Wir sassen im «Tibits» und ich dachte, so könnten wir auch in Lviv, Wien oder sonst irgendwo sitzen, denn es war besonders gemütlich. Ich und eine ältere Frau mit jedoch sehr jungen, vor Herzensgüte strahlenden Augen. Um ihren Hals trug sie eine Perlenkette und einen eleganten Schal, und ich hatte meinen besten Pullover an – einen uralten gelben Tommy-Hilfiger-Pulli, den mir eine Freundin bei einem Kleidertausch geschenkt hatte. Es war sehr kalt, aber ich entschied mich, genau diesen Pullover anzuziehen, weil ich ihn von zu Hause mitgebracht hatte. Und es fühlte sich tatsächlich so an, als wäre ich zu Hause.
Wir sprachen über das Leben und sie erzählte mir, dass sie auch den Krieg gesehen und wie sie anderen geholfen hatte. «Mein Gott», sagte ich, «den Zweiten Weltkrieg?» Sie lachte und ich auch. Wie komme ich nur darauf, so etwas zu sagen. Aber sie verstand mich. Sie umhüllte mich mit solcher Wärme, wie ich sie sonst nur von meinem gelben Pullover im Winter bekomme. Die ganze Zeit dachte ich, ich hätte mich selbst getroffen – nur dass ich 70 war.
Dann gab es diese andere, so tolle, lebhafte Frau, die mir eines Tages ausgefallene rote Stiefel brachte – solche trägt man nicht jeden Tag. Sie hatte einfach bemerkt, dass ich im Winter Turnschuhe anhatte. «Sie sind für einen schönen Anlass, für den Ausgang», sagte sie. Diese Stiefel wurden für mich zu einem Symbol dafür, dass ein schöner Anlass unbedingt noch auf mich zukommen würde – irgendwann.
Meine coole Mitbewohnerin erinnerte mich sogar an meine Schwester. Eines Tages machte sie mir Frühstück. Und ich brachte ihr Obst, als sie krank war. Manchmal umarmen wir uns. Das braucht man so sehr.
Eine andere Bekanntschaft machte sich sehr Sorgen, ob ich denn auch Arbeit habe, weil sie ja wegen mir mehr für den Strom zahlt. Ginge es nach ihr, müsste ich morgen mit Putin verhandeln, damit sie selbst wieder weniger bezahlt.
Und dann gab es noch die eine, die mir Hilfe versprach, kurz nachdem ich in der Schweiz angekommen bin. Aber dann sah ich, wie sie Menschen behandelt, als wären sie ihre Untertanen. Das hat mich wirklich erschüttert. Ich konnte nicht verstehen, warum die ganze Welt die Ukrainer:innen unterstützt, während die Zeit in diesem kleinen Dorf, wo ich damals abgestellt wurde, stillzustehen scheint – als wäre man dort noch im Mittelalter. Erst später begriff ich, wie gross die Unterschiede zwischen dem Weltgeschehen und den Stereotypen in kleinen Dörfern sind.
Eine andere schaffte es sogar, mir vorzuwerfen, dass ich hier in der Schweiz von unglaublichen Vorteilen «im schönsten Land des Universums» profitiere. Das war geradezu lächerlich. Ich beobachtete sie schweigend. Schon erstaunlich, was für Menschen es gibt. Ich sah Boshaftigkeit, Neid – alles, ausser Menschlichkeit.
Menschen reden immer nur von sich selbst.
Aber es gab auch diese eine unglaubliche Frau, die mir beim Deutschlernen half – und bei einer Menge Lebensfragen. Das werde ich nie vergessen. Und eine andere ausserordentliche Frau, meine Heldin. Sie gab mir einfach ihre Decke – könnt ihr euch das vorstellen? Jedes Mal, wenn ich schlafen gehe, bedanke ich mich für die Wärme. Als wäre diese Decke kein Stück Wolle, sondern eine magische Wiege.
Diese wunderbare Frau wurde für mich zu dem Licht, dem ich folgen wollte. Wir alle stürzen manchmal und brauchen ein Licht. Ich erinnerte mich, wie oft ich selbst dieses Licht war, und wie es zu uns zurückkommt …
Michelle Obama schrieb in ihrem Buch Becoming: «Das Wichtigste ist nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe, in den Millionen von Arten und Weisen, auf die ich mich selbst unterstützt habe und den Menschen, die mir geholfen haben, an mich zu glauben.»
Danke – sage ich euch. Allen, denen ich begegnete.
Liliia Matviiv, 1988, stammt aus Lviv in der Ukraine. Die Journalistin, Essayistin und Sozialaktivistin ist im Frühling 2022 in die Schweiz gekommen und lebt derzeit in St. Gallen. Ol’ha Gneupel hat den Text übersetzt.
Wie es sich anfühlt, nach der Flucht endlich ein neues, eigenes Zuhause beziehen zu können und was das mit dem Film «Die Verurteilten» zu tun hat, schreibt Saiten-Kolumnistin Liliia Matviiv im Sommerheft.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.