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Altersdurchmischt und enkeltauglich

Dass Alte und Junge zusammenwohnen, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Überzeugung: Das wäre noch eine Generation früher kaum denkbar gewesen. Heute sind Mehrgenerationen-Projekte gefragt – wenn auch in der Ostschweiz noch weit vom «Boom» entfernt. Ein Rundgang.
Von  Peter Surber
Die Hausgemeinschaft in der Notkersegg. (Bild: pd)

Die Stelle ist fantastisch, Blick über die ganze Stadt St.Gallen, die Abendsonne beleuchtet die Äste der Linde, unter der wir uns – mit gebotenem Corona-Abstand – treffen: Ruth Bärlocher, Oriana Kriszten und Angelika Thürlemann. Es fehlt die Familie Rossi, Nadia, Daniel und die Kinder Sophia, Leon und Philipp. Die Kinder sind in den Ferien, die Mutter ist im Spital, sie bringt in diesen Stunden ihr viertes Kind zur Welt. Das Baby wird das Leben im Mehrgenerationenhaus verändern, davon sind die drei Mitbewohnerinnen überzeugt. Die Vorfreude ist unüberhörbar.

Direkt beim Platz mit der Linde steht das Haus, 1911 erstellt in zeittypisch verspielter Holzbaumanier als Pionierbau einer geplanten Gartenstadt im Grünen, deren Pläne sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerschlugen. Angelika Thürlemann zog hier vor rund zwanzig Jahren ein mit ihren zwei Kindern.

Im Studium stiess sie für ihre Bachelorarbeit auf die Thematik des Mehrgenerationenwohnens. Was zuerst nur Theorie war, faszinierte sie zusehends; inzwischen wohnte sie allein im Haus, fand Kontakt zur Ostschweizer Genossenschaft Mehrgenerationenprojekte (MGP-Ost), und es gelang, die Stadt als Besitzerin des Hauses zu überzeugen: Sie trat das Haus im Baurecht an die Genossenschaft ab. Aus dem Zwei- wurde ein Vierfamilienhaus plus Studiowohnung, welche als Gemeinschaftsraum genutzt wird, und aus dem Alleinwohnen ein Projekt, das Angelika Thürlemann bis heute begeistert mit seiner «kunterbunten Mischung» von Individuen, Lebensentwürfen und Generationen.

Oriana Kriszten, Geigerin im Sinfonieorchester St.Gallen, kam dagegen eher zufällig in die Notkersegg, auf der Suche nach einer schön gelegenen und zahlbaren Wohnung. Etwas Spezielles sollte es sein, mit Natur rundherum und nicht bünzlig, sagt sie lachend. Das sei im Mehrgenerationenhaus definitiv der Fall: «bünzlig» wohne hier niemand; das nicht ganz Aufgeräumte, nicht Geschniegelte, etwas «Hexenhüslihafte» gefällt ihr. Und Geige üben? Geht problemlos, sagt sie. Aber natürlich gehöre es dazu, Rücksicht zu nehmen.

Ruth Bärlocher, die Älteste im Haus, engagiert sich auch im Vorstand der Genossenschaft Mehrgenerationenprojekte. Ihre Motivation war simpel: Sie sei schlicht «nicht der Typ, allein zu sein». Die Mitbewohnerinnen bestätigen: Bei Ruth sei «immer etwas los». Ein Wohnprojekt wie dieses habe sie schon seit vielen Jahren gesucht, denn: «Ich will nicht allein alt werden.» Wenn nicht grad Corona herrscht, spielt sie Improvisationstheater und hat mit Kindern aus der Nachbarschaft einen Impro-Nachmittag eingeführt. Die nächste Aufführung wäre für den «Tag der Nachbarn» Ende Mai geplant. Aber aktuell verkleinert der Virus den Nachbarschafts-Radius schmerzhaft.

Der Mehrgenerationen-Motor

«Nicht allein alt werden»: Mit diesem Bedürfnis ist Ruth Bärlocher in bester Gesellschaft. Gemäss Hochrechnungen wird im Jahr 2035 jede vierte Person in der Schweiz über 65 Jahre alt sein – und davon wiederum ein Drittel über 85 Jahre alt. Das ruft nach neuen Konzepten wie Mehrgenerationen-Häuser, ist MGP-Ost überzeugt: «Unsere Gesellschaft verändert sich laufend: Wir werden gesünder älter und sind mobiler», schreibt sie in ihrem Leitbild. Einerseits nehme die Anonymisierung zu, andrerseits entstehe ein neuer Zusammenhalt. «Ein Mehrgenerationenprojekt oder besser ein ‹Mehrgenerationen-Leben› erweist sich dabei zunehmend als Motor. Kinder und Betagte, Familien und Alleinstehende, Gesunde und Kranke bilden lebendige Nachbarschaften: Leben und Wohnen am gleichen Ort, Begegnung und Unterstützung in alltäglichen Situationen – das Miteinander der Generationen fördert die Weitergabe von Alltags- und Sozialqualitäten.»

Überzeugende Sätze – und trotzdem gibt es in der Ostschweiz bisher nur wenige explizite Mehrgenerationen-Projekte. Unter dem Dach der MGP sind es zwei, das Haus Notkersegg und die Alte Drogerie in Trogen. Der Präsident der Genossenschaft, Bernhard Müller, sieht den Grund darin, dass in der mehrheitlich ländlichen Ostschweiz vielerorts in gewachsenen Strukturen generationenübergreifend gewohnt werde – und der Druck, neue Modelle zu entwickeln, dadurch nicht sehr gross sei. «Die Ostschweiz ist nicht Zürich», sagt Müller. Seine Erfahrung ist auch, dass allzu gross angelegte Projekte problematisch sind. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort und mit der richtigen Grösse: So können MGP-Projekte Erfolg haben – wie beim Beispiel Notkersegg.

Mit Sozialkompetenz in der Gross-WG

Wie gelingt Mehrgenerationenwohnen? Judith Schläpfer hat vor fünf Jahren von der Ostschweiz nach Zürich gewechselt. In der Pioniersiedlung «Kraftwerk 1» wohnt sie in einer Gross-WG, acht Erwachsene auf drei Stockwerken, sie als Älteste gut 70, der jüngste Mitbewohner um die 30. WG-Leben heisse: gemeinsame Küche und weitere Gemeinschaftsräume, abwechselndes Putzen in Zweierteams jeweils am Wochenende, einmal im Jahr ein Grossputztag, genannt «Aktionstag».

Was seit Corona neu ist: Es werde sehr regelmässig im Turnus gekocht, zuvor herrschte eher ein Kommen und Gehen «wie in einem Bienenhaus». Corona stärke das Gefühl, gemeinsam «unter einem Dach zu leben», und habe mehr Ruhe in den WG-Alltag gebracht.

Das Kraftwerk 1 in Zürich. (Bild: pd)

Leben in einer so vielfältigen Wohngemeinschaft setze vor allem eines voraus, sagt Judith Schläpfer: hohe Sozialkompetenz. «Ähnlich wie im öffentlichen Raum ist man Teil einer Gemeinschaft, und jede und jeder muss einen Beitrag dazu leisten, dass die Gemeinschaft funktioniert.» Altersunterschiede spielten dabei keine zentrale Rolle. «Es sind natürlich unterschiedliche Themen und Erfahrungen, die je nach Lebensabschnitt wichtig sind, aber ob jung oder alt: Jede Person bringt sich als Individuum ein. Das ist gerade das Bereichernde am Zusammenwohnen – und manchmal auch das Herausfordernde: Man sieht sich immer im Spiegel.» Dass Junge mit im Haushalt leben, schätzt sie sehr: «Die Welt ist da, mit all ihren Facetten.»

In Ausserrhoden hatte sich Judith Schläpfer einen Namen gemacht als erste Gleichstellungsbeauftragte des Kantons. Nach der Familienzeit und nach der Pensionierung noch einmal in eine andere Stadt und in eine andere Lebens-Kultur einzutauchen: Das war für sie dann vor fünf Jahren ein Hauptantrieb für den Umzug ins «Kraftwerk». Und ein anderer: die Lust auf neue Begegnungen. «Ich halte Mono-Dinge nicht aus, in welcher Hinsicht auch immer. Ich brauche die Reibung. Das WG-Leben bringt dies automatisch mit sich.» Idealisieren wolle sie ihre Wohnform allerdings nicht, ebenso wenig das Kraftwerk-Projekt als Ganzes: «Es ist nicht die Idylle, es hat seine beglückenden und seine konfliktträchtigen Seiten. Man wird konfrontiert, und man konfrontiert die anderen mit sich. Das relativiert die eigenen Haltungen, und das finde ich gut.»

Wohnen ist politisch

Das «Kraftwerk», mit Wohnungen und Gemeinschaftsräumen aller Art, mit einem Laden, mit rund 170 Erwachsenen und 80 Kindern, hat über die individuellen Wohnformen hinaus einen hohen gesellschaftspolitischen Anspruch: ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltig zu leben.

Noch radikaler ist das Projekt «Solidarisch Wohnen» im Kanton Bern. Gegründet als WG von Leuten um die 30 (8 Erwachsene und 3 Kinder), die das Wohnen und mehr als das: die Hauskasse teilte, entsteht jetzt in einem grossen Bauernhof in Urtenen ein Mehrgenerationenprojekt mit bis zu 30 Personen. Samt Manifest: «Unsere Wirtschaftsordnung, das heisst das Verhältnis von Mensch und Natur und das Verhältnis der Menschen untereinander, basiert auf einem Missverständnis. Dieses Missverständnis, das uns als reine Konkurrent*innen, egoistische Marktteilnehmende oder eigennützige Tauschtiere sieht, hat zu einer generellen Krise geführt.» Dazu gehörten Finanzkrisen, Schuldenkrisen, Ressourcenverschleiss, Klimakrise oder die «soziale Krise der Vereinzelung», heisst es in einer Broschüre der Wohngemeinschaft. Und weiter: «Nichts hindert uns daran, uns bereits heute für lebensfreundlichere und gerechtere Systeme einzusetzen und im Kleinen Strukturen aufzubauen, die anders funktionieren, die menschlich und enkeltauglich, also ressourcenbewahrend gestaltet sind.»

Vergleichbar ambitionierte Mehrgenerationen-Modelle gibt es auch in der Ostschweiz. So die Wogeno Wohngenossenschaft in Mogelsberg, die in das frühere Altersheim der Gemeinde 13 Wohnungen eingebaut hat und eine ökologisch orientierte Lebensgemeinschaft bildet. Oder die Gemeinschaft Herzfeld Sennrüti bei Degersheim, 2009 in einem ehemaligen Kurhaus ins Leben gerufen als Ökodorf Sennrüti und heute mit etwa 30 Erwachsenen und 30 Kindern Teil des internationalen Global Ecovillage Network.

Noch im Entstehen ist das Projekt Wogeno Pumera im bündnerischen Almens, an dem Architekt Gion A. Caminada mit engagiert ist und das ausdrücklich eine «soziale, kulturelle und altersmässige Durchmischung der Bewohnerinnen und Bewohner» anstrebt. Ein anderes, bereits gebautes Vorzeigeprojekt ist das autofreie Hagmann-Areal in Winterthur für «Menschen in allen Phasen des Lebens». All diesen Projekten ist gemeinsam – und das geht ans Eingemachte für Menschen, die an die eigenen vier Wände gewöhnt sind: Die individuell genutzte Wohnfläche ist knapp gehalten, dafür gibt es Gemeinschaftsräume für unterschiedliche Zwecke. Das spart Platz; zusätzlich wird mit Solaranlagen, Sharing-Konzepten oder Gartenbau der Ressourcenverbrauch reduziert.

Das richtige Haus, die richtigen Leute – und der «Spirit»

Das bekannteste St.Galler Pionierprojekt im Bereich Alterswohnen ist die Siedlung Solinsieme an der Tschudistrasse. 2002 in einer ehemaligen Fabrikliegenschaft eröffnet, umfasst sie 17 Wohneinheiten und Gemeinschaftsräume. Bruno Dürr hat Solinsieme als Architekt begleitet, ebenso eine Reihe weiterer ökologischer und gemeinschaftlicher Wohnmodelle und wohnt heute selber in der Siedlung.

Die Solinsieme-Siedlung in St.Gallen. (Bild: pd)

Wie gelingen gemeinschaftliche Wohnprojekte? «Es gibt kein Rezept, jedes Projekt ist anders», sagt Dürr. Drei Dinge aber müssten zusammenpassen: ein passendes Objekt oder Landstück, die richtigen Leute und ein realisierbarer Zeitrahmen. Und, zentral: der «Spirit». Das vermisse er bei vielen anderen Bauvorhaben: In aller Regel gehe es um Rendite, um möglichst gewöhnliche Grundrisse, um Massentauglichkeit – für Dürr ein Grund, warum Mehrgenerationenprojekte nicht gerade aus dem Boden schiessen. «Das werden immer einzelne Initiativen bleiben von Leuten, die den sozialen Umgang mit anderen gewohnt sind und suchen.»

Ein zweiter Hinderungsgrund: Auf dem angespannten Immobilienmarkt gebe es nicht viele geeignete Objekte – die Fahnenfabrik an der Lindenstrasse in St.Gallens Osten, in der die Genossenschaft Segewo Alterswohnungen plant, ist eine der seltenen Ausnahmen. Hinzu komme die Zurückhaltung der Banken; damals beim Start von Solinsieme habe noch jedes Verständnis für neuen Ideen gefehlt, sagt Dürr, heute sei die Situation aber etwas besser, auch weil man Pensionskassengelder investieren kann und es Private gebe, die unkonventionelle Wohnprojekte ideell und materiell unterstützten.

