Kein anderes Wettlesen im deutschsprachigen Raum geniesst derart viel Aufmerksamkeit wie der Bachmannpreis, der seit 1977 in Klagenfurt der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu Ehren verliehen wird.
Wer die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger des Bachmannpreises liest, erkennt die Bedeutung dieses Preises. Die meisten sind Eckpfeiler der Gegenwartsliteratur, Namen, die sich tief ins Bewusstsein aller Lesenden eingegraben haben. Namen, die in der Folge auch andere, noch viel bedeutendere Preise gewinnen konnten, medial weniger ausgeschlachtet, dafür nicht weniger ehrenvoll. So eine ganze Reihe Namen, die auch auf der Liste des Georg-Büchner-Preises auftauchen, dem renommiertesten Literaturpreis des deutschen Sprachraums.
Wo die Literatur Skandale auslöst
Aber ebenso schillernd sind die Namen der Jurymitglieder, die seit 1977 amten, allen voran der 2013 verstorbene Marcel Reich-Ranicki oder die «Literaturaktivistin» Nora Gomringer, mit der ich kurz vor den Bachmanntagen 2018 im Zug weg vom Literaturfestival Leukerbad mitkriegte, was Tage später auf ihrem T-Shirt während den TV-Übertragungen sichtbar wurde: Literaturkritik sei «der schlechteste Ausgangspunkt für die Unterhaltung mit einem Autor» – ein Bachmann-Zitat.
Und all die kleinen und grossen Skandale, die mit Getöse in die Geschichte des Preises eingingen. Sei es Reinald Goetz, der sich 1983 während der Lesung die Stirne mit einer Rasierklinge ritzte und seine Lesung blutend fortsetzte, der Schweizer Urs Allemann, der 1991 mit seinem Text Babyficker selbst das österreichische Parlament zum Diskutieren brachte, oder der Österreicher Philipp Weiss, der 2009 während seiner Performance vorgab, sein Manuskript zu verspeisen. Gewonnen haben sie nicht, aber da waren sie.
Zudem ist es der Preis selbst, 1977 gestiftet mit einer Preissumme, die den einen unverschämt, den andern umso bedeutsamer erschien. Heute sind es 25’000 Euro, eine Summe, die eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller nicht nur auf ein Podest hebt, sondern für eine Weile unabhängig macht. Und all jene, die nie einen Preis gewannen, von Juroren zerzaust und von den Medien geschimpft wurden, können in ihrer Biografie oder auf den Klappentexten ihrer Bücher trotzdem das Gütesiegel einer Teilnahme vermerken.
Im Vorjahr war die Rorschacherin Anna Stern zu Gast und gewann nach kontroversen Diskussionen einen der Nebenpreise, den 3sat-Preis.
Andrea Gerster bei der Lesung in Klagenfurt. (Bild: Bachmannpreis)
Diesmal las Andrea Gerster, eingeladen von der Literaturkritikerin Hildegard Elisabeth Keller, die schon das zehnte Jahr zur Jury des Bachmannpreises gehört, Das kann ich (der Text zum Nachlesen hier). Es ist die Geschichte einer zerbrechenden Ehe, einer Familie in der Krise, ein Text über Sorgerecht und dessen Verweigerung und Grosseltern von Kindern, die nichts retten können, über klaffende Wunden in einer Familie, die sich mit Geheimnissen, die im Streit offenbar werden, nur noch katastrophaler ins Unvermeidliche hineinmanövriert.
Erzählt ist der Text aus der Sicht von Carla, Grossmutter von Tilli und Mutter von dessen Vater Mathi, dem ehemaligen Burgtheater-Schauspieler. Mathi weint am Telefon, etwas, was er sonst nie tut, und Carla verletzt sich im Streit mit ihrer Schwiegertochter Julia mit einem Messer, etwas, was sie sonst auch nie tun würde. Katastrophen.
«Passiv-aggressiv» oder «bieder»?
Andrea Gerster las wie alle Kandidaten unter dem Porträt Ingeborg Bachmanns. Ihr Text spiegelt viel von dem, was sich in Familien abspielt, ist aber doch ganz traditionell, weit weg von den Skandaltexten der Vergangenheit – und doch viel zu nah an der Normalität. Nicht bloss an der Normalität des Geschehens, sondern auch an der des Erzählers.
Andrea Gerster gibt wieder, was passiert, bleibt aber eigenartig distanziert. Das mag an den vielen Wiederholungen liegen, aber auch daran, dass der Text nur wenige Dimensionen besitzt. Familientragödien genügen an sich. Aber die Katastrophen, die sie irreparabel anrichten, sind jene in der Tiefe der Seele. Da reichen auch Tränen und eine klaffende Wunde in der Hand nicht aus, um in diese Tiefe vorzudringen.
Bachmann-Jury 2019: Kastberger, Gomringer, Gmünder, Winkels, Keller, Wiederstein, Wilke (von links)
Jurorin Insa Wilke, Literaturkritikerin der Süddeutschen Zeitung, lobte die Biederkeit der Art des Erzählens, die kongruent zur Person der Grossmutter und ihrer Weltsicht sei, die «passiv-aggressive» Verzweiflung einer Mutter und Grossmutter, die aus meiner Sicht aber nicht an der Oberfläche bleiben dürfte. Was nur in Ansätzen zum Ausbruch kommt, was zaghaft und vielleicht typisch schweizerisch bleibt, ist die Bravheit des Textes, in dem kein Funke Risiko liegt – ohne dass dafür reales Blut fliessen oder mit Kraftausdrücken hantiert werden müsste.
Weitere Lesungen bis Samstag, Preisverkündigung am Sonntag. Die Lesungen sind live auf 3sat und on demand zu sehen und zu hören.
bachmannpreis.orf.at
Die Kritik blieb denn auch nicht aus. Juror Stefan Gmünder bemängelte die Ironielosigkeit und fand sie typisch schweizerisch, Klaus Kastberger vermisste Brüche und Kippmomente. Mehrmals hiess es: Der Text sei das Opfer seiner eigenen Mittel. Jurorin Hildegard Elisabeth Keller verteidigte die Langsamkeit des Erzählens mit den langsamen inneren Prozessen, die er abbilde, Michael Wiederstein schätzte die «guten und feinen» Beobachtungen im Unterschied zu den «Holzhammermethoden» der vorher gehörten Texte.
Wenn der preisgekrönte Schriftsteller Clemens J. Setz den Literaturbetrieb und die Klagenfurter Lesearena in seiner Eröffnungsrede mit der eines Wrestlingkampfs verglich, so war Andrea Gersters Text wohl doch einfach zu schmalbrüstig, zu wenig schwergewichtig.
Andrea Gerster, Jahrgang 1959, lebt im Thurgau, hat fünf Romane, drei Erzählbände sowie zahlreiche Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Ausserdem schrieb sie Theaterstücke und Textinstallationen für Kunstausstellungen. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Neuster Roman bei Lenos ist Alex und Nelli.
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