Kategorie
Autor:innen
Jahr

Blut im Schuh

Ein Stück, rot wie Blut und fröhlich wie ein Fest – «Zyklus XX» von Robina Steyer und dem ConFusionArt Collective bringt den weiblichen Zyklus auf die Bühne. Von Lilo Weber
Von  Gastbeitrag , 
(Bild: pd/Filmstill)

«Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck» – die zwei Tauben auf dem Haselbäumchen im Märchen Aschenputtel wissen Bescheid. Blut im Schuh, das ist falsch. Falsch für den Prinzen, der eine Frau sucht, und falsch für die Frau, die bislang auf zu grossem Fusse gelebt und ihn nun für den Prinzen zurechtgeschnitten hat. «Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim», wissen die Tauben. Der Prinz, er braucht eine Frau auf kleinerem Fuss, eine, die nicht blutet, die rein ist – und zu Hause sitzt und wartet.

Aber das tun an diesem Abend Oriana Bräu-Berger und Robina Steyer keineswegs. Sie haben ihr rötestes Kleid angezogen und tanzen und singen sich im TanzRaum Herisau das Blut, das viel geschmähte, vom Leib. Dies selbstredend metaphorisch, gehört es doch zu ihnen, wie ihr ganzer Körper. Und der will tanzen. Und zusammen bleiben.

Kulturelles Tabu

Zyklus XX. Tanzstück von Robina Steyer und dem ConFusionArt Collevtive.

Weitere Vorstellungen:
14. Mai, Tanzfest, Offene Kirche St.Gallen;
20. Mai, Rösslisaal Trogen;
21. Mai, Postremise Chur;
3. Juni, Gasometer Triesen FL

zyklusxx.ch

Blutende Frauen sind nicht rein. Davon spricht schon das 3. Buch Moses, Kapitel 15: «Wenn eine Frau ihren Blutfluss hat, so soll sie sieben Tage für unrein gelten. Wer sie anrührt, der wird unrein sein bis zum Abend.» Menstruierende Frauen gelten in verschiedenen Religionssystemen als unrein und werden zum Teil noch heute aus religiösen Ritualen ausgeschlossen. Während im Alltag das Blut der Frauen möglichst unbemerkt fliessen soll, unsichtbar, unriechbar und nach Möglichkeit unfühlbar – Frauen, auch menstruierende, wollen im heutigen Berufsleben so reibungslos funktionieren wie ihre Kollegen.

Da setzt das Tanzstück Zyklus XX von Robina Steyer und ConFusionArt Collective ein. Die ehemalige Tänzerin am Theater St.Gallen will mit ihrer Performance ein Stück beitragen zur Enttabuisierung des Themas Menstruation. Also tanzt sie mit Oriana Bräu-Berger den weiblichen Zyklus in seinen verschiedenen Phasen.

Den Soundteppich legt den beiden Frauen in Rot Maximilian Näscher – wenn sie nicht gleich selbst am Mikrophon flüstern, schnalzen, singen, rappen. «So much better» – Robina Steyer wiederholt es, während Oriana Bräu-Berger tanzt, «I believe in me» und die beiden Frauen tanzen ausgelassen, als wären sie im Club.

Lebenslust statt Anklage

Dann werden die Bewegungen eckig, brechen da und dort ab. Die Frauen schlüpfen in das riesige rote Überkleid, das Laura Oertle und Marisa Mayer für sie geschaffen haben. Sie verpuppen sich, werden zum gigantischen Insekt, das irgendwie schlüpft, liegen bleibt, schmerzverzerrt und wimmernd. Darf Frau einander noch berühren? Die Umarmung bleibt auf halbem Weg stecken. Also lieber weiter tanzen – und das tut Oriana Bräu-Berger in sehr schönem Timing zur Stimme von Robina Steyer.

Ein wichtiges Thema und eine schöne Performance – wenn auch etwas brav. Ich würde mir wünschen, dass sich die beiden Frauen weiter aus ihrer Haut trauten, würde ihnen mehr Mut zur Hässlichkeit wünschen, auf dass ihr Stück auch Wunden aufrisse. Das Thema tänzerisch umzusetzen ist indes äusserst anspruchsvoll und es ist Robina Steyer hoch anzurechnen, dass sie der Körpersprache vertraut. Keine Klagen und schon gar nicht Anklagen – dafür Tanz und Lebenslust.

Zyklus XX ist nicht ein Stück über irgendwelche Mängel des weiblichen Körpers oder Daseins, sondern eins über Selbstfindung und Selbstermächtigung. Es wird vielleicht nicht den Weg an ein renommiertes europäisches Tanzfestival finden, aber es ist genau das richtige Stück für das St.Galler Tanzfest am nächsten Wochenende. Da ist zu hoffen, dass es ganz viele Frauen sehen und dann tanzen gehen, blutend oder nicht. Und sollten ihnen die Tampons ausgehen, ists auch egal.

 

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz