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Becoming

Im Novemberheft berichtet Saiten-Kolumnistin Liliia Matviiv von Begegnungen zwischen Herzensgüte und Unmenschlichkeit, die sie hier, in der Schweiz, ihrer neuen Heimat, macht.
Von  Liliia Matviiv

Wir sassen im «Tibits» und ich dachte, so könnten wir auch in Lviv, Wien oder sonst irgendwo sitzen, denn es war besonders gemütlich. Ich und eine ältere Frau mit jedoch sehr jungen, vor Herzensgüte strahlenden Augen. Um ihren Hals trug sie eine Perlenkette und einen eleganten Schal, und ich hatte meinen besten Pullover an – einen uralten gelben Tommy-Hilfiger-Pulli, den mir eine Freundin bei einem Kleidertausch geschenkt hatte. Es war sehr kalt, aber ich entschied mich, genau diesen Pullover anzuziehen, weil ich ihn von zu Hause mitgebracht hatte. Und es fühlte sich tatsächlich so an, als wäre ich zu Hause.

Wir sprachen über das Leben und sie erzählte mir, dass sie auch den Krieg gesehen und wie sie anderen geholfen hatte. «Mein Gott», sagte ich, «den Zweiten Weltkrieg?» Sie lachte und ich auch. Wie komme ich nur darauf, so etwas zu sagen. Aber sie verstand mich. Sie umhüllte mich mit solcher Wärme, wie ich sie sonst nur von meinem gelben Pullover im Winter bekomme. Die ganze Zeit dachte ich, ich hätte mich selbst getroffen – nur dass ich 70 war.

Dann gab es diese andere, so tolle, lebhafte Frau, die mir eines Tages ausgefallene rote Stiefel brachte – solche trägt man nicht jeden Tag. Sie hatte einfach bemerkt, dass ich im Winter Turnschuhe anhatte. «Sie sind für einen schönen Anlass, für den Ausgang», sagte sie. Diese Stiefel wurden für mich zu einem Symbol dafür, dass ein schöner Anlass unbedingt noch auf mich zukommen würde – irgendwann.

Meine coole Mitbewohnerin erinnerte mich sogar an meine Schwester. Eines Tages machte sie mir Frühstück. Und ich brachte ihr Obst, als sie krank war. Manchmal umarmen wir uns. Das braucht man so sehr.

Eine andere Bekanntschaft machte sich sehr Sorgen, ob ich denn auch Arbeit habe, weil sie ja wegen mir mehr für den Strom zahlt. Ginge es nach ihr, müsste ich morgen mit Putin verhandeln, damit sie selbst wieder weniger bezahlt.

Und dann gab es noch die eine, die mir Hilfe versprach, kurz nachdem ich in der Schweiz angekommen bin. Aber dann sah ich, wie sie Menschen behandelt, als wären sie ihre Untertanen. Das hat mich wirklich erschüttert. Ich konnte nicht verstehen, warum die ganze Welt die Ukrainer:innen unterstützt, während die Zeit in diesem kleinen Dorf, wo ich damals abgestellt wurde, stillzustehen scheint – als wäre man dort noch im Mittelalter. Erst später begriff ich, wie gross die Unterschiede zwischen dem Weltgeschehen und den Stereotypen in kleinen Dörfern sind.

Eine andere schaffte es sogar, mir vorzuwerfen, dass ich hier in der Schweiz von unglaublichen Vorteilen «im schönsten Land des Universums» profitiere. Das war geradezu lächerlich. Ich beobachtete sie schweigend. Schon erstaunlich, was für Menschen es gibt. Ich sah Boshaftigkeit, Neid – alles, ausser Menschlichkeit.

Menschen reden immer nur von sich selbst.

Aber es gab auch diese eine unglaubliche Frau, die mir beim Deutschlernen half – und bei einer Menge Lebensfragen. Das werde ich nie vergessen. Und eine andere ausserordentliche Frau, meine Heldin. Sie gab mir einfach ihre Decke – könnt ihr euch das vorstellen? Jedes Mal, wenn ich schlafen gehe, bedanke ich mich für die Wärme. Als wäre diese Decke kein Stück Wolle, sondern eine magische Wiege.

Diese wunderbare Frau wurde für mich zu dem Licht, dem ich folgen wollte. Wir alle stürzen manchmal und brauchen ein Licht. Ich erinnerte mich, wie oft ich selbst dieses Licht war, und wie es zu uns zurückkommt …

Michelle Obama schrieb in ihrem Buch Becoming: «Das Wichtigste ist nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe, in den Millionen von Arten und Weisen, auf die ich mich selbst unterstützt habe und den Menschen, die mir geholfen haben, an mich zu glauben.»

Danke – sage ich euch. Allen, denen ich begegnete.

 

Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.

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