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Bierstadt Gossau: Vielfalt abseits der «Schüga»-Religion

In der Kleinstadt Gossau gedeiht eine erstaunliche Vielfalt: Drei unabhängige Brauer behaupten sich mit ausgefallenen Kreationen auf dem hart umkämpften Biermarkt. Teil 2 unserer Serie #Saitenfährtein.
Von  Urs-Peter Zwingli
Auch ein Schlösschen, aber zum Glück ohne Feld: Die Brauerei Stadtbühl in Gossau. (Bild: upz)

Während sich die St.Galler mit fast religiöser Verklärung an ihrem «Schüga» festklammern, wird nur zehn Kilometer weiter westlich echte Bier-Vielfalt gelebt: In Gossau stellen gleich drei verschiedene und wie Schützengarten auch unabhängige Brauereien den edlen Gerstensaft her. Im Biermarkt ist das eine Seltenheit, denn dieser wird auch in der Schweiz von den internationalen Konzernen Heineken (Calanda, Ittinger, Eichhof, Haldengut…) und Carlsberg (Feldschlösschen, Cardinal, Hürlimann…) bestimmt.

Braumeister und ihre Kessel

In Gossau kann man hingegen auf einem kurzen Rundgang durch die Kleinstadt gleich drei unabhängige Braumeister an ihren Kesseln treffen. Die Brauerei Stadtbühl stellt mitten im Zentrum seit 1858 Bier her. In den 2000er-Jahren kamen zum grossen Bruder die Mikrobrauerei HuM («Hopfen und Malz») und das Brauhaus-Restaurant Freihof dazu.

Die Neuen sieht Stadtbühl-Geschäftsführer Adrian Krucker aber nicht in erster Linie als Konkurrenten. «Wir kennen uns, tauschen uns aus, arbeiten für einen Event auch mal zusammen», sagt Krucker, der in sechster Generation im Familienunternehmen arbeitet. Und natürlich sind die Mikrobrauereien derart Mikro, dass sie den Platzhirsch der Bierstadt Gossau nicht gefährden: Stadtbühl produziert jährlich 10’000 Hektoliter Bier, der Freihof rund 1400, die Mikrobrauer von HuM nur knapp 50.

Aber natürlich, so sagt Krucker, spürt auch Stadtbühl die seit Jahren immer härteren Zeiten auf dem Schweizer Biermarkt: Der Bierkonsum pro Kopf stagniert oder ist sogar rückläufig, gleichzeitig überschwemmen Billig-Importe die Supermärkte. So sei in den letzten 20 Jahren der Umsatz des Familienutnernehmens, das mit zehn Vollzeitstellen betrieben wird, um rund 20 Prozent gesunken.

Was tun also?

«Wer hier arbeitet, muss das Produkt Bier lieben und auf Qualität setzen. Ausserdem muss man immer Neues ausprobieren.» So macht auch Stadtbühl beim Trend zu speziellen Biersorten mit: Jährlich werden ein bis zwei neue Sorten wie etwa ein Rauch- oder ein Kaffeebier lanciert. «Unsere Unternehmung hat die richtige Grösse für solche Spielereien», sagt Krucker, dessen Bruder als Braumeister für neue Kreationen zuständig ist.

Adrian Krucker vor der Testbrauanlage. Hier werden neue Bier entwickelt. (Bild: upz)

Adrian Krucker vor der Testbrauanlage. Hier werden neue Biere entwickelt. (Bild: upz)

Extreme Biersorten und König Lager

Auch Richard Reinart, Braumeister und Geschäftsführer des Freihofs, sagt: «In Zukunft wird man als Brauerei vermehrt extreme und ausgefallene Biersorten anbieten müssen, um im Gespräch zu sein.» Solche auch «Craft Beer» genannten Kreationen wurden in seit den 70er-Jahren in Nordamerika als Reaktion auf eintönige Massenbiere à la Budweiser entwickelt – mittlerweile ist der Trend auf Europa übergeschwappt.

Reinart und Krucker betonen aber, dass das klassische Lagerbier in der Schweiz nach wie vor unangefochtener König ist: Beide Brauereien machen 70 bis 80 Prozent ihres Umsatzes damit. Reinart sieht in der Mikrobrauereien-Bewegung trotzdem mehr als einen kurzfristigen Trend: «Light Beer war so ein Trend, der sich nach zwei Jahren erschöpft hat, weil es einfach nicht schmeckt. Für Craft Beer gilt das aber nicht.» Die Mikrobiere könnten laut Reinart helfen, dem Bier ein neues Image zu verleihen: Weg von der immer gleich schmeckenden Pfütze hin zum vielfältigen Produkt, von dem es wie beim Wein zu jedem Essen eine passende Sorte gibt.

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Richard Reinart im Braukeller des Freihofs. In den Tanks lagert und gärt das Bier mehrere Wochen. (Bild: upz)

Die HuM-Brauer Markus Rosenberger und Andreas Tobler haben sich konsequent ganz den exotischen Bieren verschrieben: Alle zwei Wochen steigen sie in ihren Braukeller, das HuM-Sortiment umfasst momentan rund 20 Sorten, darunter Kürbisbier oder Bier, das mit Eichenholzschnitzen zusammen vergoren wird.

HuM ist aber der Aussenseiter unter den Gossauer Brauereien: ein Underground-Brauprojekt, das 2007 aus einer Bierlaune zweier Freunde gegründet wurde. «Als unser Bier immer mehr Anklang fand, haben wir 2011 offiziell eine GmbH gegründet. Wir beliefern vor allem Feste und Geburtstage in Gossau und Umgebung», sagt Markus Rosenberger von HuM. Er schätzt, dass HuM eine der ersten Mikrobrauereien der Schweiz ist.

Tatsächlich ist die Brauszene Schweiz regelrecht explodiert: HuM war die 421. Brauerei, die offiziell von der eidgenössischen Alkoholverwaltung erfasst wurde, mittlerweile sind es 632 (eine vollständige Liste findet sich hier – durchscrollen empfohlen).

Gossauer trinken Biermuda leer

Warum ausgerechnet Gossau eine Bierstadt ist, darüber wollen die Brauer nicht gross spekulieren. Krucker hält es schlicht für Zufall, Reinart ebenfalls. Trotzdem scheinen die Gossauer fleissige Biertrinker zu sein: Am Gossauer Strassenfest, das jeweils im August auf der gepunkteten Hauptstrasse steigt, stellten die drei Brauereien gemeinsam ein Festzelt namens «Biermuda-Dreieck» mit 25 verschiedenen Biersorten im Angebot auf. Die Brauer wurden vom Ansturm überrascht: Bei der ersten Biermuda-Ausgabe ging ihnen das Bier aus.

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