuge laufender Sanierungen oder Unterhaltsarbeiten geschieht, um die Kosten tief zu halten.

Die Stadtklima-Initiativen sind in mehreren Schweizer Städten geplant. Wie ist das Echo bisher?

Corona hat uns leider einen Strich durch die Rechnung gemacht, bis jetzt sind wir nebst St.Gallen erst in Basel am Werk. Das Sammeln läuft gut, das Echo ist zwar noch nicht enorm, aber die Berichterstattung überwiegend positiv. Der Handlungsbedarf wurde erkannt. Gerade in Bezug auf die Hitzeproblematik machen sich verschiedene städtische Behörden bereits seit längerem Gedanken, auch der Bund hat vor zwei Jahren einen umfassenden Bericht dazu publiziert. Unsere Initiativen kommen, denke ich, zum richtigen Zeitpunkt.

Die Autolobby ist stark in St.Gallen. Mit welchen Argumenten wollt ihr die knacken?

Dass es Widerstand geben wird, ist uns klar. Die Stadt St.Gallen hat sich jedoch bereits vor zehn Jahren mit unserer Städte-Initiative klar für ein Reglement zur nachhaltigen Verkehrsentwicklung ausgesprochen. Die Autolobby wollte dieses 2018 mit der sogenannten «Mobilitätsinitiative» wieder abschaffen – und ist damit klar gescheitert. Es haben sich sogar noch mehr Stimmberechtigte als schon 2010 für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung ausgesprochen. Darum bin ich zuversichtlich, dass wir mit unseren Stadtklima-Initiativen eine Mehrheit in der Bevölkerung schaffen können. Und nicht zuletzt hat die Klimabewegung im vergangenen Jahr für eine zusätzliche Sensibilisierung gesorgt.

Aber reichen denn mehr Bäume und Velowege im Kampf gegen den Klimawandel?

Nein, natürlich nicht, aber es ist ein Anfang. Wir wollen ja nicht nur Velowege und Bäume, sondern Strasseninfrastruktur zurückbauen und wieder anderen Nutzungen zugänglich machen. Es geht uns nämlich nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die grundsätzliche Lebensqualität in der Stadt. Der Raum in einer Stadt soll so gestaltet sein, dass sich die Anwohnerinnen und Anwohner wohl fühlen in ihrer Umgebung, dass das Quartierleben aufblühen kann.

Wenn ihr wählen könntet: Welches sind die neuralgischen Punkte, wo man den Hebel zuerst ansetzen sollte?

Konkrete «Baustellen» kann ich nicht nennen, viel eher sind wir der Meinung, dass die Massnahmen flächendeckend in der ganzen Stadt umgesetzt werden müssten. Was uns besonders freuen würde, wäre, wenn der Kanton ebenfalls Hand böte für pragmatische Lösungen. Gerade die sehr stark befahrenen Strassen sind oft in der Hoheit des Kantons, da kann die Stadt nicht im Alleingang Velo- oder Busspuren oder Baumreihen planen. Dafür braucht es alle.

Silas Hobi, 1985, ist Geschäftsleiter des Vereins umverkehR, der sich seit 1992 für eine zukunftsfähige Mobilität einsetzt.

umverkehr.ch

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Marcel Baur,  

Der Weg ist richtig, die absoluten Vorgaben sind falsch. Ich erinnere gerne an politische Spielereien, als die SP den Grünliberalen die Unterstützung im Stadtparlament verweigerte, als sie die Aufsplittung von Strassensanierung en gefordert hatten. Dies war einzig und alleine dem Wahlkampf und der Positionierung ihrer Velo-Initiative geschuldet. Es macht mich sauer, wenn aus strategischen Gründen das Ziel nicht erreicht werden kann. Die Initiative ist ok, aber lasst die politischen Spielereien weg, dann erreichen wir das auch.

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792