Ein solches Projekt, genannt «anders wohnen», entsteht zurzeit im ausserrhodischen Heiden. Francesca und Peter Kühnis-Dietz haben es initiiert, Bruno Dürr ist als Projektleiter mitbeteiligt. Auf einer noch unüberbauten Wiese am Hang, unmittelbar bei Läden, Spital und Bushaltestelle gelegen, soll ein gemeinschaftliches Wohnmodell Realität werden. Das Gelände schliesst an ihr jetziges Wohn- und Atelierhaus an, das Teil des Projekts ist.

Francesca und Peter Kühnis-Dietz vor ihrem Haus in Heiden, das Teil von «anders wohnen» wird. (Bilder: Su.)

Sie nennen es ihren «Traum», mit den zentralen Werten Gemeinschaftlichkeit, Reduktion, Kommunikation und Ökologie. Ziel ist «eine solidarische Wohn- und Nachbarschaftsgemeinschaft mehrerer Generationen, die sich aus Familien mit Kindern, Alleinstehenden und Paaren zusammensetzt». Auf den rund 6000 Quadratmetern sind in einer ersten Etappe vier Gebäude mit unterschiedlichen Wohnungen für gegen zwanzig Partien vorgesehen.

Tolerant gegenüber Mensch und Umwelt

Der Gedanke schwelte schon lange, sagt Peter Kühnis. «Wir wohnen in einem zu grossen Haus. Wir wollen nicht auf ewig zu zweit wohnen. Und wir wünschen uns eine durchmischte Gemeinschaft von Erwachsenen und Kindern.» Vielfalt sei wichtig und anregend, zudem könne man sich gegenseitig unterstützen, beim Kinderhüten oder Betreuen älterer Personen. Mit dem Erbe der Liegenschaft wurde aus dem Traum eine Perspektive – baulich, aber auch zwischenmenschlich.

Was den Bau betrifft: Zu den Wohnungen hinzu sind Gemeinschaftsräume für Mittagstisch, Morgen-Yoga, Werken und anderes geplant. Der Aussenraum soll ohne Zäune allen zugänglich sein. Aber Rückzugsmöglichkeiten brauche es auch: «Man muss die Türe schliessen können.» Und was den Umgang miteinander betrifft: Offene Kommunikation, gegenseitige Achtsamkeit und Toleranz sind für Francesca Kühnis unabdingbare Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben. Dass das nicht ohne Schwierigkeiten abgehen werde, sei klar. Dann brauche es eine Kultur der Auseinandersetzung – inklusive dem Wissen darum, dass Konflikte immer auch mit einem selber zu tun haben und nicht einfach nach aussen, auf die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner projiziert werden können.

In Heiden wird Gemeinschaft gebaut, sozialverträglich und ausdrücklich auch «mit kleinstmöglicher Umweltbelastung». Noch sind von der Finanzierung bis zum bewilligbaren Projekt viele Fragen zu klären. Und die künftige Haus-Gemeinschaft muss sich erst noch finden. Geld spiele natürlich eine Rolle, doch es soll keine Barriere sein und insbesondere auch junge Interessierte nicht ausschliessen, sagen Peter und Francesca Kühnis-Dietz. Sie bringen selber ihren Besitz in das Projekt ein – «aber was heisst schon Besitz», sagt Francesca Kühnis-Dietz beim Gespräch am idyllischen Biotop vor dem Haus. Eigentum sei einem schliesslich auch nur anvertraut, mit der Verpflichtung, daraus etwas Sinnvolles zu machen. Zum Beispiel ein Wohnprojekt, das über die eigene Generation hinaus trägt.

Die Verbindlichkeit im Umgang miteinander – das unterscheidet Wohnprojekte wie dieses von zufällig zusammengewürfelten Nachbarschaften. Verbindlichkeit: Davon reden, ein paar Tage vorher, auch die Bewohnerinnen des Mehrgenerationenhauses in der Notkersegg. Das wichtigste Übungsfeld wird dort im Wortsinn gemeinsam beackert: der Garten. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Zucchetti, die jemand zum Znacht kochen wollte, schon weg sind. Aber bis jetzt gehe es beim Gärtnern immer konfliktfrei und heiter zu und her, sagen Angelika, Ruth und Oriana. Eben: «unbünzlig».

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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